• Veröffentlichungsdatum: 14.05.2020
  • – Letztes Update: 21.05.2020

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Marsch an die Traisenlinie

Gerold Keusch

(Symbolfoto: Archiv TD, BEV; Montage: Keusch)
(Symbolfoto: Archiv TD, BEV; Montage: Keusch)

Am 4. April 1945 begann die 3. Ukrainische Front der Roten Armee mit der Westumfassung Wiens, um die Voraussetzung für den Angriff auf die Stadt zu schaffen. Sie begnügte sich jedoch nicht mit dem Angriff auf Wien, sondern griff auch südlich der Donau Richtung Westen an. Am 13. April hatten ihre Spitzen die Traisen erreicht und machten sich für den Angriff auf St. Pölten bereit.

Die Kampfhandlungen zwischen Wien und St. Pölten waren bis zur Etablierung der letzten Hauptkampflinie zwischen Krems und Lilienfeld ein Teil der „Wiener Operation“, die offiziell am 15. April mit dem Fall von St. Pölten beendet war. Diese Operation umfasste das gesamte militärische Vorgehen im Großen (auf der operativen Ebene), um Wien zu nehmen. Der Kampf in der Stadt war dabei nur ein – wenn auch der wesentlichste – Aspekt, da eine Operation neben ihrem Hauptzweck die Gesamtheit der Vorbereitungs-, Begleit- und zusätzlichen Militäraktionen umfasst.

Die Wiener Operation beinhaltete somit

  • den sowjetischen Aufmarsch in Ungarn,
  • den Vorstoß im Norden, Osten und Süden von Wien, bei dem mehrere Zwischenziele genommen wurden,
  • den Beginn der Kampfhandlungen am südlichen Stadtrand,
  • die Westumfassung der Stadt über den Wienerwald sowie die Umfassung aus dem Nordosten,
  • den daraus resultierenden Angriff aus dem Westen und Nordwesten (neben dem bereits laufenden Angriff im Süden),
  • die Kämpfe innerhalb des Stadtgebietes mit den damit verbundenen Häuserkämpfen,
  • die Einnahme der Stadt nach der erfolgreichen Beendigung der Kämpfe und
  • die Sicherung des Angriffszieles vor Ort und in der Tiefe.

Mit dem Besitz der Stadt war die Wiener Operation noch nicht abgeschlossen. Nun musste der Raum rund um das Angriffsziel ausgeweitet werden, um einen Puffer zu schaffen, damit das Angriffsziel langfristig in den Händen der Sowjets bleiben konnte. Das war notwendig, um in Wien ohne einer Bedrohung aus dem Rücken kämpfen zu können und die Stadt nicht beim ersten Gegenangriff zu verlieren. Da die Operation an der Traisen endete, war der Raum zwischen dem nördlichen Alpenvorland, den Flüssen Traisen und Donau sowie der Stadt Wien diese Pufferzone im Falle eines deutschen Gegenangriffes.

Generaloberst Sepp Dietrich, Kommandant der 6. SS-Panzerarmee. (Bundesarchiv, Bild 101I-163-0336-06A; CC BY-SA 4.0)
Generaloberst Sepp Dietrich, Kommandant der 6. SS-Panzerarmee. (Bundesarchiv, Bild 101I-163-0336-06A; CC BY-SA 4.0)
Marschall Fjodor Tolbuchin, der Kommandant der 3. Ukrainischen Front der Roten Armee. (Foto: mil.ru; CC BY-SA 4.0)
Marschall Fjodor Tolbuchin, der Kommandant der 3. Ukrainischen Front der Roten Armee. (Foto: mil.ru; CC BY-SA 4.0)

Eingesetzte Kräfte 

Auf der sowjetischen Seite waren im Großraum Wien die 2. und die 3. Ukrainische Front eingesetzt, die hinsichtlich ihrer Größe in etwa einer deutschen Heeresgruppe entsprachen. Die 3. Ukrainische Front operierte östlich und in weiterer Folge nördlich der Alpenausläufer und war somit jener Großverband, dessen Armeen und Korps in dem beschriebenen Raum zum Einsatz kamen. Die Spitze der Westumfassung Wiens bildete das 38. Garde-Schützen-Korps (9. Garde-Armee). Dahinter folgten das 5. Garde-Panzer-Korps und das 9. Garde-Mech-Korps (6. Garde-Panzer-Armee), das 31. Garde-Schützen-Korps (4. Garde-Armee) und das 18. Panzerkorps (27. Armee). Nach der geglückten Westumfassung Wiens stießen das 38. Garde-Schützen-Korps und das 18. Panzer-Korps an die Traisen, da die anderen drei Korps in Wien eingesetzt waren.

Auf der deutschen Seite befanden sich im Großraum Wien zunächst zwei und ab dem 8. April 1945 (Aufstellung des Korps Schultz), drei Korps der 6. SS-Panzerarmee, die eine von vier Armeen der Heeresgruppe Süd war. Während der Westumfassung Wiens kämpften die Sowjets gegen die 12. SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“, die am linken Flügel des I. SS-Panzerkorps eingesetzt war und gegen diverse Verbände, die sich in der Tiefe befanden und rasch an die Front geworfen wurden. Bei ihrem Stoß an die Traisen zwischen der Donau und dem Alpenvorland war zunächst die Kampfgruppe Staudinger und danach das aus ihr hervorgegangene Korps Schultz der Gegner der Sowjets.

