• Veröffentlichungsdatum: 18.07.2018

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Train, Advise & Assist - Quo vadis, Afghanistan?

Helmut Fiedler

Ein US-Soldat erklärt afghanischen Soldaten die Handhabung eines Sturmgewehrs. (Foto: Petty Officer 1st Class David M. Votroubek, U.S. Navy, CC BY 2.0/Montage Rizzardi)
Ein US-Soldat erklärt afghanischen Soldaten die Handhabung eines Sturmgewehrs. (Foto: Petty Officer 1st Class David M. Votroubek, U.S. Navy, CC BY 2.0/Montage Rizzardi)

Die NATO-geführte Operation „Resolute Support“ hat die Wiederherstellung funktionsfähiger lokaler Sicherheitskräfte in Afghanistan zur Aufgabe. Nachstehender Beitrag soll eine Brücke zwischen der gegenwärtigen militärischen Situation, den interkulturellen Herausforderungen und möglichen Entwicklungslinien innerhalb der Operation „Resolute Support“ schlagen.

Obwohl die verschiedenen Insurgentengruppen in Afghanistan, allen voran die Taliban, im Jahr 2017 keines ihrer beabsichtigten Ziele erreichen konnten, wie etwa die Inbesitznahme einer Provinzhauptstadt, gelang ihnen dennoch die gewünschte mediale Aufmerksamkeit durch gezielte Anschläge in der Hauptstadt Kabul. Der prozentuale Anstieg von Behelfssprengsatz-(Improvised Explosive Device-/IED-)-Anschlägen innerhalb Kabuls von bis zu 88 Prozent im Jahr 2017 gegenüber dem Vergleichszeitraum 2016 verdeutlicht die Verschlechterung der allgemeinen Sicherheitssituation. Trotz alldem ist die höchste militärische Führung der Operation „Resolute Support“ davon überzeugt, dass seit der Ankündigung der „U.S. South Asia Policy“ im August 2017 das operative Momentum aufseiten der Afghan National Defense and Security Forces (ANDSF) und der unterstützenden Koalitionstruppen liegt.

Amerikas längster Krieg - Bestandsaufnahme vor Ort

Seit dem 1. Jänner 2015 gibt es die Operation „Resolute Support“ (RS); sie hatte die seit 2001 bestehende International Security Assistance Force (ISAF) abgelöst. Die ISAF war eine NATO-geführte friedenserzwingende Mission der Vereinten Nationen. Die NATO-geführte Operation RS beschränkt sich hingegen auf die Ausbildung, Beratung und Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte. Eine Beteiligung an Kampfhandlungen ist grundsätzlich nicht mehr vorgesehen.

Parallel dazu gibt es jedoch die Operation „Freedom Sentinel“ (FS) der US-Streitkräfte, die sehr wohl aktiv Gefechtshandlungen aus der Luft, auf dem Boden bzw. mit Spezialeinsatzkräften innerhalb der gesamten Combined Joint Operations Area Afghanistan (CJOA-A) durchführt.

Nach mittlerweile fast zwei Jahrzehnten Einsatzdauer in Afghanistan stellen sich viele kritische Fragen:

  • Konnten die vordergründigen Kriegsziele wie „Von Afghanistan wirkt kein Terror mehr in die Welt, wie es unter der Schreckensherrschaft der Taliban im Vorfeld der Anschläge des 11. September 2001 der Fall war“ erreicht werden?
  • Konnte Stabilität und ein gewisser Grad an Sicherheit innerhalb des Landes erzielt werden?
  • Ist Afghanistan ein weiteres Beispiel der westlichen Welt, sich nach einer militärischen Intervention ohne des Anerkennens einer Niederlage zurückzuziehen?

Erst wenn im sicherheitspolitischen Umfeld die Tiefenstruktur von Konflikten erkannt und analysiert wurde, ist es möglich, eine geeignete und angepasste Sicherheitsstrategie zu entwickeln. Keine militärische Kraft bzw. Intervention kann das notwendige politische Ergebnis schmieden. Ohne die legitime lokale politische Fähigkeit, die politischen Ziele zu akzeptieren und voranzutreiben, können Raum und Zeit, die durch militärische Operationen geschaffen werden, nicht erfolgreich sein.

