• Veröffentlichungsdatum: 25.02.2020
  • – Letztes Update: 26.02.2020

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Übung Bärentatze 1969

Andreas Steiger

(Foto: Bundesheer/HBF, Montage: Rizzardi)
(Foto: Bundesheer/HBF, Montage: Rizzardi)

Nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes am 21. August 1968 in die Tschechoslowakische Sozialistische Republik musste Österreich ein glaubhaftes militärisches Verteidigungskonzept präsentieren. Es sollte nach dem Prinzip „Schild-Schwert“ ausgerichtet sein und 1969 bei der Übung „Bärentatze“ erprobt werden. Die Annahme war, drei Divisionen des Warschauer Paktes abzuwehren. 12.000 Soldaten mit 200 Ketten- und 1.000 Räderfahrzeugen und zahlreichen Luftfahrzeugen wurden bei der Großübung eingesetzt. 

Bei der Großübung „Bärentatze“ wurde die Zusammenarbeit zwischen Landwehr und aktiver Truppe sowie Land- und Luftstreitkräften geübt, und der Kampfwert und der allgemeine Ausbildungsstand der Truppe sowie die Einsatzfähigkeit des Gerätes überprüft. Ziel dieser Übung war es, zu analysieren, wie sich die Abwehrfähigkeit des Österreichischen Bundesheeres (ÖBH) in einem hochgerüsteten militärischen Umfeld darstellt, um daraus Ableitungen über die Einsatzfähigkeit des ÖBH zu treffen. Ableitend daraus sollte die Übung möglichst viele Erfahrungswerte für die künftige Ausrichtung der Organisation, Bewaffnung, Ausrüstung und Ausbildung des ÖBH bringen. Gemäß der Beurteilung des G3 des Gruppenkommandos I (GrpKdo I) Oberst des Generalstabsdienstes (dG) August Ségur-Cabanac, wonach „eine Tatze des russischen Bären auf Österreich laste“, wurde daraus ableitend die Bezeichnung „Bärentatze“ für die Übung gewählt.

Für die Übung wurde ein Armeekommando des Warschauer Paktes dargestellt, das durch die 8. Division (fiktiv bei Neulengbach), die 9. Division (tatsächliche Übungstruppe der Partei „Orange“) und die 10. Division (fiktiv bei Türnitz) gebildet wurde. Das Ausklammern einer atomaren Komponente war eine Vorgabe der Übungsleitung.

Die Versorgung wurde von der Feldküche... (Foto: Bundesheer/HBF)
Die Versorgung wurde von der Feldküche... (Foto: Bundesheer/HBF)
...bis zum mobilen Röntgen mitgeübt. (Foto: Bundesheer/HBF)
...bis zum mobilen Röntgen mitgeübt. (Foto: Bundesheer/HBF)

Rahmenbedingungen

Für das ÖBH galt es, das damalige atomare „Schild-Schwert“-Konzept der NATO in zwei „Denkschulen“ im ÖBH umzusetzen. Eine Einsatzvariante sah vor, die Brigaden als Hauptträger des Abwehrkampfes (Schwert) nach operativen Grundsätzen einzusetzen. Bei der zweiten realistischeren Einsatzvariante waren die vier Jägerbrigaden und der Grenzschutz als Schild einzusetzen und die drei Panzergrenadierbrigaden als Schwert zu verwenden.

Nach der CSSR-Krise galt es, auch die „Farbenfälle“ des ÖBH neu zu überarbeiten, weil damals die unterschiedlichen militärischen Operationen nach Farben benannt wurden. Als Folge der Ereignisse in der CSSR 1968 wurde eine Variante zum Operationsfall „Grün“ („Fall CSSR“) ausgearbeitet, in der u. a. abgeleitet wurde, dass Österreich Ziel eines Überraschungsangriffes ohne Zeit für Mobilmachungsmaßnahmen durch die minimale Vorwarnzeit sein könnte.