Soldaten der Roten Armee marschieren im Frühjahr 1945 durch ein österreichisches Dorf. (Foto: HGM)
Soldaten der Roten Armee marschieren im Frühjahr 1945 durch ein österreichisches Dorf. (Foto: HGM)

Marsch zur Traisen

Der Vorstoß der sowjetischen Kräfte an die Traisenlinie lässt sich in die folgenden Abschnitte einteilen: 1) das Überschreiten der Staatsgrenze bei Klostermarienberg am 29. März bis zum Vorstoß auf Baden, 2) die Westumfassung Wiens vom 4. April bis zum Erreichen der Donau am 8. April und 3) den Angriff Richtung Westen vom 9. April bis zum Erreichen der Traisen am 13. April.

Von Klostermarienberg bis Baden

Am 29. März 1945 überschritten die Sowjets die österreichische Staatsgrenze bei Klostermarienberg (Burgenland). Rasch stießen die Armeen der 3. Ukrainischen Front (9. Garde-Armee, 6. Garde-Panzer-Armee und 4. Garde-Armee) über Wiener Neustadt zwischen den östlichen Alpenausläufern und dem Neusiedler See aus dem Süden Richtung Wien. Nordöstlich des Neusiedler Sees stieß die sowjetische 46. Armee, die zur 2. Ukrainischen Front gehörte und der rechte Nachbar der 3. Ukrainischen Front war, aus dem Südosten nach Wien.

Die deutschen Verteidigungskräfte Wiens, die mit Masse aus dem II. SS-Panzerkorps bestanden, richteten sich in der Stadt auf einen Angriff aus dem Süden und Südosten ein, vernachlässigten jedoch den Ausbau von Verteidigungsanlagen im Westen und Südwesten. Aus dieser Richtung wurde ein sowjetischer Angriff aufgrund des verteidigungsgünstigen Wienerwaldes als unwahrscheinlich beurteilt. Die dort eingesetzten Kräfte der 12. SS-Panzerdivison „Hitlerjugend“ verfügten personell und materiell jedoch nicht über ihre volle Kampfstärke und der Ausbau einer Verteidigungslinie nordwestlich von Baden war ebenfalls nicht erfolgt, weshalb dort eine Lücke in der Front bestand.

Am 3. April hatte die Rote Armee die Stadt Baden genommen. Ihren Angriffsspitzen war nicht entgangen, dass die deutsche Front nordöstlich von Baden so unzureichend besetzt und lückenhaft war, dass sie de facto nicht existierte. Mittlerweile war auch die sowjetische Aufklärung – unter anderem wegen der Unterstützung durch Daten der US-Luftaufklärung und Informationen der Wiener Widerstandsbewegung unter Major Carl Szokoll – über den Einsatz der deutschen Truppen informiert. Zusätzlich waren die Kräfte hinter der Front bereits für eine Umfassung von Wien aus dem Westen aufgestellt, um die Stadt zu umgehen und in weiterer Folge mit einem Zangenangriff zu nehmen.

Eine sowjetische LKW-Kolonne überquert die Stadtgrenze von Wien. (Foto: Grigoryev; gemeinfrei)
Eine sowjetische LKW-Kolonne überquert die Stadtgrenze von Wien. (Foto: Grigoryev; gemeinfrei)
Karte der Wiener Operation. (Grafik: mil.ru; CC BY-SA 4.0)
Karte der Wiener Operation. (Grafik: mil.ru; CC BY-SA 4.0)

Die Westumfassung Wiens 

Der Stoß in den Westen wurde vor allem von Teilen der 9. Garde-Armee und der 6. Garde-Panzer-Armee geführt, die dabei von Teilen der 27. Armee unterstützt wurden. Dieser Abschnitt lässt sich in zwei Phasen teilen: Erstens, den Vorstoß durch den Wienerwald, bei dem die Sowjets vom 4. bis. 6. April mit Kavallerie- und Infanterieverbänden vorfühlten, bis zum Riederberg vorstießen und entlang der Linie Pressbaum – Purkersdorf – Hütteldorf mit dem Angriff auf Wien aus dem Westen begannen. Zweitens, den kampfkräftigen Vorstoß wesentlicher Kräfte der 3. Ukrainischen Front vom 7. bis 9. April bis an die Donau mit der Einnahme von Tulln durch das 38. Garde-Schützen-Korps und dem Schwenk der restlichen sowjetischen Kräfte einerseits über Klosterneuburg nach Wien und andererseits in Richtung Traisen. In diesen beiden Phasen wurde Wien isoliert, ein Puffer zu den deutschen Kräften im Westen geschaffen und die Stadt – neben den bereits stattfindenden Angriffen im Süden und Südosten – auch aus den Richtungen Purkersdorf – Hütteldorf (Westen) und Klosterneuburg – Kahlenberg (Nordwesten) „in die Zange genommen“ und angegriffen.

