• Veröffentlichungsdatum: 18.04.2019

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Der norwegische Supersimulator

Christian Håland

(Foto: Norwegische Streitkräfte/Frederik Ringnes)
(Foto: Norwegische Streitkräfte/Frederik Ringnes)

Die norwegische Air Ground Operations School eröffnete Ende Mai 2018 einen Simulator für Fliegerleitoffiziere und Luftbeobachter namens Joint Attack Controller and Forward Observer Advanced Trainer System. Dieses Simulationssystem zur Feuerunterstützung zählt zu den weltweit fortschrittlichsten. Es ist ein Meilenstein für die norwegischen Streitkräfte mit einer Vielzahl an Spezialeffekten.   

Mit der offiziellen Vorstellung und Inbetriebnahme dieses Simulationssystems stehen die norwegischen Streitkräfte in der Feuerunterstützungsausbildung an der Spitze der NATO-Staaten. Das Joint Terminal Attack Controller and Forward Observer Adnanced Trainer System (JFATS) bildet an der norwegischen Air Ground Operations School das Kernstück aller streitkräftegemeinsamen Ausbildungsprogramme für Fliegerleitoffiziere (Joint Terminal Attack Controller - JTAC) und vorgeschobene Beobachter (Joint Fires Observer - JFO). Künftig soll sich das in Camp Rena (bei der Stadt Rena, etwa 50 km östlich von Lillehammer) eingerichtete System der Firma Fidelity Technologies Corporation zum Dreh- und Angelpunkt für die Ausbildung in der streitkräftegemeinsamen Feuerunterstützung in ganz Europa etablieren, insbesondere für die baltischen Staaten.

(1) JFATS-Übungsraum mit Kuppel, Auszubildenden, Ausbilder, Zuseher. Über vier große Flachbildschirme können die Beobachter die Ausbildung auf den Zuseherrängen verfolgen. (2) Ausbildungspersonal und Pilot/Ausbilder (Mehrplatzstationen) (3) Serverraum (4) Kleiner Schulungsraum Grafik: W. Håland
(1) JFATS-Übungsraum mit Kuppel, Auszubildenden, Ausbilder, Zuseher. Über vier große Flachbildschirme können die Beobachter die Ausbildung auf den Zuseherrängen verfolgen.
(2) Ausbildungspersonal
und Pilot/Ausbilder (Mehrplatzstationen)
(3) Serverraum
(4) Kleiner Schulungsraum
(Grafik: W. Håland)

Teure Ausbildung

Die JTAC- und JFO- Ausbildung (siehe dazu auch TD-Heft 4/2014, „Forward Air Controller - Qualified and Certified“) ist zeit- und kostenintensiv, sofern Flugeinsätze und scharfe Artilleriemunition die einzige Option für eine realistische Ausbildung und Zertifizierung darstellen. Brauchen nämlich die Auszubildenden in der Luftnahunterstützung (Close Air Support - CAS) zwölf Übungsflugeinsätze für ihre Zertifizierung, und kann das Flugzeug dazwischen aus irgendeinem Grund (technisches Problem/Wetter) nicht mehr abheben, war die komplette Übung „umsonst“. Diese muss, sobald es die Umstände wieder erlauben, von Anfang an wiederholt werden. Das verschlingt Zeit und Geld. Deshalb kann man sich heutzutage eine Ausbildung ohne Virtual-Reality-Simulator nicht mehr vorstellen, denn nur damit lässt sich die benötigte Anzahl an echten Flugeinsätzen und die Menge der scharfen Artilleriemunition auf ein Mindestmaß beschränken.

 

Hauptanlage und Fähigkeiten

JFATS besteht aus einer stationären Anlage, dem „Centre of Excellence“, mit einer Kuppel von acht Meter Durchmesser, Schulungsräumen und absetzbaren Satellitensimulationssystemen. Dem Ausbilder stehen wahlweise folgende Übungen mit verschiedenen Zielsetzungen zur Verfügung:

  • JTAC-Ausbildung;
  • Erstauswahllehrgang;
  • Aufbaulehrgang;
  • Ausbildung zu den Stufen Limited Combat Ready (eingeschränkt einsatzbereit) bis Combat Ready (einsatzbereit); 
  • JFO-Ausbildung; 
  • Grundausbildung; 
  • Aufbaulehrgang.

Die Ausbilder stellen für ihre Szenarien verschiedene Grundkomponenten, vorprogrammierte Aktionen, Umweltfaktoren, Gruppierungen und Aufträge zusammen.

