• Veröffentlichungsdatum: 05.07.2017

  • 8 Min -
  • 1623 Wörter

Gefecht & Simulation

Hermann Steinkogler

(Foto: Bernhard Schulyok)
(Foto: Bernhard Schulyok)

Computergestützte Übungen haben im Militär aufgrund ihrer Kosteneffizienz einen berechtigten Platz für die Entwicklung bzw. Erhaltung von Fähigkeiten von Kommandanten und Stäben. Diese Form der Ausbildung ersetzt die Übungen im freien Gelände nicht, sie ist aber ein probates Mittel, um das militärische „Handwerk“ abseits von Volltruppenübungen zu trainieren.

Bei der Durchführung von Studien haben Simulationssysteme eine ebenso hohe Bedeutung wie die Aus-, Fort- und Weiterbildung von Kommandanten und deren Stäben auf der Ebene der Brigade und des Bataillons. Der Schnittpunkt zur gefechtstechnischen Ebene muss immer berücksichtigt werden. Nur so kann ein vollständiges Bild unter Berücksichtigung der simulationsgestützten Ausbildungssystematik erzeugt werden.

Abgestützt auf derartige Systeme, kann das Führen des Kampfes der verbundenen Waffen effizient geübt werden. Sowohl stabsdienstliche Abläufe und Verfahren als auch deren Auswirkungen auf gefechtstechnischer Ebene lassen sich computergestützt gut veranschaulichen und nachvollziehbar darstellen. Dies ist für einen nachhaltigen Lerneffekt von großer Bedeutung.

Modernen Streitkräften stehen, bezogen auf die jeweilige Führungsebene, in der Regel verschiedene Simulationssysteme zur Verfügung - so auch dem Österreichischen Bundesheer (ÖBH). Zusätzlich zu der eigenen Infrastruktur nützt das ÖBH in einer Ausbildungskooperation mit der Schweizer Armee das System ELTAM (Elektronischer Taktiksimulator für Mechanisierte Verbände), um das eigene Angebot zu vervollständigen und die Erfahrungen der Übenden zu verdichten. Genutzt wird das Angebot beispielsweise in Kursen und Lehrgängen der Theresianischen Militärakademie, der Landesverteidigungsakademie, aber auch von der Truppe selbst.

Grundsätzliches

Aufgrund der topografischen Voraussetzungen der Schweiz (kleinräumig und dichte Bebauung) und der kurzen Ausbildungszeit ihrer Soldaten, hat die simulator-unterstützte Ausbildung eine hohe Bedeutung. ELTAM ist ein fortschrittliches und zeitgemäßes Simulationssystem. Mit Schwergewicht ist es auf die Ausbildungsinhalte der Gefechts- und Einsatzführung von Panzerbataillonen abgestimmt. Mithilfe dieses Simulators werden Bataillonskommandanten, Bataillonsstäbe und Kompaniekommandanten ausgebildet.

Darüber hinaus werden die Zugskommandanten der Kompanien mit der dazugehörigen Funkkommunikation in die Ausbildung integriert. Das schafft ein realistisches, simulationsgeneriertes Gefechtsumfeld. ELTAM ermöglicht eine Ausbildung von der gefechtstechnischen Ebene (Einzelfahrzeuge, Zug und Kompanie) bis zur unteren taktischen Ebene - zum kleinen Verband (Bataillon).

Eingebettet ist das System ELTAM der Schweizer Armee in einen Simulationsverbund, der unter anderem noch aus der

  • Elektronischen Schießausbildungsanlage Schützenpanzer 2000 und Schießkommandant (ELSA Spz 2000 und SKdt) sowie der
  • Elektronischen Schießausbildungsanlage für Panzer 87 „Leopard“ 2 WE (ELSA Leo2WE) besteht.
Die Übungsleitung überwacht und steuert die gesamte Simulation. (Foto: 21. GStbLG/Steinkogler)
Die Übungsleitung überwacht und steuert die gesamte Simulation. (Foto: 21. GStbLG/Steinkogler)
Rock-Drill: Überprüfung der Einsatzführung des Bataillons mit Kompaniekommandanten. (Foto: 21. GStbLG/Steinkogler)
Rock-Drill: Überprüfung der Einsatzführung des Bataillons mit Kompaniekommandanten. (Foto: 21. GStbLG/Steinkogler)

Ausbildungsziele

Beim ELTAM liegt der Fokus auf der taktischen Ausbildung der Kommandanten mechanisierter Truppen und deckt den Bereich bis zur Ebene Bataillon ab. Die Aus-, Fort- und Weiterbildung mithilfe dieses Systems berücksichtigt im besonderen Maß auch den Aspekt des Kampfes der verbundenen Waffen.

