• Veröffentlichungsdatum: 16.12.2019
  • – Letztes Update: 19.12.2019

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„Unternehmen Lehrgang“

Patrick Benko

(Grafik: TD/Rizzardi, U.S. Army/gemeinfrei; Montage: Keusch)
(Grafik: TD/Rizzardi, U.S. Army/gemeinfrei; Montage: Keusch)

Verzögerung zur Rücknahme der Achsenmächte aus Sizilien 1943 (Zweiter Weltkrieg)

Die Verzögerung schafft die Voraussetzungen für andere Einsatzarten, daher sucht sie keine Entscheidung im Gefecht. Das Ziel der Verzögerung ist es, den Feind zu verlangsamen, ihn abzunutzen, Raum für den Gewinn von Handlungsfreiheit oder Zeit zu erkämpfen und dabei die eigene Kampfkraft zu erhalten.

Die Wahl der Verzögerungslinien und somit des Geländes ist in der Verzögerung ein entscheidender Faktor, um das Vordringen des Gegners nachhaltig zu verlangsamen und ihn gezielt abzunutzen. Dabei sollte das Gefecht so rechtzeitig abgebrochen werden, dass es zu keiner Verzahnung kommt. In der Verzögerung wird zwischen der zeitlich begrenzten Verteidigung und dem Verzögerungskampf unterschieden. Bei der zeitlich begrenzten Verteidigung wird die Zeit direkt an den Verzögerungslinien erkämpft, beim Verzögerungskampf wird der gesamte Raum zwischen den Linien verwendet. Eine Kombination aus beiden ist die selbstständige Verzögerung.

Maschinengewehrtrupp der Deutschen Wehrmacht während des Unternehmens Lehrgang. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-J14917/CC BY-SA 3.0)
Maschinengewehrtrupp der Deutschen Wehrmacht während des Unternehmens Lehrgang. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-J14917/CC BY-SA 3.0)

Konflikt im Großen

Gründe für die Kampfhandlungen in Sizilien 

Josef Stalin bestand bereits 1941 auf der Eröffnung einer zweiten Front, um den Druck von der Sowjetunion zu nehmen. Dies konnte von britischer und amerikanischer Seite jedoch noch nicht durchgeführt werden, da es an Truppen mangelte. Als die Alliierten Anfang 1943 eine deutliche Schwächung der Deutschen erkannten, wurde die Eröffnung einer zweiten Front beschlossen. Eine Invasion über den Ärmelkanal wäre zu diesem Zeitpunkt aufgrund der nicht ausreichend zur Verfügung stehenden Truppen gescheitert. So fiel die Wahl auf Sizilien als nächstes Operationsziel, nachdem einerseits im Osten die Sowjets die Schlacht um Stalingrad für sich entschieden hatten und andererseits mit der Landung großer amerikanischer Verbände in Marokko (Operation „Torch“), das deutsche Afrikakorps zur Kapitulation gezwungen wurde. Drei Gründe waren für diese Entscheidung ausschlaggebend: Erstens konnte durch eine Eroberung der Seeweg durch das Mittelmeer gesichert werden. Zweitens waren aufgrund der Größe der Insel nur relativ geringe alliierte Truppen zur Abwehr eines deutschen Gegenangriffes oder für die Besatzung notwendig. Drittens konnten alliierte Bomberbasen auf die Flugplätze der Insel vorverlegt werden, um von dort aus Ziele im Mittelmeerraum anzufliegen.

Beteiligte Konfliktparteien

Auf alliierter Seite stand die XV. Armeegruppe, die aus der 7. US-Armee und der 8. britischen Armee bestand, zur Verfügung. Insgesamt waren zwölf Divisionen, zwei Brigaden und ein Bataillon an der alliierten Invasion beteiligt. Die Verteidiger waren italienische Einheiten und Teile des deutschen XIV. Panzerkorps. Das italienische Armeeoberkommando 6 bestand aus zwei Armeekorps mit neun Divisionen, einem Regiment und zwei Brigaden. Auf deutscher Seite stand das XIV. Panzerkorps, das aus der 15. und der 29. Panzergrenadierdivision und der Panzerdivision „Hermann Göring“ bestand. Dieses Panzerkorps wurde in weiterer Folge für die Verzögerung eingesetzt.