Die Karte zeigt die fünf Train, Advise & Assist Commands in Afghanistan mit dem jeweiligen nationalen Kommandanten. (Grafik: Rizzardi nach NATO-Vorlagen).
Die Karte zeigt die fünf Train, Advise & Assist Commands in Afghanistan mit dem jeweiligen nationalen Kommandanten. (Grafik: Rizzardi nach NATO-Vorlagen)

Angesprochen auf die derzeitige Lage in Afghanistan, wird General John W. Nicholson, Kommandant der Operation RS, nicht müde, nachstehende vier Kernbotschaften zu vermitteln, die einen guten Überblick über die künftige Ausrichtung der Operation in Afghanistan geben:

  • Bessere militärische Ausbildung samt Kommandantenschulung;
  • Weg vom defensiven Einsatz großer Teile der afghanischen Landstreitkräfte, hin zur Durchführung von Angriffen im Brigaderahmen;
  • Aufwuchs der afghanischen Kommandoeinheiten in personeller und materieller Hinsicht;
  • Kontrolle von zumindest 80 Prozent jener Räume, in denen die Masse der afghanischen Bevölkerung lebt, bis zum Jahr 2020.

Lage der Konfliktparteien 2018

Bis zu 30 verschiedene Insurgentengruppen kämpfen in Afghanistan gegen die ANDSF, meist lokal und auf sich alleine gestellt, um unterschiedliche Ziele in den jeweiligen Provinzen zu erreichen. Zwei dieser Gruppierungen, das so genannte Haqquani-Netzwerk und die Taliban, können als größte, leistungsstärkste und gefährlichste Konfliktparteien sowohl für die ANDSF als auch für die Koalitionstruppen angesehen werden.

Die Einsatzführung der Taliban hat sich im Jahr 2017 nachhaltig verändert. Neue Verfahren wurden entwickelt und bedingen eine teilweise Änderung bzw. Anpassung der Kampfführung der ANDSF sowie der Streitkräfte der Koalition (siehe dazu auch TD-Heft 1/2018, „Rückeroberung der IS-Hochburg Mossul“). Die ANDSF agieren zumeist unverändert stationär, das heißt unter Abstützung auf Checkpoints, die oft außerhalb der entsprechenden Reichweite von Reservekräften liegen. Dies ermöglicht den Taliban, effektive Angriffe gegen diese ANDSF-Einrichtungen zumeist in Kleingruppen (acht bis 20 Mann) durchzuführen. Die Checkpoints werden über einen längeren Zeitraum aufgeklärt und unmittelbar vor dem Angriff isoliert, um einerseits ein Entkommen der Verteidiger und andererseits ein Zuführen der Reserve zu verhindern. Der Überfall erfolgt unter Bildung von Elementen zur Feuerunterstützung (Maschinengewehre, Granatwerfer, Scharfschützen) und von Stoßelementen.

Die Bewaffnung der infanteristischen Kräfte umfasst Handfeuerwaffen des Modells AK-47 und RPG (tragbare Panzerabwehrwaffe; Anm.). Mittlerweile sind die Taliban auch in der Lage, Angriffe bei Dunkelheit unter Abstützung auf entsprechende Nachtsichtgeräte bzw. Waffen mit Nachtsichtausrüstung durchzuführen. Die Einsatzführung bei einem Überfall wird oft flexibel gestaltet: Scheinangriffe, Scheinstellungen, Beziehen von Wechselstellungen der Unterstützungselemente, überraschende Stöße in die Flanke der Verteidiger. All dies sind Beispiele der nun an den Tag gelegten Flexibilität der angreifenden Insurgenten. Nach erfolgreicher Inbesitznahme der Stützpunkte der ANDSF werden tote und schwerverletzte ANDSF-Soldaten zurückgelassen, alle anderen Soldaten als Gefangene verschleppt. Der eigentliche Aufenthalt der Taliban an einem in Besitz genommenen Checkpoint ist äußerst kurz. In dieser Zeit kommt es vor allem zur Plünderung (Waffen, Munition, Ausrüstung) und zur Verminung des Checkpoints.