Ein Joint Fire Support Team übt im Simulator. (Foto: Norwegische Streitkräfte/Frederik Ringnes)
Ein Joint Fire Support Team übt im Simulator.
(Foto: Norwegische Streitkräfte/Frederik Ringnes)

Simulator-Datenbank

Die Datenbank des Simulators lässt sich auf spezifische Anforderungen der Nutzer zuschneiden. Sie enthält eine Sammlung verschiedener Elemente zur Nachbildung des Geländes eines im Interesse stehenden Landes. Der Simulator modelliert Hügelgebiete, Täler oder Ebenen mit bebauten Gebieten, Wüsten, Dschungel, Seen und Küstenlinien sowie unterschiedliche Straßenarten, Stromleitungen, Gebäude, militärische Einrichtungen, Biwakplätze, Start-und Landebahnen, Gräben, unbeschädigte/beschädigte Tageslicht- und Infrarotmodelle etc. Die Geländedatenbank zeigt korrekte auf physikalischen Grundlagen erzeugte Wärmebilder, deren Merkmale in Echtzeit simulierten künstlichen Veränderungen wie Pionierarbeiten oder Kampfmitteleinsätzen angepasst werden. Der Simulator visualisiert automatisch die richtigen Umfeldbedingungen basierend auf Faktoren wie geografische Länge und Breite, Tageszeit, Jahreszeit, vorherrschende Wetter- und Sichtbedingungen wie Bewölkung (3D), Intensität der Sonneneinstrahlung, Mondlicht anhand der Himmelsbedeckung und dessen realistischen Schattenwurf auf dem Boden. Darüber hinaus ahmt er Wind, Regen, Nebel, Dunst, Schneefall, Schneestürme, Sandstürme und im Detail sogar windbewegte Graswiesen nach, wobei der Simulator unter dem Piloten entsprechend der simulierten Fluggeschwindigkeit ausgedehnte Geländeabschnitte für den Close Air Support-Einsatz aus der Höhe vorbeiziehen lässt. Das dynamische Verhalten von Wolken richtet sich nach der gewählten Geschwindigkeit und Richtung des Windes.

Truppenteilkategorien

Die Datenbank enthält auch eine kategorisierte Aufstellung von Truppenteilen:

  • Gegnerische und eigene Kräfte mit Infanteristen, Infanteriegruppen sowie den meisten anderen Einheiten und Verbänden;
  • Zivilisten, diverse Tierarten, Fahrzeuge unterschiedlicher Typen und verschiedener Farbe; 
  • Militärische Einsatzmittel und Material wie Artilleriegeschütze, Mörser, MANPADs, Kampfpanzer, Schützenpanzer, MTW und Flugabwehrgeschütze.

Die Oberflächen aller Modelle und Objekte imitieren die Laserreflexionsmerkmale ihrer realen Entsprechungen. Alle Oberflächenstrukturen zeigen die Beschädigungen an einem Fahrzeug, wobei dem Auszubildenden sehr realistisch ein bewegungsunfähiges Fahrzeug mit brennendem Heck und ein kampfunfähiges Fahrzeug mit einem brennenden Turm erscheinen. Die Datenbank für Flugzeugtypen beinhaltet alle nutzerspezifizierten Flugzeuge und die Munitionsdatenbank alle verfügbaren Waffentypen für Steilfeuer und direkten Beschuss.

Der kleine Schulungsraum für Einsatznachbesprechungen und Übungsabschlussbesprechungen mit den Auszubildenden. (Foto: W. Håland)
Der kleine Schulungsraum für Einsatznachbesprechungen und Übungsabschlussbesprechungen mit den Auszubildenden.
(Foto: W. Håland)
Die Software in der Piloten-/Ausbilderstation berechnet die Flugbahn einer präzisionsgelenkten Munition zum Ziel. (Foto: W. Håland)
Die Software in der Piloten-/Ausbilderstation berechnet die Flugbahn einer präzisionsgelenkten Munition zum Ziel.
(Foto: W. Håland)