Operative Bedeutung des Alpenvorlandes

Schützenpanzer „Saurer“, dahinter Jeep mit angehängter 10,6-cm-rückstoßfreier Panzerabwehrkanone (rPAK) am Marsch. (Foto: Bundesheer/HBF)
Schützenpanzer „Saurer“, dahinter Jeep mit angehängter 10,6-cm-rückstoßfreier
Panzerabwehrkanone (rPAK) am Marsch. (Foto: Bundesheer/HBF)

Die Übung fand im Großraum Amstetten statt, wo die wichtigsten Bewegungslinien nördlich der Alpen verlaufen und der somit einen operativ bedeutsamen Staatsabschnitt darstellt. Das Gelände des Alpenvorlandes wurde auch deshalb ausgewählt, da es zusätzlich zur Erlauf weitere Flussläufe quer zur Angriffsrichtung gibt, die panzerhemmend wirken. „Trotz seines Charakters als teilweises Panzerrollgelände ist das Alpenvorland in Summe für die Verteidigung oder den Hinhaltenden Kampf günstiger als für den Angriff“, so die vorausschauende Feststellung im TRUPPENDIENST aus dem Jahr 1969.

Die operative Ausgangslage der Übung war, dass sich im beschriebenen Raum ein Oststaat (Partei „Orange“) und ein Weststaat (Partei „Blau“) gegenüberstanden. Im Raum Melk wurde ein neutraler Staat „Gelb“ für die Übungsleitung geschaffen. Die Übungsanlage sah vor, dass nach einem angenommenen Spannungszustand der Weststaat (Partei „Blau“) Mobilmachungsmaßnahmen eingeleitet hatte, worauf der Oststaat (Partei „Orange“) seine Kräfte im Grenzraum zum Weststaat aufmarschieren ließ. Absicht der Partei „Orange“ war es, dem Aufmarsch der Partei „Blau“ zuvorzukommen und vor deren endgültiger Formierung der Kräfte durch einen raschen Stoß den Raum vorwärts (westlich) der Enns zu gewinnen, um die Kräfte von „Blau“ zu vernichten.

Daraus ergab sich für beide „Staaten“ folgende operative Ausgangslage: Für den angreifenden Staat „Orange“ war das erste operative Ziel, die Übergänge über die Ybbs in Besitz zu nehmen. Der Staat „Blau“ sollte vorerst im Hinhaltenden Kampf agieren, um spätestens zwischen Erlauf und Ybbs den Feindangriff zum Stehen zu bringen und in der Folge zum Gegenangriff antreten.

Der Übungszweck für die Partei „Orange“ war der Angriff im vorwiegend panzergünstigen Gelände, das Überwinden von Flusshindernissen, der Kampf gegen einen panzerabwehrstarken Feind im Bereich der Voralpen und die Durchführung von taktischen Luftlandungen in der Tiefe der Partei „Blau“.

Für die Partei „Blau“ war der Übungszweck der Hinhaltende Kampf, der Kampf gegen einen mechanisierten Feind im Voralpengelände, der Kampf um Flüsse und Bewegungslinien, der Kampf unter feindlicher Luftherrschaft bei Tag und Nacht, der Transport von Reserven mittels Hubschrauber im Operationsgebiet, der Kleinkriegseinsatz von Teilstreitkräften und der Gegenangriff bei Dunkelheit und schlechter Sicht.

105-mm-leichte Feldhaubitze M-2 in Stellung. (Foto: Bundesheer/HBF)
105-mm-leichte Feldhaubitze M-2 in Stellung. (Foto: Bundesheer/HBF)
Luftlandung in der Tiefe der "Partei Blau". (Foto: Bundesheer/HBF)
Luftlandung in der Tiefe der "Partei Blau". (Foto: Bundesheer/HBF)
Angelandeter Soldat mit MP-41 in Stellung. (Foto: Bundesheer/HBF)
Angelandeter Soldat mit MP-41 in Stellung. (Foto: Bundesheer/HBF)

 

Übungsvorbereitungen

Schon in der Erkundungsphase leitete der Chef des Stabes der 1. Jägerbrigade (Partei „Blau“), Major dG Siegbert Kreuter, ab, dass große Lücken im Gefechtsstreifen der Partei „Blau“ bei der Verteidigung im Panzergelände vorhanden waren, angelegte Sperren von der Luftaufklärung der Partei „Orange“ erkannt wurden und deshalb der Widerstand vorwärts der Erlauf von relativ kurzer Dauer sein würde. Obwohl er diese Tatsache an seinen Vorgesetzten meldete, wurde diesem Hinweis nicht nachgegangen.