Rahmenbedingungen des Handelns 

Benito Mussolini, der italienische Premierminister und „Führer des Faschismus“, wurde nach der alliierten Landung abgesetzt. Die neue Regierung blieb zwar offiziell auf Hitlers Seite, verhandelte jedoch bereits geheim mit den Alliierten. Deshalb und aufgrund der wenig ambitionierten Kampfführung der italienischen Truppen waren die Italiener kein ernst zu nehmender Gegner mehr. Die Absicht Hitlers war es, Sizilien unbedingt zu halten. Da die Alliierten aber bereits weit vorgestoßen waren und nur begrenzte deutsche Kräfte auf Sizilien zur Verfügung standen, war dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt. Nach weiteren Gebietsverlusten gab Generalfeldmarschall Kesselring am 10. August 1943 den Befehl für die Räumung Siziliens, ohne Hitler darüber zu informieren.

(Karte: TD/Rizzardi)
(Karte: TD/Rizzardi)

Taktische Ausgangslage

Raum

Das Gelände Siziliens ist entlang der Küste durch schmale ebene Flächen geprägt. Das Landesinnere ist vorwiegend von gebirgigem Gelände durchzogen. Im Nordosten der Insel verjüngt sich das Gelände zwischen dem Ätna und Messina. Entscheidende Höhen befinden sich vor allem im Raum des Ätnas mit der größten Drehscheibe im Raum Catania (südlich des Ätnas). Weitere Drehscheiben existieren südlich und westlich sowie bei Randazzo. Mögliche Stoßrichtungen befinden sich aufgrund der Berge überwiegend an den Küsten sowie entlang einiger Täler und um den Ätna. Schnelle Truppenbewegungen sind nur auf leistungsfähigen küstennahen Bewegungslinien möglich. Im Landesinneren gibt es enge und kurvenreiche Straßen. Eine Bewegung abseits des Straßennetzes ist nahezu unmöglich.

Absicht der Konfliktparteien

Die Absicht der Alliierten war es, die Evakuierung der Deutschen von der Insel zu verhindern. Mithilfe intensiver Luftschläge gegen die Straße von Messina sollten die gegnerischen Küstenbatterien vernichtet und danach mit See- und Landstreitkräften weiter vorgegangen werden. Das Ziel im Norden war es, mit der 7. US-Armee selbstständig mittels Landungen von See aus oder in Verbindung mit Luftlandungen in die Tiefe der Deutschen zu gelangen, um die Einheiten der Wehrmacht abzuschneiden. Die Absicht der 8. britischen Armee war es, sich nördlich und südlich des Ätna Richtung Messina durchzukämpfen.

Die Absicht der Deutschen für das „Unternehmen Lehrgang“ sah vor, innerhalb von fünf Tagen den Feind über vier sich immer weiter verjüngende Verzögerungslinien zu verzögern und damit jene Zeit zu erkämpfen, um die verbliebenen etwa 50.000 Mann über die Straße von Messina auf das italienische Festland zu evakuieren. Bei Erreichen einer Verzögerungslinie (VzL) sollten jeweils zwei Drittel einer Division zu den Übersetzstellen in Messina in Marsch gesetzt werden. Zur Verteidigung gegen alliierte Luftangriffe dienten etwa 500 Fliegerabwehrkanonen im Raum der Straße von Messina.

Britische Soldaten landen am 10. Juli 1943 in Sizilien an. (Foto: Imperial War Museum/gemeinfrei)
Britische Soldaten landen am 10. Juli 1943 in Sizilien an. (Foto: Imperial War Museum/gemeinfrei)
Ein britischer Sherman-Panzer fährt im Juli 1943 durch eine Stadt in Sizilien. (Foto: Imperial War Museum/gemeinfrei)
Ein britischer Sherman-Panzer fährt im Juli 1943 durch eine Stadt in Sizilien. (Foto: Imperial War Museum/gemeinfrei)
Abgeschossener deutscher Panzerkampfwagen VI "Tiger" in Sizilien. (Foto: U.S. Army/gemeinfrei)
Abgeschossener deutscher Panzerkampfwagen VI "Tiger" in Sizilien. (Foto: U.S. Army/gemeinfrei)