Spezialeffekte

Es gibt keine Obergrenze für das Einpflegen weiterer Waffen bei nachfolgenden Upgrades der Datenbank. Beim Verschießen der Munition werden die ballistischen „Waffenplattform“-spezifischen Faktoren - z. B. eines Flugzeuges oder Geschützes - einbezogen, woraus sich eine nahezu fehlerfreie Simulation der maximalen Entfernungsmessungs- und Azimutfehler ergibt. Der Simulator visualisiert Blendgranaten, Flugbahnen von Leuchtspurgeschossen, die Scheitelpunkte für jeglichen Artillerie-/Mörser-/Schiffsgeschützbeschuss und zeigt die Geschossflugzeit, den Auftreffpunkt und eine Schadensbewertung an. Er liefert einen realistischen Eindruck, wie künstlicher Nebel das Gelände verdeckt, sich darauf ausbreitet und wieder auflöst und wohin sich ein angegriffenes Zielfahrzeug aus seiner Position bewegt. Das Auftreten von Spezialeffekten (Rauch, Explosionen, Mündungsfeuer usw.) wird in der Visualisierung zeitgesteuert. Das Gleiche gilt auch, wenn z. B. die eigene Stellung unter feindlichem Feuer liegt. Wenn die Ziele beim Beschuss aus der Luft oder vom Boden durch das Gelände oder Objekte verdeckt sind, wird jeweils das Objekt oder der Geländeteil getroffen. Die Schadensbewertungsmeldung lautet dann: „kein Schaden“, „teilweise beschädigt“ oder „Totalschaden“.

Beispiel für die Anzeigen im Head-Up- Display: Der Pilot im Simulator überträgt die Anzeigen seines Zielbeleuchtungsbehälters auf einen Video-Downlink-Bildschirm zum JTAC, um digitalisierte Kommunikation über Datenlink zu erleichtern. (Grafik: Fidelity Technologies Corporation)
Beispiel für die Anzeigen im Head-Up-Display: Der Pilot im Simulator überträgt die Anzeigen seines Zielbeleuchtungsbehälters auf einen Video-Downlink-Bildschirm zum JTAC, um digitalisierte Kommunikation über Datenlink zu erleichtern.
(Grafik: Fidelity Technologies Corporation)

Einsatznachbesprechung

Alle von den Auszubildenden im Simulator durchgeführten Aktivitäten oder Aufgaben werden aufgezeichnet und nach Abschluss eines Szenarios in Nachbesprechungen verwendet.

Das JFATS verfügt über zwei interoperable Schulungsräume für Einsatznachbesprechungen und Abschlussbesprechungen nach den jeweiligen Übungsabschnitten; über die Simulatoraufzeichnungen können jeder Tastendruck auf jedem Gerät, alle Informationen im Kopfdisplay und vom Zielbeleuchtungsbehälter, jedes Funkgespräch und die jeweilige Ausrichtung der Geräte nachvollzogen werden. Diese gespeicherten Informationen werden dem jeweiligen Auszubildenden digital zur Nacharbeit und Übung in der Freizeit mitgegeben.

Train as you fight: Die Fliegerleitoffiziers-Ausbildungsumgebung hat elf unterschiedliche militärische Simulationsausstattungen, die in Form, Größe und Funktion den echten Geräten entsprechen. (Foto: W. Håland)
Train as you fight: Die Fliegerleitoffiziers-Ausbildungsumgebung hat elf unterschiedliche militärische Simulationsausstattungen, die in Form, Größe und Funktion den echten Geräten entsprechen.
(Foto: W. Håland)

Ausbildung unter Gefechtsbedingungen

Die JFATS-Ausbildungsumgebung stellt von der integrierten Handwaffe bis zum Laserzielmarkierer elf unterschiedliche militärische Simulationsausstattungen (Simulated Military Equipment - SME) zur Verfügung. Diese entsprechen in Form/Größe/Funktion exakt den realen Geräten und können in jedem Bereich der Ausbildungskuppel aus jeder Stellung (kniend, stehend oder liegend) eingesetzt werden. Die simulierte Kommunikation (Sprech- und Datenfunk) funktioniert wie in Wirklichkeit. Unter anderem werden Laserzielmarkierer, Laserzielbeleuchter, Feldstecher, Nachtsichtgeräte, bordgestützte Zielbeleuchtungsbehälter und Kopfdisplays (Head-up Display) nachgebildet/simuliert und können wie ihre echten Gegenstücke eingesetzt werden. Außerdem kann eine Bildschirmansicht von jedem dieser Einsatzmittel abgerufen werden. Der Auszubildende (JTAC oder JFO) bestimmt über ein simuliertes GPS seine eigene Position und seine Zielmarkierung mit einem Infrarot-Laserpointer. Diese ist dann für den Ausbilder, die Ausbildungsleiter, Zuseher und Piloten auf den verschiedenen Displays im System sichtbar. Die Nachbildung des Gefechtsterminals wird über einen Touchscreen bedient, auf dem der Auszubildende die Terminalfunktionen über seine Dateneingaben simuliert.