Vorstoß durch den Wienerwald

Am 4. April begann das 38. Garde-Schützen-Korps der 9. Garde-Armee mit der Westumfassung Wiens. Die Sowjets stießen mit einer westlichen Staffel über das Helenental und einer östlichen Staffel entlang von Gaaden nordöstlich von Baden vor. Die westliche Staffel stieß praktisch ohne Gegenwehr bis zur Linie Alland – Mayerling – Heiligenkreuz. Bei Alland traf sie auf Einheiten der 12. SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“, mit denen sie den Kampf aufnahm, um die deutschen Kräfte an ihrer Flanke zu binden und weiter Richtung Norden vorgehen zu können. Die östliche Staffel wurde bereits in Gaaden in Gefechte verwickelt und geriet, nachdem sie den Kampf dort für sich entscheiden konnte, in Sittendorf erneut in ein Rückzugsgefecht.

Angriff der Sowjets über ein Bahngelände in Niederösterreich. (Foto: HGM)
Angriff der Sowjets über ein Bahngelände in Niederösterreich. (Foto: HGM)

Die Sowjets setzten ihren Angriff am 5. April bei nur geringem deutschen Widerstand bis Tullnerbach fort. Tullnerbach fiel kampflos, in Pressbaum und Purkersdorf kam es erneut zu Rückzugsgefechten. Wie wenig deutsche Reserven zu diesem Zeitpunkt noch in der Tiefe verfügbar waren, zeigt der Umstand, dass die sowjetischen Kräfte zwischen Hochrotherd und Wolfsgraben de facto unbehelligt entlang einer schmalen Bewegungslinie vorgehen konnten, um die Linie Pressbaum – Tullnerbach – Purkersdorf zu nehmen. Die wenigen noch vorhandenen deutschen Einheiten wurden in diesen Orten eingesetzt, wo sie sich im Schutz der Gebäude zur zeitlich begrenzten Verteidigung einrichteten, um kurze Nachhut- bzw. Rückzugsgefechte zu führen.

Am 6. April nahmen die Sowjets Purkersdorf und Pressbaum. Nach dem Fall der Drehscheibe Purkersdorf war einerseits der Weg entlang des Wientales über Hütteldorf nach Wien, andererseits die Höhenstraße über Gablitz und dem Riederberg Richtung Tulln frei. Die Sowjets nutzten die freigekämpfte Stoßlinie für den Angriff des 9. Garde-Mech-Korps, das unmittelbar nach dem Fall von Purkersdorf Richtung Osten nach Wien stieß. Die weitere Westumfassung Richtung Norden führte das 38. Garde-Schützen-Korps erneut mit zwei Staffeln durch, einer westlichen von Pressbaum nach Rappoltenkirchen und einer östlichen von Purkersdorf über Gablitz zum Riederberg. Darüber hinaus verbreiterten die sowjetischen Kräfte den Korridor Richtung Westen, indem sie bis Eichgraben und Brand-Laaben vorstießen und dort Sicherungen einsetzten.

Die Verbände der Deutschen Wehrmacht lieferten der Roten Armee bei der Ausweitung des Korridors teilweise heftige, wenn auch nur über ein paar Stunden dauernde, Rückzugskämpfe. Dem Vorstoß Richtung Norden – der die Einkreisung von Wien erst ermöglichte und den Sowjets einen operativen Vorteil brachte – setzten sie praktisch nichts entgegen. Beinahe ungehindert konnten die Spitzen des 38. Garde-Schützen-Korps über Gablitz den Riederberg nehmen. Nachdem dieser in sowjetischer Hand war, lag das Tullnerfeld für die Rote Armee „auf dem Präsentierteller“. Die Westumfassung Wiens war deutlich einfacher und rascher möglich gewesen, als das von der Führung der 3. Ukrainischen Front angenommen worden war.

(Grafik: BEV; Montage: Keusch)
(Grafik: BEV; Montage: Keusch)
(Grafik: BEV; Montage: Keusch)
(Grafik: BEV; Montage: Keusch)
(Grafik: BEV; Montage: Keusch)
(Grafik: BEV; Montage: Keusch)

Vom Vorstoß zum Zangenangriff

Als am 4. April der sowjetische Stoß nordöstlich von Baden begann, griffen die Sowjets – so wie es die Deutsche Wehrmacht beurteilt hatte – bereits seit dem 2. April Wien aus dem Süden und Südosten an. Doch so einfach sich der Vorstoß über den Wienerwald gestaltete, so schwer war der Angriff im Süden Wiens. Aus diesem Grund wurde am 5. April der Entschluss gefasst, die Stadt ab dem 6. April mit starken Kräften im Westen zu umfassen und in weiterer Folge die sowjetische Hauptangriffsrichtung zu ändern und aus dem Westen anzugreifen. Somit wurde aus einer Umfassung, die ursprünglich den eigenen Rücken freihalten sollte, um sich vor Überraschungen zu schützen und ihre Handlungsfreiheit zu gewährleisten, ein Zangenangriff. Dieses taktisch-operative Verfahren wandten die Sowjets nicht nur bei der Wiener Operation, sondern wann immer es ihnen möglich war, auf de facto jeder Führungsebene, an. Dabei wurde ein Geländeteil (in der Regel eine Stadt) eingekreist und nur ein kleiner Korridor offengehalten, um den Verteidigern den Rückzug zu ermöglichen und so einen langen und verlustreichen Häuserkampf zu vermeiden.