Beide Parteien hatten sich mit den Geländeverhältnissen vertraut gemacht. Deshalb richtete Oberst dG August Ségur-Cabanac als einer der Hauptverantwortlichen der Übungsleitung das Hauptaugenmerk auf den ausgewogenen Kräfteeinsatz und deren Gliederung für die Partei des Angreifers sowie für jene des Verteidigers. „Hier musste eine schwere Entscheidung getroffen werden. Das richtige oder das vermutlich richtige Kräfteverhältnis zwischen Angreifer und Verteidiger zu finden, ohne durch die Bildung eines übermächtigen Angreifers einen geradezu katastrophalen Verlauf für die Kräfte des Verteidigers hervorzurufen.“

Eingesetzte Kräfte

Die Durchführung der Übung oblag dem Gruppenkommando I, das durch Kräfte aus den Befehlsbereichen der Gruppen II und III sowie der Theresianischen Militärakademie und der Heeressport- und Nahkampfschule verstärkt war. 12 000 Mann, darunter 2 700 Angehörige der Reserve, mit 200 Kettenfahrzeugen und 1 000 Räderfahrzeugen nahmen an dieser Übung teil. Die Übungsleitung wurde vom Gruppenkommando I mit dem Kommandanten Generalmajor Ignaz Reichel, dessen Stellvertreter Brigadier Anton Leeb, dem Chef des Stabes Oberst dG Karl Wohlgemuth und dem G3 Oberst dG August Ségur-Cabanac gestellt. 

Partei „Blau“

An Kräften wurden eingesetzt: Bei der Partei „Blau“ als Verteidiger die verstärkte 1. Jägerbrigade (vst1.JgBrig) mit dem Kommandant Oberst dG Paul Haydvogel und dahinter als Reserve die verstärkte 3. Panzergrenadierbrigade (vst3.PzGrenBrig) mit dem Kommandant Brigadier Ing. Paul Dernesch.

Partei „Orange“

Die Partei „Orange“ wurde unter dem Kommando von Oberstleutnant dG Karl Liko in der verstärkten 9. Panzergrenadierbrigade (vst9.PzGrenBrig) zusammengefasst und übungsmäßig als 9. Division bezeichnet.

Burgenland gegen Niederösterreich – „Martinigans gegen Bär“

Am 11. November (dem burgenländischen Landesfeiertag) 1969 begann die Großübung. Der Landesfeiertag, der dem Heiligen Martin gewidmet ist, motivierte die Soldaten der 1.JgBrig (Partei „Blau“), weil sie großteils aus dem Burgenland stammten. Am 14. November 1969, einem Tag vor dem niederösterreichischen Landesfeiertag, der dem Heiligen Leopold gewidmet ist, endete die Übung. Das wiederum motivierte die niederösterreichischen Soldaten der 9.PzGrenBrig (Partei „Orange“) – im „damaligen Bundesheerjargon“ auch „Grafenbrigade“ genannt – im Übungsraum Niederösterreich sich beweisen zu können.

Es war die Panzeraufklärungskompanie 9 (PzAufklKp9), die ab dem 11. November die Widerstandslinie „A“ überschritt, auf keine Feindteile der Partei „Blau“ stieß, um in weiterer Folge den Raum Wieselburg weiter aufzuklären. Um 0615 Uhr trat das vstPzB1, das vstPzGrenB35 und das Gardebatallion (GdB) zwischen Rabenstein und Bischofstetten zum Angriff an, während die Heeresaufklärungsabteilung (HAA) aus Kirchberg an der Pielach weiter vorstieß. Die von Süden durch das Hügelgelände in die Flanke des JgB2 vorstoßenden Kräfte von „Orange“ konnten innerhalb weniger Stunden wichtige Knotenpunkte (Kettenreith, Massendorf) in der Tiefe der Widerstandslinie „A“ nehmen und dem JgB2 das Beziehen der Widerstandslinie „B“ verwehren.