Das Gefechtsterminal zeigt eine Karte des aktuellen Szenariogeländes. Eine Mehrplatzstation ermöglicht den Piloten im Simulator mit einem 180° x 20°-Sichtfeld, digital unterstützte CAS-Meldungen des JTAC aus der gesamten Gefechtsfeldumgebung zu senden und zu empfangen. Außerdem kann der Pilot im Simulator die Anzeigen seines Zielbeleuchtungsbehälters auf einen Video-Downlink-Bildschirm zum JTAC übertragen, um digitalisierte Gespräche über VHF-Datenlink (VHF - Very High Frequency) zu erleichtern. Auf diese Weise kann unter Gefechtsbedingungen ausgebildet werden.

Mobile Satellitenschulungsräume

Die norwegische AGOS-Anlage verfügt auch über zwei mobile Satelliten-Schulungsraumsysteme, die von der norwegischen Artillerie, JTAC und Spezialkräften zur Führung von CAS- und Call-for-Fire-Einsätzen aus abgesetzten Stellungen genutzt werden. Diese mobilen Schulungsräume vermitteln den gleichen realistischen Eindruck und die gleichen Ausbildungsfähigkeiten wie das 7-Meter-Kuppeldisplay und ersetzen echte Feuerleitelemente. Der verlegbare stabile JTAC/JFO-Satellitentrainer, der beliebig positioniert werden kann, besteht aus einer Pilotenstation, Stationen für das Ausbildungspersonal und einem JTAC/JFO-Mehrplatzsystem. Zusammen mit einer absetzbaren 3-Meter-Kuppel ist das Schulungssystem in vier robusten, durch ihre Handgriffe und Räder einfach zu transportierenden Kunststoffkisten untergebracht. Es wiegt nur 100 kg und lässt sich in 45 Minuten ohne Werkzeug aufbauen.

Der transportable Satellitensimulator: Ausbildungspersonal und Pilot/Ausbilder, vier Mehrfachstationen mit einer absetzbaren Drei-Meter-Kuppel. (Foto: Fidelity Technologies Corporation)
Der transportable Satellitensimulator: Ausbildungspersonal und Pilot/Ausbilder, vier Mehrfachstationen mit einer absetzbaren Drei-Meter-Kuppel.
(Foto: Fidelity Technologies Corporation)

Preis-Leistungs-Verhältnis

120 Computer und über fünf Kilometer Netzwerkkabel erforderte der Aufbau des neuen JFATS-Simulators im Camp Rena. Zwar wurden zunächst 90 Millionen norwegische Kronen (etwa 9,3 Millionen Euro) in den Simulator investiert. Der Betrieb lohnt sich aber auf jeden Fall im Vergleich zur Ausbildung mit realem Flugzeug- und Artillerieeinsatz, denn alleine die Kosten für einen Übungseinsatz eines Kampfflugzeugs vom Typ F-35 belaufen sich auf schätzungsweise 110 000 norwegische Kronen (etwa 11 300 Euro). Somit bietet der Simulator eine weitaus kosteneffektivere Lösung zum Erreichen und Halten des erforderlichen Ausbildungsstandes.

 

Auf einen Blick

Norwegens NATO-Partner betreiben derzeit eine Reihe von verschiedenen Simulatortypen, die die gleiche Funktion erfüllen. Es ist jedoch kein anderer Simulator bekannt, der das gleiche Maß an Komplexität, Ausbildungsmöglichkeiten und Realitätsnähe wie das JFATS bietet. Das norwegische Militär kann echte Luftnahunterstützungseinsätze durch die Nutzung des Simulators und der Schuleinrichtungen (AGOS) ersetzen und spart den Norwegern dadurch jährlich mehrere hundert Millionen norwegische Kronen für scharfe Munition, Treibstoff und Flugstunden in der Ausbildung gemäß NATO- und US-Standards, um seine JTAC für die Führung von Luftangriffen anderer Koalitionsstreitkräfte im Gefecht zu qualifizieren. Die norwegischen NATO-Partner haben bereits ihr Interesse an JFATS und der Ausbildung im Simulator bekundet. Diese Simulatorausbildung ist äußerst effizient, da die Ausbildungsstufe auf den Bedarf des Nutzers mit einer Wirklichkeitsnähe zugeschnitten werden kann, die im Frieden schwierig abzubilden ist.  

Major a. D. (NOR-A) Walter Christian Håland ist ehemaliger Artillerieoffizier und Ausbilder am schwedischen Artillerieschießsimulator Saab BT 33.

 

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