Durch den im Verlauf des Herbstes 2017 zunehmend gestiegenen Druck auf die traditionell durch Taliban kontrollierten Räume in Afghanistan, hauptsächlich durch zusätzliche Luftkampfmittel und Spezialeinsatzkräfte der US-Operation „Freedom Sentinel“, kam es zu einer wesentlichen Änderung der geplanten Einsatzführung der Taliban.

Auch Bewegungen mit dem Hubschrauber müssen durch die Bedrohungen von Insurgenten immer mit Bordschützen abgesichert werden. (Foto: PlZEinsFüKdo)
Auch Bewegungen mit dem Hubschrauber müssen durch die Bedrohungen von Insurgenten immer mit Bordschützen abgesichert werden. (Foto: PlZEinsFüKdo)

Obwohl die Taliban ihre Command & Control-Strukturen innerhalb von Afghanistan ausbauen konnten und dadurch eine bessere Synchronisation und Koordination von Angriffen provinzübergreifend ermöglicht wurden, verloren sie die Kontrolle über wichtige Teilprovinzen in Helmand und Kandahar. Daher beschränken sie sich nun darauf, im kleineren Rahmen Einsätze gegen die ANDSF durchzuführen. Ihre vermehrte Nachtkampffähigkeit sowie die Fähigkeit der Durchführung von Überfällen und Hinterhalten mit der Einhaltung von gültigen Einsatzgrundsätzen kommen den Taliban dabei zugute. Die größte Änderung in der Einsatzführung der Taliban beruht auf der Festlegung einer neuen „Strategie“, die Anfang Oktober 2017 unter den einflussreichsten Taliban-Führern in Afghanistan beschlossen wurde. Aufgrund großer Abnützungserscheinungen, die die Taliban in weiten Teilen des Landes hinnehmen mussten, sieht die neue Strategie vor, sich auf eine Art „Guerillataktik“ gegen so genannte weiche Ziele mit maximaler medialer Aufmerksamkeit zu fokussieren.

Ähnlich wie die Taliban nutzt das Haqquani-Netzwerk High Profile Attacks (HPA), eine Kombination aus Sprengstoffanschlägen mit anschließenden kurzen Feuergefechten als gefährliche, tödliche Handlungsoption gegenüber der afghanischen Bevölkerung bzw. den Koalitionstruppen. Gerade die Hauptstadt Kabul mit all ihren internationalen Einrichtungen, den verschiedenen Botschaften bzw. seiner „grünen Zone“ im Stadtkern stellt ein lohnendes Ziel für solche Attacken dar. Es ist jedoch davon auszugehen, dass in der Hauptstadt Kabul der notwendige Sprengstoff für Selbstmordattentate gelagert wird, um nach eingehender Aufklärung und Vorbereitung jederzeit zuschlagen zu können. So kommt es zu einer Verlagerung des Kampfes der Aufständischen, weg von der direkten militärischen Konfrontation hin zum Kampf innerhalb des Informationsraumes, um das Vertrauen der afghanischen Bevölkerung in die eigenen Sicherheitskräfte zu beschädigen. Diese durch die Insurgenten an den Tag gelegte Taktik entspricht dem Grundsatz: Die Koalitionstruppen haben die Uhr, wir (die Aufständischen) haben die Zeit!