Entscheidungen der Übungsleitung ermöglichten dem JgB2 zwar eine vorübergehende Verzögerung des Angriffes von der Partei „Orange“, doch stießen die mechanisierten Bataillone rasch über Kilb bis an die Widerstandslinie „B“ vor. Das zunächst nur teilweise betroffene vstJgB4 wurde noch am Vormittag des 11. November vom PzB33 angegriffen, das rasch in Richtung St. Leonhard am Forst durchstieß und so die zeitlich begrenzte Verteidigung in der Widerstandslinie „B“ verhindern konnte.

In Folge gab die Übungsleitung das an der Enns liegende JgB23 (mit der Panzerjägerkompanie 6) für die 1.JgBrig frei und setzte dieses in einen Verfügungsraum bei Steinakirchen am Forst in Marsch. Ebenso wurde die 3.PzGrenBrig der Gruppe I unterstellt und zunächst in einen Verfügungsraum südöstlich von Amstetten befohlen, wo sie ab dem 13. November zur Verfügung stand.

Die Lageentwicklung am zweiten Kampftag, dem 12. November 1969. (Grafik: TD-Heft 1/1970)
Die Lageentwicklung am zweiten Kampftag, dem 12. November 1969. (Grafik: TD-Heft 1/1970)

Brücke von Mühling

Brücken wie jene von Arnheim oder von Andau schrieben Geschichte, und auch die „Brücke von Mühling“ südlich von Wieselburg sollte dies tun. Die Erlauf galt bis Mühling als absolutes Panzerhindernis. Die geplante Absicht der vst9.PzGrenBrig war es deshalb, mit der Infanterie rasch an die Erlauf durchzustoßen, um mit den vorhandenen Kräften eine Brücke zu errichten. Die 1.JgBrig bereitete alle Brücken über die Erlauf zur Sprengung vor. Der Übergang bei der auf der Karte eingezeichneten Brücke von Mühling sollte für möglicherweise abgedrängte Teile des JgB4 offengehalten werden und wurde durch einen Zündtrupp mit zwei Soldaten gesichert.

Zufällig wurde von Offizieren des Kommandos der 9.PzGrenBrig eine neu errichtete Agrarbrücke oberhalb des Kraftwerkes von Mühling entdeckt, die auf den Karten nicht eingezeichnet war und deshalb auch gemäß Übungsannahme nicht gesprengt wurde. Auf dieser Brücke überquerten Panzer der Type AMX-13 des PzB1 die Erlauf, bildeten einen Brückenkopf und klärten in Folge mit Teilen Richtung Brücke bei Wieselburg auf. Der 2. Jahrgang (Jahrgang „Schwarzenberg“) der Theresianischen Militärakademie war als verstärkte Luftlandekompanie für die Partei „Orange“ eingesetzt. Die Kompanie hatte die Aufgabe, Teile der 1.JgBrig aus dem Raum Wieselburg gegen den Brückenkopf bei Mühling abzuwehren bzw. beim Übergang der Kräfte von der Partei „Orange“ über die D-Brücke bei Wieselburg zu sichern.

Nach der CSSR-Krise informierten sich ausländische Attachés genauso wie der Landeshauptmann von Niederösterreich, Andreas Maurer, (vo. li.) über den Verlauf der Übung. (Foto: Bundesheer/HBF)
Nach der CSSR-Krise informierten sich ausländische Attachés genauso wie der Landeshauptmann von Niederösterreich, Andreas Maurer, (vo. li.) über den Verlauf der Übung. (Foto: Bundesheer/HBF)
(Foto: Bundesheer/HBF)
(Foto: Bundesheer/HBF)
(Foto: Bundesheer/HBF)
(Foto: Bundesheer/HBF)