Ab dem 6. April führten die Sowjets vier zusätzliche Korps entlang der „freigekämpften“ Straßen des Wienerwaldes nach: das 9. Garde-Mech-Korps und das 5. Garde-Panzerkorps der 6. Garde-Panzer-Armee, das 31. Garde-Schützen-Korps der 4. Garde-Armee und das 18. Panzerkorps der 27. Armee. Somit fuhren insgesamt fünf Korps hintereinander in einem beinahe friedensmäßigen Marsch durch die schmalen Straßen des Wienerwaldes, ohne dass die Deutschen zuvor versucht hätten, diese unpassierbar zu machen oder danach Jagdkommandos eingesetzt hätten. Diese hätten den Vorstoß der Roten Armee in diesem Bereich empfindlich stören können, da dieses Gelände leicht zu verteidigen ist und ein verdecktes Annähern und Absetzen ermöglicht.

Die Wiener Operation im Überblick. In der Artikelserie wird jener Teil der Operation thematisiert, bei dem die Sowjets von Wien an die letzte Hauptkampflinie vorstießen. (Grafik: Jörg Aschenbrenner)
Die Wiener Operation als Zangenangriff. (Grafik: Jörg Aschenbrenner)

Exkurs: Widerstandsgruppe im Wiener Wehrkreiskommando

Der sowjetische Vorstoß entlang des Wienerwaldes in den Westen bzw. Nordwesten von Wien setzte ein umfassendes Lagebild voraus. Dieses erhielten sie durch eigene Luft- und Bodenaufklärung, den Lagemeldungen der bereits kämpfenden Einheiten im Süden und Südosten von Wien, der US-Luftaufklärung sowie vom österreichischen militärischen Widerstand beim Wehrkreiskommando XVII, das sich in Wien befand.

Der Leiter der österreichischen Widerstandzelle war Major Carl Szokoll, der bereits bei der „Operation Walküre“ – dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 – als Verbindungsmann beteiligt war, damals jedoch unerkannt blieb. Als sich die Rote Armee im April 1945 Wien näherte, leitete Szokoll die Kontaktaufnahme zwischen seiner Gruppe und den Sowjets und plante die „Operation Radetzky“, wie die möglichst kampflose Übergabe von Wien an die Sowjets genannt wurde. Am 2. April schlug sich Feldwebel Ferdinand Käs durch die Front und schaffte es, mit dem Kommandanten der 9. Garde-Armee Verbindung aufzunehmen. Käs informierte diesen über den Einsatz der deutschen Kräfte in Wien und über den Plan der Widerstandsgruppe, den Kampf um Wien so gut wie möglich zu verhindern, um die Stadt und ihre Bevölkerung zu schonen. Am 4. April schaffte es Käs, erneut auf abenteuerliche Weise durch die Front zu kommen und nach Wien zurückzukehren.

Die „Operation Radetzky“ scheiterte, da sie bereits frühzeitig aufgedeckt wurde und abgebrochen werden musste. Major Karl Biedermann, Hauptmann Alfred Huth und Oberleutnant Rudolf Raschke wurden verhaftet, von einem SS-Standgericht zum Tode verurteilt und am 8. April am Floridsdorfer Spitz an Straßenlaternen gehängt. Szokoll wurde gewarnt und floh nach Purkersdorf, wo sich bereits die Sowjets befanden, denen er vom Scheitern der Operation berichtete. Ob und wie lange sie den Kampf um Wien verkürzen hätte können, lässt sich nicht beantworten. Das gleiche gilt für die Informationen, die Ferdinand Käs übermittelte. Zumindest bestätigten sie das Ergebnis der bisherigen Aufklärung durch eine weitere Quelle und zeigten den Sowjets, dass sie Verbündete in den Reihen der Wehrmacht hatten, die in Wien eingesetzt waren.

Tafel am Eingangsbereich der Biedermann-Huth-Raschke-Kaserne in Wien-Breitensee. (Foto: Bundesheer)
Tafel am Eingangsbereich der Biedermann-Huth-Raschke-Kaserne in Wien-Breitensee. (Foto: Bundesheer)
Tafel und Denkmal zu Ehren Carl Szokolls im dem nach ihm benannten Hof in der Rossauer-Kaserne in Wien. (Foto: Bundesheer)
Tafel und Denkmal zu Ehren Carl Szokolls im dem nach ihm benannten Hof in der Rossauer-Kaserne in Wien. (Foto: Bundesheer)
Die Gedenktafel im Szokoll-Hof. (Foto: Bundesheer)
Die Gedenktafel im Szokoll-Hof. (Foto: Bundesheer)
Gedenkstein an Carl Szokoll in dem nach ihm benannten Park in Wiener Neustadt. (Foto: TOWN, Werner Sulzgruber)
Gedenkstein an Carl Szokoll in dem nach ihm benannten Park in Wiener Neustadt. (Foto: TOWN, Werner Sulzgruber)

Die Einnahme von Tulln

Nachdem die Sowjets am 6. April den Rand des Tullner Beckens erreicht hatten, brach in Tulln die Panik aus. Von der Stadt aus konnte man Fahrzeugkolonnen der Sowjets beobachten, die über den Riederberg in das Tullnerfeld fuhren. Das 38. Garde-Schützen-Korps sammelte seine Kräfte am nördlichen Fuße des Riederbergs für den unmittelbar bevorstehenden Angriff auf die Stadt Tulln und die beiden Donaubrücken. Das 5. Garde-Panzer-Korps drehte Richtung Osten, da es über St. Andrä/Wördern nach Klosterneuburg stieß, um Wien in weiterer Folge vom Nordwesten aus anzugreifen. Sowohl die Bewohner als auch die am Tullner Brückenkopf eingesetzten Verbände der Kampfgruppe Volkmann sowie Parteifunktionäre gingen von einem unmittelbar bevorstehenden Angriff auf die Stadt aus. Dieser fand jedoch erst am nächsten Tag statt, da die Sowjets ihre Kräfte zuerst organisieren mussten.