Soldaten der Afghan National Army zeichnen die Feindlage auf ihre Karten während der afghanisch geführten Operation „Maiwand“ im März 2018, die von der US-Task Force Southwest unterstützt wird. (Foto: U.S. Marine Crops/Sgt. Conner Robbins)
Soldaten der Afghan National Army zeichnen die Feindlage auf ihre Karten während der afghanisch geführten Operation „Maiwand“ im März 2018, die von der US-Task Force Southwest unterstützt wird. (Foto: U.S. Marine Crops/Sgt. Conner Robbins)

Eigene Lage

Die schlagartige Änderung der Charakteristik der Operation in Afghanistan, von ISAF zu RS, und die damit einhergehende ausschließliche Fokussierung auf die Beratung von der ministeriellen bis hin zur Korps-Ebene zeigt die Schwachstellen dieses „Top-Down“-Ansatzes im Verlauf der Operation RS auf: Innerhalb von Afghanistan existiert eine große „Black Box“ auf Ebene jener Truppenteile der afghanischen Landstreitkräfte, die den Hauptträger des Gefechtes gegen die Insurgenten darstellen. Aufgrund der Tatsache, dass die aktive Beratung und Unterstützung vonseiten der Koalitionstruppen derzeit noch auf der Ebene des Korps endet, ist es beinahe unmöglich, Taktik, Gefechtstechnik, Kommandantenausbildung bzw. logistische Abläufe positiv zu beeinflussen.

Das Gegenbeispiel sind die afghanischen Luftstreitkräfte, aber vor allem die afghanischen Spezialeinsatzkräfte, die seit jeher bis auf die unterste Ebene geschult, trainiert bzw. „gepartnert“ werden. Eine „homöopathische“ Antwort auf diese Black Box-Misere stellten so genannte Expeditionary Advisory Packages (EAP) innerhalb des Einsatzraumes dar, die punktuell sowohl taktische als auch logistische Schwierigkeiten der vor Ort eingesetzten afghanischen Brigaden/Bataillone lösen sollten. Da diese eigens zusammengestellten EAP strukturell innerhalb der Organisation von RS nicht abgebildet waren, wurden sie anlassbezogen, meist unter massiver Abstützung auf US-Assets (Drohnenaufklärung, Lufttransport, Luftnahunterstützung, notfallmedizinische Erstversorgung), gebildet und für eine Dauer von rund zehn Tagen in verschiedenen Räumen in Afghanistan zum Einsatz gebracht. Daher war und ist nach wie vor Handlungsbedarf in Sachen Train, Advise & Assist auf gefechtstechnischer und taktischer Ebene innerhalb der afghanischen Korps gegeben, um den meist aus Kabul zentral gesteuerten Top-Down-Ansatz um die entscheidende Komponente „Bottom-up“ zu ergänzen. In einem solchen zu implementierenden Bottom-up-Ansatz liegt mehr als nur die rein gefechtstechnische und taktische Hilfestellung von Zügen, Kompanien, Bataillonen und Brigaden der afghanischen Korps.

Einerseits wird ein solcher in den verschiedenen Provinzen Afghanistans unmittelbar wirksam werdender Ansatz der spezifischen Charakteristik der unterschiedlichen Ethnien gerecht: „Afghanistan is a land of peoples, not place. That is not to say that geography is not important - it is - but Afghans prefer to define themselves by the diverse people who live here, not by the maps and borders with which the West is familiar.“ (Rob Johnson, Oxford University, Afghanistan, Kabul am 2. Oktober 2017)

Angehörige eines weiblichen taktischen Zuges im März 2018 während eines Qualifikationstrainings beim Scharfschießen, um für die Zusammenarbeit mit den Afghan Special Security Forces gerüstet zu sein. (Foto: U.S. Airforce/Staff Sgt. Doug Ellis)
Angehörige eines weiblichen taktischen Zuges im März 2018 während eines Qualifikationstrainings beim Scharfschießen, um für die Zusammenarbeit mit den Afghan Special Security Forces gerüstet zu sein. (Foto: U.S. Airforce/Staff Sgt. Doug Ellis)

Andererseits verlangt gerade das Wesen der Operation RS die Berücksichtigung des sozio-kulturellen Umfeldes für die vor Ort eingesetzten Soldaten, um die notwendige Akzeptanz zu erfahren, die die Voraussetzung für jeglichen militärischen Erfolg im Bereich Train, Advise & Assist ist. Dabei ist es essenziell, die gegensätzliche Kultur mit ihrer Gesellschaft und deren Dynamiken zu verstehen.