Die Brücke bei Wieselburg war gemäß Übungsannahme gesprengt, so dass keine Kräfte der Partei „Blau“ zu erwarten waren. Teile des PzB1 sicherten die unmittelbare Umgebung der Brücke, um den Bau einer Pionierbrücke unmittelbar neben der (fiktiv) gesprengten Brücke mit Teilen des Pionierbataillons 1 zu gewährleisten. Gegen 1500 Uhr stieß das vstPzGrenB35 auf der Pionierbrücke bei Wieselburg über die Erlauf und bildete einen wirksamen Brückenkopf entlang des Flusses. Zwar wurde in einer späteren Phase der Brückenkopf der 9.PzGrenBrig durch einen Gegenangriff der Kampfgruppe „P“ der 1.JgBrig wiederum eingedrückt, aber die 9.PzGrenBrig hatte das taktische Problem, die Inbesitznahme eines Überganges über die Erlauf, rasch und zweckmäßig bewältigt.

Die Partei „Blau“ sah sich daher zur Improvisation beim Aufbau der Verteidigung an der Erlauf gezwungen. So erhielt das JgB23 den Mittelabschnitt zwischen Steinakirchen und Marbach zugewiesen, das JgB2 den südlichen Teil ab Purgstall und das JgB4 den Nordteil um Wieselburg. Das vstPzB4 (mit 19 Kampfpanzern M-47 und 20 rPAK) wurde als Gruppenreserve in den Raum Senftenegg herangeführt. Am Nachmittag gelang es der 9.PzGrenBrig, zwei weitere Brückenköpfe über die Erlauf bei Neumühl und Petzenkirchen zu schaffen, worauf eine „Neutralisierung“ verfügt wurde. Diese „Neutralisierung“ ermöglichte es der 1.JgBrig ihre beiden JgB auf die vorgesehene Linie zurückzunehmen und in der Nacht zum 12. November tatsächlich den Vorderen Rand der Verteidigung (VRV) an der Erlauf zu beziehen.

Am Vormittag des 12. November griff die Heeresaufklärungsabteilung bei Purgstall und Saffen gegen das JgB2 an und konnte während des Tages kleinere Einbrüche erzielen. Das vstPzGrenB35 konnte Zarnsdorf gegen den Widerstand der Kampfgruppe „P“ nehmen und stieß dann, gefolgt vom PzB33, in das Tal der kleinen Erlauf nach Wang durch. Das JgB2 war östlich davon verblieben. Westlich von Wieselburg konnte das vstPzB1 zwar den Raum bis Wechling gewinnen, aber keinen entscheidenden Einbruch erzielen. Am Abend des 12. November entschloss sich die Gruppe I, am 13. November vorerst mit der verstärkten 1.JgBrig weiter zu verzögern und ab 1400 Uhr mit der 3.PzGrenBrig, verstärkt durch das PzB4, einen Gegenangriff zu führen, um zunächst den Raum Steinakirchen zu nehmen und danach durch Wiederinbesitznahme der Erlauf die Voraussetzungen für die Verteidigung an diesem Fluss zu schaffen. 

Brieftauben wurden von 1966 bis Mitte der 1980er-Jahre im Bundesheer verwendet. (Foto: Bundesheer/HBF)
Brieftauben wurden von 1966 bis Mitte der 1980er-Jahre im Bundesheer verwendet. (Foto: Bundesheer/HBF)