Neben der Kampf- und Kampfunterstützungstruppe werden Aspekte der Logistik und des Sanitätswesens standardisiert in jede Übung miteinbezogen. Dadurch fließen logistische Vorgänge und Notwendigkeiten automatisch in die Ausbildung mit ein.

Darstellungsmöglichkeiten

Gefechtsfahrzeuge

Der Übungstruppe stehen im Gefechtsübungszentrum in Thun (Kanton Bern) realitätsgetreue Nachbauten von Schützen- und Kampfpanzern zur Verfügung. Die Bedien- und Anzeigeinstrumente der Panzerbesatzungen entsprechen weitgehend dem Original. Folgende Gefechts- und Kampffahrzeuge sind im System implementiert und darstellbar:

  • Schützenpanzer 2000 (CV-9030);
  • Radschützenpanzer 93/99 (Mowag „Piranha“);
  • Panzer 87 Leo2WE („Leopard“ 2);
  • Kommandoschützenpanzer 93/99 (M113);
  • Schützenpanzer 2000Kp (CV-9030).

Mit Beamern wird eine detaillreiche 360-Grad-Außensicht projiziert. Eine effektvolle Quadrophonie-Geräuschsimulation verstärkt den Realitätsbezug für die beübte Ebene zusätzlich.

Sonstige Arbeitsplätze

Die Ebene des Zuges arbeitet an Computerarbeitsplätzen in einem separaten Raum. Hier werden Geländeansichten mit verschiedenen interaktiven Möglichkeiten übersichtlich dargestellt.

Einsatzarten

Mithilfe von Instruktoren können, je nach Ausbildungsinhalt, die Gefechtsszenarien konfiguriert und bis zu 2 000 Objekte durch eine hochmoderne intelligente Szenariosteuerung (Computer Generated Forces) simuliert werden. Damit wird die Ausbildung in den komplexen klassischen Szenarien Angriff, Verteidigung und Verzögerung abgedeckt.

Auch hinsichtlich der jeweiligen Einsatzbedingungen, sind verschiedene Aspekte wie urbane Szenarien, der Objektschutz, die Patrouille/der Konvoi, der Checkpoint oder asymmetrische Bedrohungen abbildbar. Schwächen ergeben sich bei der Darstellung des infanteristischen Kampfes und des Kampfes im urbanen Gelände. Diese Lücke soll jedoch mit den kommenden System-Updates geschlossen werden.

Einblick ins simulierte Gelände. (Foto: Bernhard Schulyok)
Einblick ins simulierte Gelände. (Foto: Bernhard Schulyok)

Technische Umsetzung/Parameter

Das digitale Übungsgelände basiert auf einer Geländedatenbasis von 1 666 km2. Auf der generierten Fläche befinden sich 435 Ortschaften und zahlreiche verschiedenartige Landschaftsformen (Wälder, Felder, Gewässer etc.). Insgesamt sind 12 500 Gebäude dargestellt, und das Straßennetz weist eine Gesamtlänge von  
9 000 km auf.

Der gesamte Übungsablauf wird ständig durch ein Team der Systemsteuerung überwacht und kann zu jedem Zeitpunkt angehalten oder unterbrochen werden. Sämtliche Funksprüche werden aufgezeichnet und bei Bedarf in einer Nachbesprechung abgespielt. Dies gilt gleichermaßen für Videosequenzen des Gefechtes, die ebenso für Nachbesprechungen herangezogen werden können. Nachbesprechungen werden in einem großen Lehrsaal mit umfangreicher Medienunterstützung abgehalten.

Ergänzt wird der ELTAM durch ein zur Verfügung stehendes Geländerelief des Übungsraumes und eigens eingerichtete Räume, in denen die beübten Stäbe während ihres Planungsverfahrens Wargaming oder Rock-Drills abhalten können. Beim Wargaming handelt es sich um eine Methode, die bei der Entscheidungsfindung oder bei der Planung der Durchführung angewendet werden kann. Damit soll entweder die Entscheidung selbst oder die Synchronisation verbessert werden. Konkret geht es um die Simulation einer taktischen, operativen oder strategischen Situation, bei der zumindest zwei Parteien Entscheidungen treffen.

