• Veröffentlichungsdatum: 11.07.2018
  • – Letztes Update: 18.07.2018

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Der Fall Zypern - Teil 2

Alfred C. Lugert

Österreichische UN-Beobachter auf Zypern neben einer UNO-Flagge. (Foto: HBF/Bundesheer; Montage: Rizzardi)
(Foto: HBF/Bundesheer; Montage: Rizzardi)

Zypern, eine Insel zwischen britischer Verwaltung und Herrschaft einerseits, griechischem Freiheitskampf und Konflikten zwischen den Volksgruppen andererseits sowie dem österreichischen United Nations Peacekeeping-Einsatz.

Teil 1 der Serie

Zypern unter britischer Verwaltung

1878 wurde ein Geheimvertrag zwischen den Briten und dem türkischen Sultan wirksam. Der Deal: Die Briten unterstützen die Türkei im Russisch-Türkischen Krieg und können dafür im Gegenzug die Administration Zyperns übernehmen. Die geostrategische Lage Zyperns hatte nach der Eröffnung des Suezkanals für die Briten große Bedeutung bekommen.

Im Juli 1878 übernahmen die Briten die Verwaltung von Zypern. Die Übernahme erfolgte mit dem Hissen der britischen Fahne an wichtigen Gebäuden der Stadt Nikosia, wie dem Paphos-Tor oder dem Famagusta-Tor und der Segnung des Union Jack durch die zypriotisch-orthodoxe Kirche. Diese offizielle Übernahme basierte auf den Ergebnissen des Berliner Kongresses und fand unter Billigung des Osmanischen Reiches statt. Schließlich hatte die britische Regierung dem Sultan des Osmanischen Reiches, Abdul Hamid II., ihren politischen und militärischen Schutz vor dem Expansionsdrang Russlands angeboten und erhielt im Gegenzug die Kontrolle über Zypern, das aber formal Teil des Osmanischen Reiches blieb.

Bereits drei Monate vor der offiziellen Verkündigung des Okkupationseinsatzes hatte die britische Regierung begonnen, Truppen auf den Inseln Malta und Gozo für einen Einsatz in Zypern zusammenzuziehen. Neben dem schottischen 42nd Royal Highlander Regiment und Teilen des 101st Royal Bengal Fusiliers Regiment waren es Infanterie- und Kavallerieverbände aus Indien mit einer Kompanie englischer Artilleristen, die als „Malta Expeditionary Force“ unter dem Kommando von Generalmajor J. Ross aufgestellt wurden. Insgesamt etwa 2.600 Briten und 5.000 Inder.

Die Expeditionstruppen begannen den Seetransport nach Zypern mit einer Vorausabteilung der Sappeure und Mineure aus Madras, die am 16. Juli 1878 Larnaka erreichte. Generalleutnant Sir Garnet Wolseley, designierter Hochkommissar für Zypern und Oberkommandierender des Zypernkontingentes, schiffte am 20. Juli 1878 in Malta zum Seetransport nach Zypern ein. Am 23. Juli landete das britische Hauptkontingent in Zypern.

Hissen der britischen Flagge in Nicosia/Zypern. (Foto: Illustrated London News/Gemeinfrei)
Hissen der britischen Flagge in Nicosia/Zypern. (Foto: Illustrated London News/Gemeinfrei)

Nach dem Eintreffen in Larnaka begannen die Briten sogleich, das nur rund acht Kilometer südöstlich gelegene Lager bei „Pasha Chiftlik“ zu beziehen und auszubauen. Chiftlik ist ein vererbbares Grundstück im späteren osmanischen Landrecht - in diesem Fall von einem früheren osmanischen Gouverneur auf Zypern, Ebubekir Pasha (1670 bis 1758). Die hohen Juli-Temperaturen machten den Truppen sehr zu schaffen. Gemeinsam mit der mangelnden Hygiene führte dies zum krankheitsbedingten Ausfall von bis zu einem Viertel der Mannschaft und einzelnen Todesfällen.