Am Morgen des 7. April begann der sowjetische Angriff mit starken Panzerkräften, der jedoch zunächst den Charakter einer kampfkräftigen Aufklärung hatte. Aus diesem Grund konnten die drei dort eingesetzten deutschen Alarmbataillone mit Hilfe der Flakbatterien den Vorstoß der Roten Armee an die Donau zunächst abwehren. Am 8. April begann der eigentliche Angriff auf Tulln, den das 38. Garde-Schützen-Korps nun mit aller Wucht führte. Weder das Feuer der Flakbatterien, deren Kanonen im Erdkampf eingesetzt waren, noch die Rückzugsgefechte der zahlenmäßig unterlegenen deutschen Kräfte, die sich in Staasdorf sogar acht Stunden lang widersetzten, konnten den Fall der Stadt verhindern. Auch die Angriffe der Deutschen Luftwaffe, die die Versorgungslinie am Riederberg ins Visier nahm, hatten keinen Einfluss auf die Kämpfe, wenngleich mehrere Häuser zerstört wurden.

Als die Sowjets südwestlich von Tulln über Sieghartskirchen nach Langenrohr vordrangen, und die Flakbatterien in Aspern, Langenrohr und Michelhausen teilweise mit aufgepflanztem Bajonett nehmen mussten, bestand für die deutschen Truppen die Gefahr, eingekesselt zu werden. Um das zu verhindern wurde die Stadt und mit ihr der Brückenkopf um 1800 Uhr geräumt und um 2010 Uhr die Tullner Eisenbahn- und Straßenbrücke gesprengt, um den Sowjets den Donauübergang zu verwehren. Die deutschen Alarmbataillone setzten sich Richtung Westen ab und bezogen die nächste Verzögerungslinie. Die Besatzung des Brückenkopfes überquerte die Donau und wurde dem II. SS-Panzerkorps unterstellt. Während dieser Absetzbewegung wurden sie von den sowjetischen Panzerspitzen angegriffen, wobei die Deutschen 35 Panzer im Nahkampf vernichten konnten.

Panzerangriff der Roten Armee an der Ostfront. (Foto: Archiv TD)
Panzerangriff der Roten Armee an der Ostfront. (Foto: Archiv TD)

Der Angriff geht weiter

Weiter südlich waren die Spitzen der Roten Armee am 7. und 8. April im Wienerwald ebenfalls nicht untätig geblieben. Entlang der heutigen Autobahn 1 stießen sie Richtung Westen vor. Am 7. April nahmen sie Eichgraben, von wo aus sie am 8. April die Ortschaft Neulengbach aus dem Nordwesten und Altlengbach aus dem Osten angriffen. Am Abend des 8. April stand die Front zwischen der Donau und dem Alpenvorland entlang der Linie Langenrohr – Judenau – Grabensee – Neulengbach – Altlengbach. Damit war zwischen der Stadt Wien und der Front bereits ein Puffer von etwa 25 Kilometern Tiefe entstanden und für die Rote Armee die Gefahr eines überraschenden deutschen Angriffes in ihrem Rücken vorerst gebannt.

Am 9. April gab es kleinere Angriffe der Roten Armee im Tullner Becken, bei denen sich die Sowjets etwa 10 km in den Westen vortasteten. Diese dienten jedoch eher dazu, Informationen über den Gegner zu erhalten, als diesen nachhaltig zu bekämpfen. Dennoch zwangen die Sowjets mit ihrer kampfkräftigen Aufklärung, die bei Zwentendorf eingesetzte Panzerjagd-Brigade zum Zurückweichen und nahmen die Orte Zwentendorf, Rust, Michelhausen und Abstetten ein, die zuvor von den Deutschen aufgegeben wurden. Im Gegenzug mussten die Sowjets jedoch Neulengbach aufgrund eines deutschen Angriffes räumen.

Um den weiteren Stoß Richtung Westen durchzuführen, wurde die 9. Garde-Armee mit dem 18. Panzer-Korps (27. Armee) verstärkt. Die Teile der 6. Garde-Panzer-Armee waren bereits aus der Westumfassung ausgeschert und befanden sich in Wien oder kurz davor. Das 9. Garde-Mech-Korps war über Purkersdorf und Hütteldorf nach Wien eingedrungen und stand kurz vor der Innenstadt, das 5. Garde-Panzer-Korps war über St. Andrä/Wördern und Klosterneuburg vorgegangen und begann am 9. April vom Kahlenberg kommend den Angriff auf den Nordwesten Wiens (Sievering und Grinzing). Das 31. Garde-Schützen-Korps (4. Garde-Armee) wurde ebenfalls über den sowjetischen Korridor nachgeführt und nordwestlich von Klosterneuburg eingesetzt.