Beim Rock-Drill hingegen soll eine Überprüfung und Bewusstseinsbildung für die eigene Einsatzführung stattfinden. Anhand eines Geländemodelles wird von den handelnden Akteuren das geplante Gefecht Schritt für Schritt (möglicherweise anhand einer Synchronisationsmatrix) nachvollzogen. Somit entsteht ein tieferes Verständnis für die eigene Rolle und die der jeweiligen Nachbarn im Gefecht.

Möglicher Übungsablauf

Anhand einer Verlegung des 21. Generalstabslehrganges gemeinsam mit dem Führungslehrgang 1 sowie Teilen des Kommandos der 4. Panzergrenadierbrigade zum Elektronischen Taktiksimulator für Mechanisierte Verbände im November 2016 wird zur besseren Veranschaulichung ein möglicher Übungsablauf dargestellt.

Infrastruktur

Das System ELTAM ist in einem eigenen Gebäude innerhalb der Kaserne in Thun untergebracht. Innerhalb dieses Gebäudes finden sich Instruktor- und Mitübenden-Arbeitsplätze, ein Multimedia Briefing-/Debriefing-Raum, ein Auditorium, Räume für die Kampfraumnachbildungen, Räume für Wargaming sowie weitere Lehrsäle und Arbeitsräume.

Planungsverfahren

In den Lehrsälen und Arbeitsräumen können Planungsverfahren im Bataillonsstab ohne Einschränkungen durchgeführt werden. Karten der Simulatorlandschaft werden bereitgestellt. Die Räumlichkeiten sind mit Flipcharts, Whiteboards und Bea­mern ausgestattet. Die Bearbeitung einer Lage ist somit sowohl hinsichtlich des Platzangebotes als auch der Darstellungsmöglichkeiten für die übende Truppe keinerlei Einschränkungen unterworfen.

Kartensaal. (Foto: Rheinmetall Air Defence AG)
Kartensaal. (Foto: Rheinmetall Air Defence AG)

Synchronisation

In der Synchronisation werden eigene Manöverelemente mit den Elementen der Kampfunterstützung koordiniert und in eine zeitliche Abfolge gebracht. Dazu kann man sich der Methode des Wargamings oder des Rock-Drills bedienen. Bezüglich der Synchronisation (Teil der Planung der Durchführung: Darstellung und geplanter Ablauf des Gefechtes anhand einer so genannten Synchronisationsmatrix) bietet ELTAM eine gute und zweckmäßige Infrastruktur.

Dafür sind zwei Säle für die Durchführung von Wargaming (hier wird unter anderem die Synchronisationsmatrix überprüft, bzw. die Synchronisationsmatrix ist die Voraussetzung für das Wargaming) eingerichtet. Einerseits besteht die Möglichkeit, „analog“ auf einer großen Karte der Simulator-Topografie, die auf dem Boden aufgezogen ist, mittels „Spielfiguren“ die eigene geplante Einsatzführung zu überprüfen. Eigene Spielfiguren werden gemäß der Synchronisationsmatrix verschoben - die Elemente der Konfliktpartei werden gemäß der im Planungsverfahren entwickelten Absicht der Konfliktpartei gegenüber dem eigenen Verband verrückt.

Andererseits besteht die Möglichkeit, Rock-Drills in einem weiteren, eigens dafür präparierten Raum durchzuführen. In diesem wird die Simulator-Topografie mittels unzähliger Beamer auf den Boden projiziert. Die eigene geplante Einsatzführung wird hier überprüft, indem die einzelnen Kommandanten, der Synchronisationsmatrix folgend, ihre jeweilige Position verändern. Maßnahmen der Konfliktparteien werden bei dieser Technik ausgespart und finden keine Berücksichtigung.

Befehlsausgabe

Nach dem Planungsverfahren, der Planung der Durchführung (inklusive der Synchronisation) und der Befehlserstellung folgt die Befehlsausgabe des Bataillonskommandanten an seine Kompaniekommandanten. Hierzu können die Lehrsäle und Arbeitsräume genutzt werden. Die Befehlsausgaben können via Beamer oder mittels Kartenbild abgehalten werden. Schematische Darstellungen auf Whiteboards und Flipcharts sind ebenso möglich. Zusätzlich steht ein Geländemodell des relevanten Raumes zur Verfügung, anhand dessen der Kommandant seine Unterführer in die geplante Einsatzführung einweisen kann.