In der Nacht zum 13. November bezogen nun auch das PzB10 (ostwärts) Amstetten und das PzB4 (um Freydegg und Ferschnitz) ihre Verfügungsräume für den Gegenangriff auf die Partei „Orange“. Am Vormittag des 13. November stieß die 9.PzGrenBrig weiterhin in die Tiefe der 1.JgBrig vor. Das vstPzGrenB35 drehte von Wang nach Nordwesten ein und griff Richtung Senftenegg das vstPzB1 in Richtung Ferschnitz an. Schwächere Kräfte stießen bis Schönegg durch. Während das vstPzB1 bei Freydegg zum Stehen gebracht wurde, gruppierte die 9.PzGrenBrig ihre Kräfte so um, dass durch die Heeresaufklärungsabteilung und das Heerespionierbataillon die rechte Flanke westlich von Wieselburg gesichert wurde und durch das Gardebataillon der Druck auf das JgB2 bei Feichsen und Saffen (im Raum Purgstall) aufrechterhalten blieb. Um 1400 Uhr begannen vor allem das JgB2 sowie andere Jägerteile der verstärkten 1.JgBrig Bindungs- und Täuschungsangriffe in nördlicher bzw. nordöstlicher Richtung, um die Aufmerksamkeit der 9.PzGrenBrig auf deren linke Flanke zu lenken. Bei Euratsfeld (durch das JgB4) und Ferschnitz (durch das PzB4) angesetzte Angriffe der Partei „Blau“ wurden zunächst durch die dort dislozierten Kräfte der 9.PzGrenBrig abgewehrt.

Um 1430 Uhr trat die vst3.PzGrenBrig der Partei „Blau“ mit zwei Bataillonen voraus aus dem Raum östlich Kottingburgstall über die Ybbs nach Süden an und stieß zügig bis Steinakirchen am Forst in die Tiefe der 9.PzGrenBrig durch. Dabei wurde sie von zwei Seiten durch örtliche, vorwiegend kompaniestarke Gegenangriffe des PzB1 und PzB33 verzögert. Bei dieser Lageentwicklung wurde am 13. November um 1600 Uhr die Übung abgebrochen. Die Übungsleitung sah diese Situation als psychologisch günstig an, da es weder Sieger noch Besiegte gab.

 

Übungsunterbrechung als „Übungsende“

Mit dem „fiktiven“ Einsatz der 3.PzGrenBrig als Gegenangriffskraft gegen die 9.PzGrenBrig wurde die Übung unterbrochen. Für den 14. November war keine Übungsphase mehr vorgesehen. An diesem Tag führte das GrpKdo I eine Abschlussparade in Amstetten unter der Teilnahme der verstärkten 1.JgBrig, der 3.PzGrenBrig und der 9.PzGrenBrig durch.

Die Kampfpanzer M-60A1 waren mit Masse der Partei "Orange" zugeordnet. (Foto: Bundesheer/HBF)
Die Kampfpanzer M-60A1 waren mit Masse der Partei "Orange" zugeordnet. (Foto: Bundesheer/HBF)
(Foto: Bundesheer/HBF)
(Foto: Bundesheer/HBF)
Die 10,6-cm-rückstoßfreie Panzerabwehrkanone (rPAK) war die Standardpanzerabwehrwaffe der 1. Jägerbrigade mit einer Einsatzschussweite von weniger als 800 m und wurde gegen die in der Tabelle angeführten Panzertypen eingesetzt. (Foto: Bundesheer/HBF)
Die 10,6-cm-rückstoßfreie Panzerabwehrkanone (rPAK) war die Standardpanzerabwehrwaffe der 1. Jägerbrigade mit einer Einsatzschussweite von weniger als 800 m und wurde gegen die in der Tabelle angeführten Panzertypen eingesetzt. (Foto: Bundesheer/HBF)

 

Einsatz der rückstoßfreien Panzerabwehrkanone

Die Panzerverbände konnten die Sperren rasch umgehen und die schwach besetzten Verteidigungsstellungen durchbrechen, da weitreichende Panzerabwehrwaffen fehlten. Die 10,6-cm-rückstoßfreie Panzerabwehrkanone fungierte als Standardpanzerabwehrwaffe der 1.JgBrig und hatte eine Einsatzschussweite von weniger als 800 m, je nach Munitionsart. Beim Angreifer hingegen wurden die in der Tabelle angeführten Panzertypen eingesetzt.