In London war man mit den Ergebnissen des Berliner Kongresses und der darauffolgenden politischen Entwicklung, inklusive der Okkupation Zyperns, zufrieden. Man hatte Russland erfolgreich aus dem Mittelmeer ferngehalten und mit Zypern einen strategischen Stützpunkt und somit eine Flottenbasis in Richtung Suezkanal gewonnen. Dem britischen Außenminister Lord Salisbury wurde für seine diplomatischen Erfolge der „Most Noble Order of the Garter“ („Hosenbandorden“), die höchste britische Auszeichnung, verliehen.

Das Land und die Menschen, die die Briten auf Zypern vorfanden, waren in einem schlechten Zustand. Die Wirtschaft lag darnieder und die großflächige Abholzung der Wälder hatte über Jahrhunderte ein Großteils trockenes und unfruchtbares Land geschaffen. Die Bewohner fristeten ein karges Dasein. Abseits der größeren Städte gab es nur wenige Schulen. Die erste Volkszählung Zyperns aus dem Jahr 1881 erfasste rund 186.000 Inselbewohner, davon 73,9 Prozent zypriotisch-orthodoxe Christen, 24,4 Prozent Moslems und 1,7 Prozent diverse Minderheiten.

Zunächst war die britische Administration für die christlichen, zypriotisch-orthodoxen Inselbewohner ein willkommenes Ereignis, da sie durch den Wegfall der türkischen Herrschaft einen wichtigen Schritt in Richtung größerer Freiheiten und sogar einer ersehnten Vereinigung mit Griechenland sahen. Doch diese Hoffnungen wurden nicht erfüllt. Daher wandten sich viele Zyperngriechen enttäuscht von den Briten ab und begannen diese sogar teilweise zu bekämpfen.

Der Status von Zypern als britisches Protektorat endete, als das Osmanische Reich Anfang des Ersten Weltkrieges den Mittelmächten (Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien) beitrat und der „Triple Entente“ (Frankreich, Russland und dem Vereinigten Königreich) den Krieg erklärte. Als Reaktion darauf annektierten die Briten am 5. November 1914 Zypern, das dadurch Teil des „British Empire“ wurde. Um während des Ersten Weltkrieges Griechenland zum Beitritt zu den „Triple Entente“-Mächten zu bewegen, boten ihnen die Briten 1915 an, die Insel Zypern zu übernehmen. Griechenland lehnte aber ab.

Entladung der Truppen und Pferde aus britischen Schiffen in Larnaka am 23. Juli 1878 (Ausschnitt aus einer Gravur in den Illustrated London News, 1878). (Foto: CCO)
Entladung der Truppen und Pferde aus britischen Schiffen in Larnaka am 23. Juli 1878 (Ausschnitt aus einer Gravur in den Illustrated London News, 1878). (Foto: CCO)

Zypern als britische Kronkolonie bis 1960

Sechs Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges wurde Zypern am 10. März 1925 eine britische Kronkolonie. Der bisherige Hochkommissar, Sir Malcolm Stevenson, wurde der erste Gouverneur. Die einheimische Bevölkerung hatte keinerlei demokratische Mitbestimmung.