Einblick ins Gelände: So stellt sich das Umfeld für den Kommandanten aus seinem Gefechtsfahrzeug dar. (Foto: Schweizer Armee/ELTAM)
Einblick ins Gelände: So stellt sich das Umfeld für den Kommandanten aus seinem Gefechtsfahrzeug dar. (Foto: Schweizer Armee/ELTAM)

Laufendes Gefecht

Das laufende Gefecht findet für die Übungsteilnehmer in den jeweiligen Kampfraumnachbildungen statt. Der Bataillonskommandant befindet sich auf seiner beweglichen Befehlsstelle, die mit zwei Panzernachbildungen dargestellt ist. Die Aufteilung seiner Stabsoffiziere obliegt dem Kommandanten - unbedingt müssen sich jedoch der S2 (Beurteilung der Konfliktparteien) und der S3 (Beurteilung der eigenen Lage) auf dem Kommandanten-Gefechtsfahrzeug befinden. Zur Entschlussfassung im Zuge einer Folgebeurteilung im laufenden Gefecht bietet sich ein fiktiver Bewegungshalt an, um sich mit den Stabsoffizieren des zweiten Gefechtsfahrzeuges der beweglichen Befehlsstelle koordinieren zu können. Die Kompaniekommandanten befinden sich ebenfalls in ihren Kampfraumnachbildungen und führen ihre Züge über Funk. Diese befinden sich in einem eigenen Raum für Mitübende und steuern von dort ihre Elemente über einen Stand-PC.

Mit dieser Konstellation der Arbeitsplätze wird, besonders für den Bataillonsstab und die Kompaniekommandanten, ein realitätsnahes Umfeld geschaffen, das sich in einem stark begrenzten Platzangebot auf den Gefechtsfahrzeugen, eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten (nur Funk) und eingeschränkten Beobachtungsmöglichkeiten (man sieht nur das auf den Bildschirmen, was man tatsächlich sehen würde) niederschlägt.

Analyse und Nachbesprechung

ELTAM bietet umfangreiche Möglichkeiten der Nachbereitung und Nachbesprechung der jeweiligen Simulatorübung. Im Auditorium, das über 100 Personen fassen kann, können einzelne Sequenzen wie auch ganze Gefechtsphasen mittels unterschiedlicher technischer Unterstützungsmöglichkeiten, wie durch das Abspielen von Videostreams, dargestellt werden. Waffengattungsspezifische Grundsätze und allgemeine Prinzipien der Gefechtsführung können so unmissverständlich erklärt und die notwendigen Bilder vermittelt werden. Des Weiteren ist es möglich, Audiodateien aufzuzeichnen und später wieder abzuspielen. Das ist wesentlich, um die Kommunikation innerhalb der Züge, der Kompanien und der Bataillone verbessern zu können.

Mehrwert und Conclusio

Das wesentliche Ziel der Aus-, Fort- und Weiterbildung mit Simulationssystemen ist es, die Qualität der Ausbildung zu optimieren sowie Zeit und Kosten zu sparen. Diese Forderung wird durch den Elektronischen Taktiksimulator für Mechanisierte Verbände professionell umgesetzt. Das System ELTAM verbindet die gefechtstechnische mit der taktischen Ebene und schafft somit ein realistisches und nachhaltiges Bild für die Übenden. Für die Ausbildung im ÖBH von Kommandanten der unteren und mittleren Führungsebene und deren Stäbe stellt dieses System somit einen qualitativen Mehrwert dar.

Durch die infrastrukturellen Möglichkeiten kann der gesamte Führungsprozess, von der Planung (einleitende Lagefeststellung, Orientierung und Entscheidungsfindung) über die Planung der Durchführung (inklusive Synchronisation), der Befehlsgebung und die Durchführung des Gefechtes via Simulation, optimal und zielorientiert abgedeckt werden. Folgebeurteilungen unter realistischen Umfeldbedingungen fordern die Übenden und erzeugen gleichzeitig ein wirklichkeitsnahes Bild.

Hauptmann Mag.(FH) Hermann Steinkogler ist Hörer des 21. Generalstabslehrganges an der Landesverteidigungsakademie.

Kommandoschützenpanzer 93/99 (M113). (Foto: Schweizer Armee/ELTAM)
Kommandoschützenpanzer 93/99 (M113). (Foto: Schweizer Armee/ELTAM)
 

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