Zudem galt es für den Einsatz der rückstoßfreien Panzerabwehrkanone bei der Übung „Bärentatze“ auch andere Komponenten zu berücksichtigen. Der Einsatz der rPAK als Hauptwaffe der Infanterie gegen gepanzerte Kräfte war nicht nur wegen der Breite des Gefechtsstreifens der 1.JgBrig grundsätzlich überaus problematisch, da die Charakteristik der rPAK den Bedingungen des modernen, damaligen Gefechtsfeldes nicht mehr entsprach (Mobilität, Schutz, Treffgenauigkeit, Reichweite, bestrichener Raum etc.).

Die 10,6-cm-rPAK war zwar mit Radlafette besser in Stellung zu bringen als das auf einem Jeep montierte System, war aber langsam beim Stellungswechsel und daher von der feindlichen Feuerwirkung (durch Bordwaffen vor allem der Schützenpanzer, der Granatwerfer und der Artillerie) nachhaltiger betroffen. Moderne Infrarot- und Wärmebildgeräte waren damals schon in der Lage, Stellungen und Einrichtungen aller Art präzise zu erkennen. Für die Panzerabwehrkräfte der 1.JgBrig boten sich keine taktisch brauchbar einzustufenden Stellungsräume und auch keine gedeckten oder verdeckten Bewegungsmöglichkeiten. Die Folge waren oftmals Bewegungen von rPAK-Elementen im offenen Gelände und quer zu den Kräften der angreifenden Partei sowie fehlende günstige Stellungsräume für Riegelstellungen an den Flanken oder in der Tiefe der 1.JgBrig.

(Tabelle: Vorgaben Steiger)
(Tabelle: Vorgaben Steiger)

Manöverkritik

Für die 1.JgBrig ergab sich im Hinhaltenden Kampf das Problem, dass durch das massive „Andrücken“ der 9.PzGrenBrig ein geordnetes Zurückgehen von der Widerstandslinie „A“ in die Widerstandslinie „B“ nicht möglich war, da kein Abwehrerfolg der 1.JgBrig gegeben war bzw. erzielt werden konnte. Zudem stellte sich heraus, dass ein großer Infanterieverband, auch wenn er abwehrbereit war, nicht in der Lage war, einem wuchtigen Angriffsstoß eines mechanisierten Großverbandes mit Luftherrschaft auch in einem teilweise panzerabwehrbegünstigten Gelände standzuhalten. Ausländische Experten, ehemalige Kriegsteilnehmer und viele Offiziere kritisierten, weshalb die 3.PzGrBrig nicht vorwärts der Erlauf im Hinhaltenden Kampf eingesetzt wurde, um die 1.JgBrig an der Erlauf zur Verteidigung einzusetzen, wo sie den feindlichen mechanisierten Angriff hätte aufhalten können.

Oberst dhmfD Dr. Andreas Steiger, MSc ist Fachbereichsleiter und Hauptlehroffizier für Politikwissenschaft, Recht und Betriebswirtschaftslehre an der Theresianischen Militärakademie.

 

Ihre Meinung

Meinungen (1)

  • Kauf Michael // 10.03.2020, 16:31 Uhr Sehr geehrte Redaktion,
    danke für diesen interessante Rückschau!
    Ohne besserwisserisch wirken zu wollen, halte ich es doch für eigenartig, eine "Infanterie" gegen angreifende "Panzerkräfte" einzusetzen, wenn es doch eigene mechanisierte und gepanzerte Kräfte gab. Dazu die schon damals obsolete Fliegerabwehr wie der ZwillingsflakPz aus dem 2 WK.
    Das Gelände ist sicher hinderlich, aber kein Gebirge, daher war das Ergebnis zu erwarten. Es zeigt sich aber, dass somit die Spanocci-Doktrin die einzig erfolgversprechende war. Zwar weniger militärisch/kämpferisch erfolgreich, noch dazu mit sicher hohen Menschenverlusten, aber durch die Verzögerungswirkung doch politisch erfolgreich. Ein "1938" wäre nicht erfolgt....
    Interessant wäre aber, wie der Ausgang bei gleich gut ausgerüsteten Kräften gewesen wäre. M.E. hätte man dann die Geländevorteile weit besser nutzen können, somit erfolgversprechender.

    Mit kameradschaftlichen Grüßen!
    Michael Kauf, OLtdRes