Enosis-Bewegung

Schon seit Beginn des griechischen Freiheitskampfes 1821 existierten Strömungen, die eine Vereinigung mit Griechenland anstrebten. Besonderen Zulauf erhielten diese während des Griechisch-Türkischen Krieges in den Jahren 1919 bis 1922 in Form der Enosis-Bewegung („Vereinigung“ mit Griechenland) aufseiten der Zyperngriechen. Diese Bewegung wurde von der einflussreichen zypriotisch-orthodoxen Kirche unterstützt. 1931 brachen Aufstände aus, die mit der Brandschatzung und Zerstörung des Regierungsgebäudes in Nikosia ihren Höhepunkt fanden. 1941 bot die britische Regierung den Griechen erneut an, Zypern zu übernehmen. Dieses Mal als Gegenleistung für einen militärischen Einsatz Griechenlands gegen Bulgarien. Aber auch diesmal wurde das Angebot nicht angenommen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem rund 30.000 Zyprioten in den britischen Streitkräften gedient hatten, wurde auf Zypern erneut der Ruf nach einem Anschluss an Griechenland laut. 1947 sprach sich König Paul I. von Griechenland erstmals für die Vereinigung Zyperns mit Griechenland aus, was die Zyperngriechen mit der Forderung nach einer Volksabstimmung begeistert beantworteten. Die Briten lehnten dies ab. Daraufhin veranstaltete die zypriotisch-orthodoxe Kirche für die christliche (orthodoxe) Volksgruppe im Jahr 1950 ein eigenes Referendum. Und tatsächlich stimmten 95,71 Prozent der zypriotisch-orthodoxen Christen für den Anschluss (Enosis). Die Ereignisse spitzten sich zu, als die enttäuschten Zyperngriechen die Freiheit vom Vereinigten Königreich und den Anschluss an Griechenland immer energischer forderten. Unter der Führung des in Zypern geborenen griechischen Oberst Georgios Grivas wurde 1955 die EOKA (Ethniki Organosis Kyprion Agoniston/Nationale Organisation zypriotischer Kämpfer) als bewaffnete Untergrundorganisation gegen die Briten gegründet.

Britische Truppen auf Zypern, 1941. (Foto: Davies L B (Lieut), No 1 Army Film & Photographic Unit/Public Domain)
Britische Truppen auf Zypern, 1941. (Foto: Davies L B (Lieut), No 1 Army Film & Photographic Unit/Public Domain)

Unter dem Kommando von Oberst Georgios Grivas führte die EOKA blutige Terrorangriffe gegen militärische und zivile britische Einrichtungen auf Zypern durch, bei denen insgesamt 371 britische Soldaten getötet wurden. Zum Schutz vor diesen Angriffen wurde von den Briten eine Hilfspolizei aus der türkisch-zypriotischen Bevölkerung aufgestellt. Das führte dazu, dass sich die Fronten zwischen den beiden Volksgruppen weiter verhärteten.

Der seit 1950 amtierende zypriotische Erzbischof Makarios (mit bürgerlichen Namen Michael Christodoulou Mouskos) wurde beschuldigt, die EOKA als politischen Repräsentanten der Zyperngriechen unterstützt zu haben. Er wurde daher auf die Seychelleninsel Mahé ins Exil geschickt. Erst im Jahr 1959 durfte er nach Zypern zurückkehren. Zu dieser Zeit wandelte sich die politische Stoßrichtung. Zumindest vordergründig wurde die Idee eines Anschlusses an Griechenland fallengelassen. Stattdessen wurde eine Unabhängigkeit Zyperns unter Einbindung der Zyperntürken als kleine Minderheit ohne Teilung der Insel angestrebt. Dabei wurde die EOKA offiziell im März 1959 aufgelöst.

Taksim - der Teilungsplan

Die Zyperntürken forderten als Gegenstück zur Enosis-Bewegung seit 1957 eine pragmatische Teilung der Insel (Taksim - türkisch für Teilung). Ihr Bevölkerungsanteil betrug 20 Prozent und ein Anspruch auf die ganze Insel war daher unrealistisch. 1958 gründete der türkisch-zypriotische Politiker Rauf Denktash mit Unterstützung festlandtürkischer Militärs eine paramilitärische türkische Verteidigungs-Organisation, die „Türkische Widerstandsorganisation/TMT“ zum Schutz der inseltürkischen Bevölkerung und zur Durchsetzung des Teilungsplanes.

Unabhängigkeit Zyperns 1960

Gemäß einem generellen, politischen „Trend“ zur Entkolonialisierung wurde Zypern im Jahre 1960 als blockfreier Staat in die Unabhängigkeit entlassen. Es blieb aber weiterhin Mitglied des „Commonwealth of Nations“ - des losen Bündnisses ehemaliger britischer Territorien. Um die stetigen Konflikte zwischen den griechisch-zypriotischen und türkisch-zypriotischen Volksgruppen auch nach der Unabhängigkeitserklärung von 1960 zu lösen, wurde ein unitärer Staat mit einer partizipatorischen Verfassung für beide Volksgruppen - die Republik Zypern - geschaffen. Kernpunkte dabei waren Vetorechte für die Inseltürken und Garantiebestimmungen durch Griechenland, durch die Türkei und das Vereinigte Königreich. Die Briten behielten kleinere, aber wichtige territoriale Teile der Insel. Diese waren als kleine „Sovereign Base Areas“ (SBA) und noch kleinere „British Retained Sites“ (BRT) direkt der britischen Regierung, konkret dem Verteidigungsministerium, unterstellt. Die Basen sind britische Hoheitsgebiete.