Soldaten der Waffen-SS an der Ostfront. (Foto: Archiv TD)
Soldaten der Waffen-SS an der Ostfront. (Foto: Archiv TD)

Lücke in der Front der 6. SS-Panzerarmee 

Mit der Westumfassung Wiens und dem Durchstoßen der Sowjets durch die Front der 12. SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“ war eine etwa 20 km breite Lücke von der Donau bis in den Raum Neulengbach entstanden. SS-Gruppenführer Walter Staudinger, der Höhere Artilleriekommandeur der 6. SS-Panzerarmee, erhielt den Befehl, alle im Raum verfügbaren Teile zu sammeln und mit ihnen die Kampfgruppe Staudinger zu bilden. Diese hatte den Auftrag, die Lücke zwischen dem I. und II. SS-Panzerkorps der 6. SS-Panzerarmee zu schließen und den Angriff der Sowjets Richtung Westen zu verzögern. Einen Angriff seiner Kampfgruppe in die kaum gesicherte Flanke des sowjetischen Korridors, die Staudinger andachte, war nicht möglich, da seine Kräfte dazu nicht ausreichten.

Mit dem Stichtag 8. April 1945 bestand die Kampfgruppe Staudinger aus

  • dem Volks-Artilleriekorps 403,
  • der Heeres-Artilleriebrigade 959,
  • der Artillerieabteilung III./818,
  • der Sturm-Artilleriebrigade 261,
  • der Panzer-Aufklärungs-Abteilung 1,
  • der Heeres-Panzer-Jagd-Brigade 2,
  • dem FLAK-Sturmregiment 4 und
  • den drei Infanteriebataillonen: SS-Alarmbataillon A und B, Alarmbataillon C.

Am 8. April übernahm General Paul Schultz die Kampfgruppe Staudinger, wodurch das Korps Schultz entstand. Um den Vorstoß der Sowjets aufzuhalten, setzte er nach dem Fall von Tulln

  • die Panzerjagd-Brigade 2 von Zwentendorf bis Atzenbrugg,
  • die Panzer-Aufklärungs-Abteilung 1 von Atzenbrugg bis Grabensee,
  • das SS-Alarmbataillon A von Grabensee bis St. Christophen und
  • das Alarmbataillon C von St. Christophen bis Brand-Laaben

ein, die jeweils einen Gefechtsabschnitt in der Breite von etwa 7 Kilometern zu verteidigen hatten und den Vordersten Rand der Deutschen Verteidigungslinie bildeten.

(Grafik: BEV; Montage: Keusch)
(Grafik: BEV; Montage: Keusch)
(Grafik: BEV; Montage: Keusch)
(Grafik: BEV; Montage: Keusch)
(Grafik: BEV; Montage: Keusch)
(Grafik: BEV; Montage: Keusch)

Angriff Richtung Westen

Bereits vor dem Fall von Tulln hatte die Führung der Heeresgruppe Süd, deren Kommandant ab 7. April 1945 Generaloberst Lothar Rendulic war, den Entschluss gefasst, an der Traisen eine neue Front aufzubauen. Die deutschen Einheiten sollten den sowjetischen Vorstoß so lange wie möglich verzögern, um möglichst viel Zeit zu gewinnen, damit sie neue Truppen an die Traisenfront nachführen konnten, die sich dort einrichten sollten. Bis zum 10. April blieb die Front zwischen der Donau und dem Alpenvorland bei Alland nahezu unverändert, da auch die Sowjets ihre Kräfte nach der Westumfassung Wiens bzw. der Einnahme von Tulln und dem Erreichen der Donau neu ordnen mussten. Die wesentlichste Maßnahme war, dass das 5. Garde-Panzer-Korps, das ab dem 7. April Richtung Wien angriff, durch das 18. Panzerkorps (27. Armee) ersetzt wurde, das zuvor im Raabtal eingesetzt war. Diese Umgliederung wurde durch Feuerüberfälle der deutschen Artillerie und Angriffen der Luftwaffe gestört, die jedoch kaum eine Wirkung erzielten und den Nachschub nicht gefährdeten. Leidtragend war erneut die Zivilbevölkerung, unter der es zahlreiche Tote gab.

Ab dem 10. April waren die sowjetischen Kräfte neu formiert. Somit konnte der Angriff Richtung Westen fortgesetzt werden, wobei nun zwei Korps (38. Garde-Schützenkorps und 18. Panzerkorps) mit jeweils zwei Staffeln angriffen. Im Norden stieß das 38. Garde-Schützenkorps mit der ersten Staffel südlich der Donau von Tulln über Dürnrohr Richtung Traismauer und mit der zweiten Staffel von Tulln über Moosbierbaum Richtung Herzogenburg vor. Südlich davon griff das 18. Panzerkorps mit der ersten Staffel entlang des Perschlingtales von Judenau über Michelhausen nach Kappeln und mit der zweiten Staffel von Judenau nach Neulengbach und von dort entlang der heutigen Autobahn 1 Richtung Böheimkirchen an. Südöstlich des Vorstoßes zwischen der Donau und dem Alpenvorland hatten Teile der 9. Garde-Armee die Linie Altlengbach – Klausenleopoldsdorf – Alland – Leobersdorf bezogen, wo die Front zunächst zum Stehen kam. Die deutschen Verbände standen westlich von Wiener Neustadt bei den Eingängen in das Alpenvorland, wie dem Triesting- und dem Piestingtal, und riegelten diese ab. Die Sowjets unternahmen nur kleinere Angriffe in diesem Bereich, da ihr Schwergewicht beim Kampf um Wien bzw. dem Vorstoß in den Westen lag.