An den nachstehend angeführten, aktuellen Kernbotschaften, die vonseiten RS kommuniziert werden, lässt sich gut festmachen, wo die Operation zu Beginn des Jahres 2018 steht:

  • A Conditions-Based Approach (Wichtiger als anzupeilende Fixzeiten des Truppenabzuges bzw. der Truppenreduzierung sind die zu erreichenden Ziele in Afghanistan.);
  • An Integrated Regional Strategy (Die Operation RS ist in eine regionale Gesamtstrategie eingebettet.);
  • Here at the Invitation of the Afghan government (Wir sind hier aufgrund der Einladung/des Verlangens der afghanischen Regierung.);
  • The Taliban will not win, No Safe Haven for Terrorists in Afghanistan or Pakistan (Die Taliban können und werden nicht gewinnen.);
  • The Momentum is Ours (Wir haben die Möglichkeit zur langfristigen Stabilität.).

Um diese ambitionierten Ankündigungen auch auf die Operationsführung umzulegen, wird es zu folgenden Änderungen innerhalb von RS kommen, die in das US-dominierte Gesamtkonstrukt der U.S. South Asia Policy eingebettet sind:

Bereich Operation „Resolute Support“

Reorganisation des operativen Hauptquartiers von „Resolute Support“ (HQ RS) - der Grund für die Reorganisation des HQ RS liegt in den grundlegend geänderten Rahmenbedingungen, die in den Jahren 2013 und 2014 noch ausschlaggebend für die Struktur von HQ RS waren. Vor allem das seinerzeit geplante Ende der NATO-Mission „Resolute Support“ mit Jahresende 2017 und die U.S. South­ ­Asia Policy, einhergehend mit einer Truppenaufstockung vonseiten der Vereinigten Staaten sowie anderen NATO-Mitgliedern, lässt die derzeitige Gliederung des Hauptquartiers nicht mehr effizient erscheinen. Im Zuge einer ersten Beurteilung der geänderten Umfeldbedingungen (u. a. 2016 Warschauer Gipfel sowie die bevorstehenden Wahlen 2018 und 2019 in Afghanistan) wurden 19 so genannte „Gaps and Shortfalls“ identifiziert, die mit der neuen Organisationsstruktur bereinigt werden sollen.

Nach einem raschen Entscheidungsfindungsprozess um die Jahreswende 2017/2018 wird die künftige Gliederung des HQ RS drei wesentliche Säulen mit verschiedenen Aufgabenbereichen umfassen:

  • Institutional Development: Sämtliche Beratungen der afghanischen Sicherheitskräfte auf ministerieller Ebene werden in diesem Kommando gebündelt.
  • Strategic Matters: Dieses Kommando gibt den langfristigen Operationsplan vor und prüft, ob die erwünschten Zustandsveränderungen innerhalb der afghanischen Sicherheitskräfte erzielt werden.
  • Operational Matters: Dieses Kommando führt die Train, Advise & Assist-Leistung von der Korps-Ebene bis zu den Bataillonen durch. Weiters werden durch dieses Kommando sämtliche kinetischen Operationen von FS geplant und durchgeführt.

Aufgrund der Änderung des Charakters der laufenden Operation seit der Verlautbarung der U.S. South Asia Policy und der seitdem einsetzenden Truppenaufstockung innerhalb des Einsatzraumes Afghanistan sowie des Bekenntnisses der USA und der NATO, ein längeres aktives Engagement in Afghanistan durchzuführen, war die Reorganisation des operativen HQ RS (Die neue Führungsorganisation wurde mit 1. Mai 2018 eingenommen.) der nächste logische Schritt.