Ende November 1963 formulierten Innenminister Polycarpos Georgadjis, der Arbeitsminister Tassos Papadopoulos und weitere griechisch-zypriotische Politiker ein Geheimdokument - den „Akritas-Plan“. Der Deckname „Akritas“ bezieht sich auf Digenis Akritas, einen legendären griechischen Helden des Mittelalters. Dieser sieht einen Stufenplan zur Änderung der Verfassung, zur Abschaffung der Garantievereinbarungen, zur umfassenden Selbstbestimmung der Inselgriechen bis hin zur Enosis (Vereinigung mit Griechenland) und zur politischen Entmachtung der türkisch-zypriotischen Bevölkerung vor. Ziel war eine sofortige und gewaltsame Unterdrückung von Angriffen seitens der Inseltürken, um die Situation innerhalb weniger Tage „im Griff zu haben“. Im gleichen Monat änderte die griechisch-zypriotische Mehrheit 13 Punkte der Verfassung und strich damit auch die darin verankerten Vetorechte und die effektive Mitsprache der Inseltürken, um - wie sie sagten - Zypern „ordentlich“ regieren zu können. Drei türkisch-zypriotische Minister verließen unter Protest die Regierung.

Bürgerkriegsähnlicher Konflikt

Daraufhin wurde die Stimmung auf der Insel immer kritischer und es bedurfte nur noch eines Auslösers, um den bewaffneten Konflikt zwischen den kampfbereiten Inseltürken und den Inselgriechen ausbrechen zu lassen. Ende Dezember 1963 kam es in Nikosia wegen einer Polizeikontrolle zu einer bewaffneten Auseinandersetzung. Schüsse fielen, und zwei türkische Zyprioten wurden dabei getötet. Daraufhin brachen zahlreiche Kämpfe zwischen den paramilitärischen Kräften der beiden Volksgruppen aus, nicht nur in Nikosia, sondern auch in Larnaka, Famagusta, Limassol, Paphos und Kyrenia. Innerhalb weniger Tage wurden mehr als 350 türkische und rund 200 griechische Zyprioten und Festlandgriechen getötet. Weitere tausende Zyprioten wurden verwundet. Im folgenden Jahr setzten sich die Gräueltaten beider Seiten fort. Von griechisch-zypriotischer Seite wurden mehr als 100 türkisch-zypriotische Dörfer angegriffen, Moscheen und Häuser zerstört und 25.000 türkische Zyprioten vertrieben.

Diese Trümmer zeigen die Heftigkeit der interkommunalen Gewalt zwischen Zyperngriechen und Zyperntürken. Im Hintergrund ein UN-Posten. (Foto: Brian Harrington Spier/CC BY-SA 2.0)
Diese Trümmer zeigen die Heftigkeit der interkommunalen Gewalt zwischen Zyperngriechen und Zyperntürken. Im Hintergrund ein UN-Posten. (Foto: Brian Harrington Spier/CC BY-SA 2.0)