Panzerangriff der Roten Armee an der Ostfront in Ungarn. (Foto: Archiv TD)
Panzerangriff der Roten Armee an der Ostfront in Ungarn. (Foto: Archiv TD)

Vorstoß des 18. Panzerkorps 

Am 10. April griff das 18. Panzerkorps mit zwei Angriffsstaffeln Richtung Traisen an. Der Gefechtsstreifen des Korps war durch das Waldgebiet westlich von Plankenberg und dem Haspelwald getrennt. Nördlich dieser Wälder verlief das Perschlingtal mit der Bundesstraße 1, auf der die nördliche Angriffsstaffel des 18. Panzerkorps vorstoßen sollte. Das war aber noch nicht möglich, da deutsche Flakstellungen am Schusterberg das Vorgehen entlang der Perschling unmöglich machten. Südlich davon stieß die zweite Staffel des Korps entlang der heutigen Autobahn 1 vor. Um dorthin zu gelangen, musste jedoch zuerst die Drehscheibe Neulengbach – östlich derer bereits die Sowjets lagen – genommen und zu diesem Zweck entlang der Bundesstraße 19 angegriffen werden.

Bei dem Angriff auf Neulengbach kam es im Raum Asperhofen – Großgraben zu größeren Kampfhandlungen, bei denen Großgraben zwischenzeitlich von Deutschen Kräften zurückerobert werden konnte. Ein Zwischenziel am 10. April war die Ortschaft Würmla, die von beiden Staffeln angegriffen wurde, nachdem die Sowjets die Situation bei Großgraben bereinigen konnten. Bei ihrem weiteren Vorstoß wurden sie bei Inprugg und noch einmal vor Neulengbach – dem Angriffsziel des Tages – aufgehalten. Die Einheiten der Wehrmacht bekämpften die heranrückenden Sowjets, um Zeit für eine möglichst geordnete Absetzbewegung zu erhalten. In der Nacht mussten die Deutschen ihre Stellung in Neulengbach jedoch aufgeben und die Front in den Westen verlegen. Die Rücknahme der Front war auch deshalb notwendig geworden, da die deutschen Linien nördlich des Haspelwaldes (bei der Panzer-Aufklärungs-Abteilung 1) durchbrochen worden waren. Um eine zusammenhängende Hauptkampflinie wiederherzustellen, mussten sich die Frontverbände zunächst zurückziehen, um sich im nächsten dafür geeigneten Geländeteil erneut zur Verteidigung einzurichten.

Der 11. April verlief relativ ruhig. Auf Seiten der Deutschen Wehrmacht trafen die ersten Teile der 710. Infanteriedivision, der Panzer-Aufklärungs-Abteilung 3, der Heeres-Panzerjäger-Abteilung 653 und ungarische Artillerieverbände ein, um das Korps Schultz zu verstärken. Diese Kräfte konnten die Lücken in der Front zwar nicht vollständig schließen, waren aber für eine weitere geordnete Kampfführung dringend nötig. Denn bereits am 12. April ging der sowjetische Vorstoß entlang der heutigen Autobahn 1 und der Bundesstraße 1 (Perschlingtal) weiter und die Ortschaften Ollersbach, Tausendblum und Murstetten wurden nach kurzer aber heftiger deutscher Gegenwehr genommen.

Truppen der Roten Armee bei ihrem Vormarsch Richtung Traisen im Frühjahr 1945. (Foto: Archiv TD)
Truppen der Roten Armee bei ihrem Vormarsch Richtung Traisen im Frühjahr 1945. (Foto: Archiv TD)
Truppen der Roten Armee bei ihrem Vormarsch Richtung Traisen im Frühjahr 1945. (Foto: Archiv TD)
Truppen der Roten Armee bei ihrem Vormarsch Richtung Traisen im Frühjahr 1945. (Foto: Archiv TD)

Vorstoß des 38. Garde-Schützen-Korps 

Vom 10. bis 12. April war es an der Tullner Front – bis auf zähe Gefechte westlich von Zwentendorf, wo die Sowjets fünfmal zurückgeschlagen wurden – insofern relativ ruhig, dass die Front stabil verlief. Das Schwergewicht lag zunächst beim Vorstoß des 18. Panzerkorps Richtung Neulengbach. Am 13. April blieb die südliche Angriffsstaffel des 18. Panzerkorps, das am Vortag das Zwischenziel Neulengbach genommen hatte, weitgehend passiv, wenngleich die Orte Kirchstetten und Böheimkirchen von deren Artillerie beschossen wurden. Nun übernahm das 38. Garde-Schützenkorps die Initiative. Eine nördliche Staffel griff entlang der Bundesstraße 43 an und eine südliche entlang der Bewegungslinie Trasdorf – Hasendorf – Gutenbrunn.