Afghanische Kursteilnehmer bei der Standeskontrolle zur Funkausbildung. (Foto: AUT MTT)
Afghanische Kursteilnehmer bei der Standeskontrolle zur Funkausbildung. (Foto: AUT MTT)

Taktische Führungsebene

m das Konzept Train, Advise & Assist (TAA) nachhaltig betreiben zu können, ist es unbedingt notwendig, auch unterhalb der afghanischen Korps und der Polizeidistrikte anleitend und unterstützend wirksam zu werden. Daher kam es im Frühjahr 2018 zum Einsatz der Security Force Assistance Brigade (SFAB), die genau diese Ausbildungslücke schließen soll. Die Security Force Assistance Brigade ist eine eigens für die Operation RS zusammengestellte US-Brigade, die vor allem die für den Aufbau der afghanischen Sicherheitsinstitutionen notwendigen Fachfunktionen, wie „Ressource Management“, „Counter Corruption“, „Rule of Law“, „Force Development“, „Sustainment“ etc., beinhaltet. Der Auftrag an die Security Force Assistance Brigade ist es, eine eingebettete, beständige und vollständige Beratung auf taktischer Ebene für die afghanischen Sicherheitskräfte durchzuführen. In Bezug auf Train, Advise & Assist-Fähigkeiten können bis zu zehn Brigaden, 43 Infanteriebataillone und zehn Kampfunterstützungsbataillone unterstützt werden.

Durch die zusätzlichen TAA-Kapazitäten auf taktischer Ebene sollen die afghanischen Korps bereits im Jahr 2018 dazu befähigt werden, unter Anleitung Angriffe im Bataillons- und Brigaderahmen durchführen zu können. In der logistischen Ablauforganisation kann im Jahr 2018 erstmals überprüft werden, ob die auf ministerieller und Korps-Ebene vereinbarten logistischen Konzepte in den einzelnen Versorgungsklassen (Classes of Supply - COS) auch tatsächlich auf der mittleren und unteren taktischen Führungsebene zur Anwendung kommen. Durch die im März 2018 gestartete TAA-Tätigkeit auf der taktischen Ebene innerhalb der afghanischen Korps ergibt sich erstmals die Möglichkeit, den Kampf der verbundenen Waffen innerhalb der afghanischen Streitkräfte anzuwenden.

Gefechtstechnische Führungsebene

Hier sind vor allem vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen vorgesehen. Ein enges Verhältnis zwischen Vertrauen auf der einen und Sicherheit auf der anderen Seite kann zugleich als Sinnbild für militärische Einsätze gesehen werden, deren zentraler Fokus die Ausbildung fremder Streitkräfte ist. Dabei steht die nachhaltige Verbesserung der befreundeten Streitkräfte als militärische Beitragsleistung zur regionalen Stabilität im Zentrum der sicherheitsrelevanten Bemühungen der eingesetzten Kräfte. Vertrauen hingegen stellt den zwischenmenschlichen Kitt dar, ohne den eine reine Ausbildungsvermittlung an die zu unterstützenden Soldaten zum Scheitern verurteilt ist.

Der einzelne Soldat, der im Rahmen von Train, Advise & Assist eingesetzt ist, steht im Brennpunkt des Findens eines ausgewogenen Gleichgewichtes zwischen dem Anspruch der kulturellen Autonomie und der kulturellen Integration. Tägliches Training, das sich zu einem guten Teil im zwischenmenschlichen Bereich abspielt, verlangt vom Soldaten, sich dem interkulturellen Diskurs zu stellen. Im Kern geht es darum, den jeweiligen Soldaten ein gewisses Maß an interkultureller Kreativität mitzugeben, um transkulturelles Lernen zu ermöglichen. Dennoch muss klar zwischen Kulturbewusstsein und militärischem Verhalten unterschieden werden. So wird es von afghanischen Soldaten durchaus positiv wahrgenommen, wenn ihnen ein verhältnismäßig hohes Maß an Disziplin abverlangt wird. Ein Paradebeispiel für die praktische Ausbildungstätigkeit afghanischer Kommandanten stellt der Einsatz eines österreichischen Trainingsteams im Raum Masar-i-Scharif dar.