Verlauf des Gefechtes

Bereits in den Morgenstunden des 9. Juli 1943 begann die Invasion Siziliens vom afrikanischen Festland aus. Die Alliierten stießen nach der geglückten Landung rasch in das Landesinnere vor, wobei die 7. US-Armee über den Westen und die 8. britische Armee über den Osten der Insel angriffen. Durch den Wegfall des Großteils der italienischen Kräfte waren die Deutschen nicht mehr in der Lage, den anlandenden Gegner ins Meer „zurückzuwerfen“. Vielmehr gerieten die deutschen Divisionen immer weiter in die Defensive und setzten sich ab 5. August schließlich auf die Linie Capo d’Orlando-Randazzo-Ätna-Giarre ab. Die Lage spitzte sich für die Deutschen zu, weshalb General Hube, dem Kommandanten des XIV. Panzerkorps, die Räumung der Insel für die Nacht des 11. August befohlen wurde.

Die verkürzte Brückenkopfstellung (VzL 1) wurde ab 10. August von der Masse der deutschen Divisionen besetzt. Das Gelände ließ es zu, dass sich pro Division beim Absetzen auf die jeweils nächste VzL etwa zwei Drittel jeder Division nach Messina absetzen konnten. Die in der Mitte eingesetzte 15. Panzergrenadierdivision war die erste, die von der Insel evakuiert wurde. Ihr Absetzweg wurde im Westen von der 29. Panzergrenadierdivision offengehalten. Bis zum Abend des 12. August setzten sich alle Divisionen auf die VzL 2 ab. Durch Sprengungen wurden die leistungsfähige Bewegungslinie im Norden und ein Tunnel im Landesinneren blockiert und so der alliierte Vormarsch erheblich behindert.

Mit 14. August waren nur noch bataillonsstarke Kräfte an der dritten VzL eingesetzt. Die Alliierten konnten den Kontakt zum Gegner erst wiederherstellen, als sich dieser am 15. August bereits zur vierten und letzten VzL abgesetzt hatte. Dort befanden sich nur mehr deutsche Kräfte in Kompaniestärke, deren Evakuierung für den 16. August angeordnet war. Schlussendlich meldete Hube am 17. August um 0635 Uhr den erfolgreichen Abschluss des „Unternehmens Lehrgang“. Insgesamt wurden mehr als 50.000 Mann mit ihrer Ausrüstung und etwa 6.000 Fahrzeuge, Geschütze und Panzer auf das italienische Festland evakuiert.

Der britische General Montgomery (li.) und der US-General Patton reichen sich in Palermo die Hände. (Foto: U.S. Army/gemeinfrei)
Der britische General Montgomery (li.) und der US-General Patton reichen sich in Palermo die Hände. (Foto: U.S. Army/gemeinfrei)

Besonderheiten des „Unternehmens Lehrgang“

Die Besonderheit der Verzögerung beim „Unternehmen Lehrgang“ lag in der Wahl des Geländes. Mit dem Einsatz zweier Divisionen an den leistungsfähigen Bewegungslinien entlang der Küste jeweils im Norden und Süden und einer Division im gebirgigen Landesinneren konnten die Alliierten ausreichend lange verzögert werden, damit die Deutschen vollzählig von der Insel evakuiert werden konnten. Auch die Wahl der Verzögerungslinien an den Höhenrücken war ein Grund für den Erfolg. Das sich Richtung Messina immer weiter verjüngende Gelände erlaubte es, gleichzeitig zu verzögern und im Zuge dessen Teile der jeweiligen Division für die Evakuierung in Marsch zu setzen. Aufgrund der Charakteristik des Geländes war es möglich, die jeweils nächste Verzögerungslinie mit geringeren Kräften zu besetzen.

Zusammenfassung

Die alliierte Invasion der Insel Sizilien war nach insgesamt 38 Tagen beendet. Den Deutschen stand eine nach Mannschaftsstärke fünffache Überzahl an Soldaten gegenüber, deren Überlegenheit hinsichtlich der Ausrüstung noch deutlich höher war. Der Verlust von Sizilien war aus deutscher Sicht eine Niederlage, dennoch wurden über 50.000 deutsche Soldaten und etwa 6.000 Fahrzeuge, Geschütze und Panzer von der Insel evakuiert. Diese Truppen standen auf dem italienischen Festland für weitere Einsätze kampfkräftig zur Verfügung, weshalb von einer erfolgreichen Operation des Besiegten gesprochen werden kann.

zur Artikelserie

Leutnant Patrick Benko, BA ist Offizier beim Flugverkehrs- und Kontrolldienst.

 

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