Die Lage in Nikosia hatte sich Ende 1963 weiter zugespitzt - und zwar so sehr, dass Präsident Erzbischof Makarios eine türkische Invasion befürchtete. Daher wandte sich dieser an die britischen Truppen im Land. Die Folge: Am 30. Dezember 1963 griffen britische Truppen aus ihren - auf der Insel befindlichen - Sovereign Base Areas (SBA Dhekelia und SBA Akrotiri) und der British Retained Site (BRT Airport Nicosia) kommend, als neue Waffenstillstandstruppe der Garantiemächte („Truce Force“ auch „Joint Force“ genannt) in Nikosia ein. Die provisorische Einrichtung des Hauptquartiers erfolgte unmittelbar mit der Befehlsausgabe durch den britischen Generalmajor Peter Young in den Morgenstunden des 30. Dezember 1963 im Hotel Cornaro. Bereits am Nachmittag desselben Tages begann die Übersiedelung in das strategisch besser gelegene, aber schwer umkämpfte Ledra Palace Hotel. Dort hatte bereits ein anderes britisches Bataillon (1st Battalion „The Gloucestershire Regiment“) seinen Gefechtsstand eingerichtet. Von diesem Hotel aus konnte man die Verteidigungslinien der türkisch-zypriotischen und der griechisch-zypriotischen Streitkräfte genau beobachten.

Der britische Luftwaffenoffizier Wing Commander (vergleichbar mit Oberstleutnant) Mark Hobden, im Stab des Joint Force Headquarters unter dem Kommando von Generalmajor Peter George Francis Young, hatte auf einer großen britischen Militärkarte von Nikosia eine Trennungslinie der Streitparteien mit einem grünen Filzstift mitten durch die Stadt eingezeichnet. Die erst zehn Jahre später eingerichtete inselweite UN-Pufferzone (UNBZ) wurde später oftmals in den internationalen Medien mit dem plakativen Begriff „Green Line“ bezeichnet.

Die ad hoc unter dem Kommando des britischen Generalmajors Peter George Francis Young gebildete „Joint Task Force“ war von britischen und einer kleineren Anzahl griechischer und türkischer Truppen aufgestellt worden. Es war der erste multinationale Peacekeeping-Einsatz auf Zypern, jedoch noch ohne UN-Mandat. Einer der ersten Erfolge war ein Gefangenenaustausch, wobei 545 türkische Zyprioten im Gegenzug für 26 griechische Zyprioten wechselseitig überstellt wurden.

Am 19. Februar 1964 übernahm Generalmajor Michael Carver das Kommando von Peter Young über die rund 5.000 Mann starke anglo-türkisch-griechische Joint Truce Force. Kurz danach brach der Wing Commander Hobden den Einsatz im Ledra Palace Hotel ab, wobei er mit einer Hotelrechnung in der Höhe von 2,5 Millionen Zypern-Pfund überrascht wurde. Diese lehnte er mit dem Hinweis ab, dass der Einsatz im Auftrag der zypriotischen Regierung erfolgt war.

Ein UN-Camp beim Dorf Kophinou, 1969. (Foto: Brian Harrington Spier/CC BY-SA 2.0)
Ein UN-Camp beim Dorf Kophinou, 1969. (Foto: Brian Harrington Spier/CC BY-SA 2.0)

UN-Peacekeeping-Force

Erst nach der britisch geführten multinationalen „Joint Force“ wurde die United Nations Peacekeeping Force in Cyprus (UNFICYP) am 4. März 1964 aufgestellt. Grundlage war die Resolution 186 (1964) des UN-Sicherheitsrates und die Zustimmung von Zyperns Regierung mit dem Mandat zur Verhinderung des Wiederauflebens der Kämpfe und als Beitrag zur Aufrechterhaltung und Wiederherstellung von Recht und Ordnung mit dem besonderen Bezug zur Sicherheit und zum Wohlergehen der Volksgruppen sowie als Beitrag zu einer Rückkehr zu normalen Verhältnissen.

Als Kommandant von UNFICYP wurde am 6. März 1964 der indische General Prem Singh Gyani bestellt. Sein Stellvertreter wurde der bisherige Joint Force Kommandant, Generalmajor Michael Carver, der auch als Kommandant des britischen UN-Kontingentes fungierte.

Nach dem Eintreffen des kanadischen Kontingentes am 13. März wurde der 27. März 1964 als Operationsbeginn bestimmt. In der Folge setzte sich UNFICYP aus militärischen Einheiten von Österreich, Kanada, Dänemark, Finnland, Irland, Schweden und dem Vereinigten Königreich, sowie aus Polizeikontingenten aus Australien, Österreich, Dänemark, Neuseeland und Schweden zusammen. UNFICYP wurde inselweit, angelehnt an die regionalen Verwaltungsbezirke, disloziert.