Die nördliche Angriffsstaffel nahm zuerst Reidling ohne Gegenwehr und dann Sitzenberg, nachdem sie dort in ein Nachhutgefecht mit den Deutschen verwickelt worden waren. Die südliche Staffel griff die Flakstellungen am Schusterberg an und überrannte die dort eingesetzten Einheiten nach einem erbittert geführten Abwehrkampf. Das Nehmen des „Widerstandsnestes“ am Schusterberg hatte zwei Folgen: Erstens konnte die nördliche Staffel des 18. Panzerkorps weiter angreifen, die im Zuge dessen bei Weißenkirchen in Panzerkämpfe verwickelt wurde, bei der beide Seiten auch Jagdflieger einsetzten. Zweitens war der Weg an die Traisen de facto freigekämpft, weshalb die Sowjets rasch über Gutenbrunn bis nach St. Andrä vorstoßen konnten, das kampflos fiel. Am Abend hatte die 105. Garde-Schützen-Division der Sowjets mit ihren Spitzen den Fluss erreicht.

(Grafik: BEV; Montage: Keusch)
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(Grafik: BEV; Montage: Keusch)
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(Grafik: BEV; Montage: Keusch)

Ausblick und Fazit

Am Abend des 13. April war Wien gefallen, obwohl die Stadt erst am 15. April vollständig von den Sowjets genommen werden konnte, und in St. Andrä lagen die Sowjets gegenüber von Herzogenburg am anderen Ufer des nunmehrigen Frontflusses. Nördlich davon standen sie bei Traismauer und südlich davon auf der Linie Kapelln – Böheimkirchen. Das sowjetische oberste Kommando (Stavka) befahl der 3. Ukrainischen Front und damit indirekt dem 38. Garde-Schützen-Korps und dem 18. Panzer-Korps, im gesamten Frontabschnitt zwischen Donau und Alpenvorland an die Traisen vorzurücken, St. Pölten zu nehmen und die Wiener Operation abzuschließen.

Das Vorgehen der Sowjets – von der Westumfassung Wiens bis zum Erreichen der Traisen – war eine operative Meisterleistung des Kommandanten der 3. Ukrainischen Front, Marschall Fjodor Tolbuchin. Er agierte rasch und flexibel, auf Basis konkreter und richtiger Aufklärungsergebnisse, zog die richtigen Schlüsse und besaß auch den Mut und die Entschlossenheit, um die Westumfassung zu befehlen, in weiterer Folge sein Schwergewicht zu verlagern und aus der Umfassung einen Zangenangriff zu entwickeln. Die erdrückende materielle Überlegenheit war – genauso wie die Schwäche der deutschen Kräfte –ein zusätzliches Faktum, das den Erfolg dieses Unternehmens wesentlich begünstigte, aber nicht alleine dafür verantwortlich war.

Nachdem sie aufgrund der Geschwindigkeit des Vorstoßes durch den Wienerwald noch ein großes Risiko in Kauf genommen hatten, gingen die Sowjets ab der Einnahme des Riederberges wieder behutsamer vor. Aber auch die deutschen Kräfte ließen sich, nachdem sie sich ab dem 6. April in der Kampfgruppe Staudinger und danach im Korps Schultz wieder einigermaßen organisiert hatten, nicht mehr in größere Gefechte verwickeln. Sie leisteten nur noch einen zeitlich begrenzten relativ geringen Widerstand in Form von Nachhut- bzw. Rückzugsgefechten, um den Raum westlich der Traisen möglichst kampfkräftig zu erreichen. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Gefechte teilweise erbittert geführt wurden und es auf beiden Seiten – und auch unter der Zivilbevölkerung – noch hunderte Opfer gab.

Am Ende des Vorstoßes, der mit der Einnahme von St. Pölten am 15. April (siehe: Die Front bei St. Pölten) endgültig beendet war, hatten sowohl die Sowjets als auch die Deutschen ihr kurzfristiges Ziel – die Traisenlinie – erreicht. Denn sowohl der Kommandant der Heeresgruppe Süd, Generaloberst Lothar Rendulic als auch Marschall Fjodor Tolbuchin hatten diesen Fluss und das daran angrenzende Gelände als jene Linie beurteilt, an der sie sich zur Verteidigung einrichten wollten, um dort die letzten Gefechte des Zweiten Weltkrieges – über dessen Ausgang es zu diesem Zeitpunkt keinen Zweifel mehr gab – in Europa zu kämpfen.

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Offiziersstellvertreter Gerold Keusch, BA ist Redakteur beim TRUPPENDIENST.

Österreichische Zivilisten begrüßen die Soldaten der Roten Armee. (Foto: HGM)
Österreichische Zivilisten begrüßen die Soldaten der Roten Armee. (Foto: HGM)
Zivilisten sprechen mit einem Soldaten der Roten Armee im Burgenland. (Foto: HGM)
Zivilisten sprechen mit einem Soldaten der Roten Armee im Burgenland. (Foto: HGM)
Zwei sowjetische Offiziere im Gespräch mit einem Ortsbewohner im Burgenland. (Foto: HGM)
Zwei sowjetische Offiziere im Gespräch mit einem Ortsbewohner im Burgenland. (Foto: HGM)
 

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