Ein österreichischer Unteroffizier während der theoretischen Gefechtstechnikausbildung. (Foto: AUT MTT)
Ein österreichischer Unteroffizier während der theoretischen Gefechtstechnikausbildung. (Foto: AUT MTT)

Klein, aber fein - Österreichs Train, Advise & Assist-Beitrag

Bedingt durch die allgemeine Wehrpflicht stellt es für österreichische Unteroffiziere keine neue Situation dar, Zivilisten zu Soldaten zu machen. Die Erfahrung, die aus der Ausbildung von Grundwehrdienern erwächst, lässt sich auch in der Ausbildung afghanischer Soldaten zur Anwendung bringen. Den österreichischen Ausbildern stehen teilweise Afghanen gegenüber, die über reale Kampferfahrung verfügen. Umso wichtiger ist es, qualifizierte und erfahrene Ausbilder für solche Aufgaben heranzuziehen.

Den österreichischen Ausbildern wird mit ungewohnter Freundlichkeit begegnet. Wenngleich die Intention der afghanischen Soldaten überwiegt, westliche Umgangsformen an den Tag zu legen, ist es durchaus gerne gesehen, wenn Ausbilder zumindest die landesüblichen Begrüßungsformen kennen.

Ein Übersetzer stellt die Kommunikation mit den afghanischen Soldaten sicher. Darüber hinaus kann er immer wieder als Berater in kulturspezifischen Fragen herangezogen werden. Nicht zuletzt hat sicheres kulturbezogenes Handeln auch direkte Folgen auf die Sicherheit der Ausbilder.

Das deutsch-österreichische Mobile Training Team (MTT), vormals Mountain Warfare Training Team, bestehend aus jeweils einem deutschen und einem österreichischen Offizier sowie aus jeweils zwei deutschen und zwei österreichischen Unteroffizieren, ist in Masar-i-Scharif im Norden Afghanistans eingesetzt und für die Durchführung von infanteristischen Kursen von der Gruppen- bis zur Kompanieebene verantwortlich. Für alle Kurse stehen gut ausgestattete Klassenzimmer, ein Übungsgelände und eine Schießbahn zur Verfügung. Nachdem es sich jedoch bei den Kursteilnehmern durchaus um erfahrene afghanische Soldaten handelt, basiert die Ausbildung auf dem Prinzip des Informations- und Erfahrungsaustausches. Außerdem bringen die afghanischen Soldaten Verständnis für Ausbildungsinhalte und infanteristische Grundkenntnisse mit. Für die Ausbildung selbst ist stets die Sicherheit der Ausbilder und der Auszubildenden zu beurteilen. Nachdem immer von einer realen Bedrohung auszugehen ist, gibt es in Afghanistan außerhalb eines Camps keine Übungen.

Dem Prinzip des „Train the Trainer“-Kurses folgend, dienen diese als Impulsgeber für die Implementierung von „Einsatz- und Ausbildungszyklen“ im Jahresablauf der afghanischen Korps, um Bewusstsein dafür zu schaffen, dass eine gute militärische Ausbildung die Verluste auf dem Gefechtsfeld minimiert. Dieser „Einsatz- und Ausbildungszyklus“ sieht vor, Kompanien regelmäßig einem gemeinsamen Kompanietraining in der Dauer von sechs Wochen zu unterziehen. Wenngleich jede Ausbildungswoche ähnliche Inhalte aufweist, bleiben die Kursteilnehmer durch wechselnde Führungsebenen und Ausbildungsschritte gefordert. Zudem müssen Kommandantenfunktionen von der Gruppe bis hin zur Kompanie ausgebildet werden. Die afghanischen Kursteilnehmer werden nach einem kurzen Theorieblock stets dazu angehalten, in verschiedenen Gefechtssituationen eine Befehlsausgabe mithilfe unterschiedlicher Darstellungsformen durchzuführen und die geplante Einsatzführung mit ihren Anvertrauten zu üben. Essenzielle Ausbildungsinhalte wie Befehlsgebung, Karten- und Geländekunde sowie Funksprechverkehr bilden dabei den Grundstein.