Das österreichische Vorkommando traf am 14. April 1964 in Nikosia ein, um die Vorbereitungen für das geplante Feldspital im westlich der Hauptstadt liegenden Lager in Kokkinotrimithia zu treffen. Kommandant war der Kongo-erfahrene Oberstleutnant-Arzt Dr. Robert Wech. In den Monaten April und Mai 1964 kämpften erneut paramilitärische Verbände beider Volksgruppen in verschiedenen Teilen der Insel, wobei UN-Soldaten zwischen die Fronten gerieten.

Trotz der Dislozierung der UNFICYP erfolgte im Juni 1964 - gleichzeitig mit der Rückkehr von Generalleutnant Georgios Grivas - ein militärisches Eingreifen Griechenlands mit bis zu 20.000 Soldaten, die eingesickert waren. Diese heimlich durchgeführte Invasion aus Griechenland hatte den Auftrag, gegen die türkischen Zyprioten vorzugehen und ein mögliches militärisches Eingreifen aus der Türkei abzuwenden. Gleichzeitig wurde eine zypriotische Nationalgarde mit griechischer Unterstützung gegründet. Diese sollte, anders als in der Verfassung von 1960 vorgesehen, keine ethnisch gemischte, sondern eine rein griechisch-zypriotische (Ethnikí Frourá) Armee sein.

Das Abzeichen der griechisch-zypriotischen Nationalgarde (siehe Schild.) Der byzantinische Doppeladler und das griechische Herzschild sind gleich wie beim Abzeichen der griechischen Streitkräfte. (Foto: HBF/Bundesheer).
Das Abzeichen der griechisch-zypriotischen Nationalgarde (siehe Schild.) Der byzantinische Doppeladler und das griechische Herzschild sind gleich wie beim Abzeichen der griechischen Streitkräfte. (Foto: HBF/Bundesheer).

Die Türkei beantwortete die Gewaltakte gegen die inseltürkische Volksgruppe indem sie mit einem militärischen Eingreifen drohte. Die Türkei wurde aber durch die USA in aller Deutlichkeit von der Umsetzung der Drohung abgehalten. Anfang August 1964 brachen intensive Kämpfe zwischen den Volksgruppen, besonders an der nordwestlichen Küste bei Kokkina und Mansoura, aus. Die Inselgriechen wollten mit Waffengewalt die Kontrolle über dieses von den Inseltürken stark befestigte Gebiet übernehmen. Denn diese Region wurde von den Inseltürken als logistischer Hafen und Brückenkopf für Waffenlieferungen und Landungen von Soldaten aus der Türkei benutzt. Die griechisch-zypriotischen Streitkräfte griffen daraufhin die türkisch-zypriotischen Stellungen an. Am 9. August 1964 wurde dieser Angriff von der türkischen Luftwaffe mit dem Einsatz von 64 Kampfflugzeugen erwidert.

In einer dringenden Sitzung des UN-Sicherheitsrates (August 1964) wurden Griechenland, die Türkei und Zypern vom Vereinigten Königreich und von den Vereinigten Staaten zu einem sofortigen Waffenstillstand aufgefordert. Dazu kam noch die Drohung Griechenlands, im Falle der Fortsetzung türkischer Luftangriffe ihrerseits die griechischen Streitkräfte auf Zypern einzusetzen. Ein Krieg zwischen zwei NATO-Mitgliedstaaten drohte auszubrechen. Schließlich wurde die anglo-amerikanische Resolution zum sofortigen Waffenstillstand auf Zypern von der (de facto griechisch-zypriotischen) Regierung und von der Türkei angenommen. Die Lage verschärfte sich, als Ende Dezember 1964 sowjetische Kriegsschiffe nachts auf Zypern landeten, um Waffen und Kampffahrzeuge zu liefern.

Auch die im April 1967 erfolgte Errichtung einer Militärjunta in Griechenland beeinflusste die Lage in Zypern wesentlich. Der Anführer der Junta, Oberst Georgios Papadopoulos, wollte eine Vereinigung Zyperns mit Griechenland (Enosis) und begann, direkte Gespräche mit der Türkei zu führen, um eine einvernehmliche Lösung zu erzielen. Dabei umging er Präsident Erzbischof Makarios. Oberst Papadopoulos schlug vor, dass die Türkei zur Wahrung ihrer Interessen eine größere Militärbasis auf der Insel einrichten könnte, was zur Teilung der Insel führen würde. Am 15. November 1967 wurden bei einer groß angelegten militärischen Operation mit griechisch-zypriotischen Nationalgardisten und festlandgriechischen Truppen die türkisch-zypriotischen paramilitärischen Einheiten angegriffen. Sie waren in den nur drei Kilometer voneinander entfernten Ortschaften Ayios Theodoros (türk. Ayatotoro oder Bo?aziçi) und Kophinou (türkisch Geçitkale), südwestlich von Larnaka gelegen.

Auslöser für diesen bewaffneten Konflikt war die gewaltsame Weigerung der türkisch-zypriotischen Sicherheitskräfte, inselgriechische Polizeipatrouillen in Kophinou (an der Straße Larnaka-Limassol gelegen) und in der zweigeteilten Ortschaft Ayios Theodoros zuzulassen. Im Zuge der schweren Kämpfe wurden neben vielen Verletzten auch 24 türkische Zyprioten getötet. Daraufhin war die Türkei erneut knapp davor, auf Zypern militärisch einzugreifen. Stattdessen schickte sie einen Protest an die Vereinten Nationen. Mit diplomatischer Unterstützung der Vereinten Nationen und der USA erwirkte die Türkei am 16. November 1967 einen Waffenstillstand, den Abzug der Nationalgarde, den Rücktritt von Generalleutnant Grivas als Kommandant der inselgriechischen und griechischen Truppen noch am selben Tag, sowie die Rückführung der griechischen Armeedivison in der Stärke von rund 10.000 Soldaten zurück nach Griechenland, die bis Anfang 1968 erfolgte.

Das Kontingent velegt aus dem Hafen Rijeka nach Zypern. Am Oberdeck sind Steyr-Puch Haflinger verladen. (Foto: HBF/Bundesheer)
Das Kontingent velegt aus dem Hafen Rijeka nach Zypern. Am Oberdeck sind Steyr-Puch Haflinger verladen. (Foto: HBF/Bundesheer)

Weitere Übergriffe der griechisch-zypriotischen Seite gegen die türkischen Zyprioten wurden mit Gegenangriffen der früheren TMT, nunmehr seit 1967 Mücahit (Kämpfer) genannt, beantwortet. Zusätzlich gab es die politische Reaktion der Inseltürken auf die ständigen Konflikte durch Schaffung einer provisorischen türkisch-zypriotischen Administration am 28. Dezember 1967. Kurzfristig entspannte sich die Lage. UNFICYP, nunmehr unter dem Kommando des finnischen Generals Ilmari A. E. Martola, reduzierte die ursprüngliche Personalstärke von 6 275 im Dezember 1967 auf 4.737. Im Jahr 1971 wurde UNFICYP - mit einem indischen Force Commander, Generalleutnant Dewan Prem Chand - bis auf 3.150 reduziert. Im gleichen Jahr erfolgte eine Neuformierung der früheren EOKA (Ethniki Organosis Kyprion Agoniston/Nationale Organisation zypriotischer Kämpfer) als „EOKA B“ durch General Grivas.

Österreich entsendet ein Bataillon

1972 wurde auf Wunsch des UN-Generalsekretärs, Dr. Kurt Waldheim, die österreichische Teilnahme bei der UNFICYP ausgebaut. Ein Vorkommando wurde am 24. März 1972 zur UNFICYP geschickt. Am 21. April wurde das restliche Bataillon (United Nations Austrian Battalion - UNAB) von Wien aus in Marsch gesetzt und vom jugoslawischen Hafen in Rijeka auf dem Seeweg nach Zypern transportiert.

Am 3. Mai begann der operative Einsatz des UNAB im Raum Paphos mit rund 300 Mann unter dem Kommando von Oberstleutnant Alfons Kloss, gefolgt von Oberstleutnant Dr. Erich Weingerl am 18. April 1973 und Major Walter Fritz am 26. Oktober 1973. Im Oktober und November 1973 wurden große Teile von UNAB zum Aufbau von UNEF II (United Nations Emergency Force) auf die Sinai-Halbinsel verlegt. Mit Soldaten aus Österreich wurde die Soll-Stärke für das UNAB in wenigen Wochen wieder erreicht.

Abzeichen des Austrian Contingent. (Foto: RedTD/Zanko)
Abzeichen des Austrian Contingent. (Foto: RedTD/Zanko)

Am 3. Dezember 1973 hatte das - vom Bezirk Paphos verlegte - österreichische Bataillon die operative Verantwortung über den weiter südöstlich gelegenen Raum von Larnaka übernommen. Ein paar Wochen später, am 15. Jänner 1974, übergab Major Walter Fritz das Kommando über das österreichische UN-Bataillon auf Zypern an Oberstleutnant Franz Rieger.

Von vielen internationalen politischen Entscheidungsträgern sichtlich unerwartet, erfolgte ein halbes Jahr später, am 15. Juli 1974, auf Zypern ein Putsch. Dieser wurde von der festlandgriechischen Militärjunta unter der Führung von Oberst Dimitrios Ioannides ausgelöst. Beteiligt waren griechische Truppen und die griechisch-zypriotische Nationalgarde. Der Putsch fand gegen die Regierung unter Präsident Makarios und seine griechisch-zypriotischen paramilitärischen Kräfte und speziellen Polizeikräfte statt. Darauf reagierte die Türkei am 20. Juli 1974 mit einer Invasion.

wird fortgesetzt

Oberst dhmfD aD Dr. Alfred C. Lugert ist Sozialwissenschaftler, mehrfacher Gastprofessor für Politikwissenschaft an der Universität von New Orleans, Louisiana, und hat mehrere internationale Einsätze im Dienst des Bundesheeres und der OSZE absolviert.

Teil 1 der Serie

 

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Meinungen (2)

  • Mag. phil. Manfred Gänsdorfer, Bgdr i. R. // 18.07.2018, 10:54 Uhr Das Erscheinen des nunmehr zweiten Beitrags im Truppendienst nehme ich zum Anlass, den Verantwortlichen zur Thematisierung des Falls Zypern zu gratulieren. Gerade die bis heute zumeist aus der Volksgruppenproblematik resultierenden Probleme des Inselstaates sollten in einer Phase, in der manche Politiker von einer Erweiterung der Europäischen Union reden, Mahnung sein.

    Als junger Offizier auf Zypern bei UNFICYP dienend hätte ich mir in der Vorbereitung auf den Einsatz eine Information in der Form der bisher erschienenen Beiträge erhofft. Informationen, die ich erst allmählich in Begegnungen vor Ort bzw. durch Literaturstudium gewinnen konnte. Dem Autor der Beiträge gratuliere ich zu einer in die Tiefe gehenden Publikation. So freue ich mich schon auf den nächsten Beitrag, wobei ich ein Kapitel „lessons learned“ angesichts der eingangs erwähnten Problematik besonders begrüßen würde.

    P.S. Im Bildtext auf S. 152 wird Dr. Fazil Kücük im Jahr 1969 zum Vizepräsidenten der Republik Zypern gewählt. Meinen Informationen nach war der türkische Volksgruppenführer dies bereits zum Zeitpunkt der Ausrufung der Unabhängigkeit, also 1960.
  • Volker Zimmermann // 18.07.2018, 11:08 Uhr Gratulation zu den beiden Zypernartikel von Fredy Lugert. Es ist die kompetenteste Zusammenfassung und Schilderung der Hintergründe und Abläufe seit langem. Ich hoffe es gibt eine Fortsetzung bis zum Stand 2018.