Das Camp „Marmal“ in der Region Masar-i-Scharif - Heimat des deutsch-österreichischen Mobile Training Teams. (Foto: Press Office TAAC-N)
Das Camp „Marmal“ in der Region Masar-i-Scharif - Heimat des deutsch-österreichischen Mobile Training Teams. (Foto: Press Office TAAC-N)

Einen Höhepunkt der Ausbildung stellt das Scharfschießen dar. Dabei stehen jedoch nicht die Trefferergebnisse im Vordergrund, sondern vielmehr die Planung und Organisation desselben. Auch hier werden die Kursteilnehmer gefordert, wenn es gilt, die notwendige Raumordnung herzustellen oder selbst als Ausbilder zu agieren. Afghanische Soldaten erhalten somit eine Zusatzqualifikation, die sie in weiterer Folge dazu befähigt, innerhalb der eigenen Organisationselemente vertiefende militärische Ausbildung durchzuführen.

Ein Hauptproblem der Afghan National Army ist ihr statischer Einsatz. Demnach werden ganze Verbände in einem zugewiesenen Bereich für Kontrolltätigkeiten eingesetzt. Der Einsatz erfolgt dabei hauptsächlich statisch in Gefechtsvorposten oder Checkpoints. Unter diesen Operationen leidet die Fähigkeit, dynamische Einsatzarten auf Ebene der Kompanie durchzuführen. Ausbildungen im Kompanierahmen, unter Anleitung des Mobile Training Teams, sollen helfen, diesen Mangel zu beseitigen.

Durch die gute Zusammenarbeit zwischen den deutschen und österreichischen Soldaten innerhalb des Mobile Training Teams in Masar-i-Scharif ist es nun möglich, nachhaltig den Ausbildungsablauf innerhalb afghanischer Gruppen, Züge und Kompanien im Norden des Landes zu verbessern. Innerhalb vom „Einsatz und Ausbildungszyklus“ geht es darum, grundlegende Infanteriethemen wie Gefechtsformen, Selbst- und Kameradenhilfe, Counter-IED abzugleichen und auf Gruppen-, Zugs- und Kompanieebene zur Anwendung zu bringen. All das trägt zur Befähigung der Kompanien bei, Angriffe durchzuführen und dadurch die Kontrolle über Gebiete zu erhalten oder zurückzugewinnen.

Das Interesse afghanischer Soldaten an der deutsch-österreichischen Ausbildung ist groß. Um dieses aufrechtzuerhalten, ist es für die Österreicher wichtig, stets auf Unkenntnis oder Kampferfahrung der Teilnehmer Bezug nehmen zu können, was wiederum umfangreiches Wissen und entsprechende Erfahrung der Ausbilder bedingt. Die im Norden Afghanistans durch österreichische Soldaten erzielten Ausbildungsschritte sind zwar klein, jedoch bis dato durch Akzeptanz und Vertrauen der afghanischen Soldaten geprägt.

Das deutsch-österreichische Mobile Training Team auf dem Weg zur Ausbildungsstätte mit einem CH-53-Hubschrauber. (Foto: PlZEinsFüKdo)
Das deutsch-österreichische Mobile Training Team auf dem Weg zur Ausbildungsstätte mit einem CH-53-Hubschrauber. (Foto: PlZEinsFüKdo)

Ausblick

Folgt man Arnold Wolfers Charakterisierung von Sicherheit, nämlich als die Abwesenheit von Bedrohung der erreichten wirtschaftlichen, kulturellen und moralischen Werte, ergibt sich eine innere und äußere Facette der Sicherheit. Dieses Zweigestirn der Sicherheit kann für den aktuellen militärischen Einsatz in Afghanistan, im Fokus der Ausbildung, Beratung und Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte, Nachstehendes bedeuten:

Die innere Dimension der Sicherheit liegt in ihrer Forderung nach Übertragung von Eigenverantwortung an die auszubildenden Soldaten. Die äußere Dimension hingegen wird durch den dahinterstehenden Zweck der Operation „Resolute Support“ bestimmt - nachhaltige strukturelle Verbesserung der Fähigkeiten der afghanischen Streitkräfte als militärische Beitragsleistung zur regionalen Stabilität. Erst die konkrete Synthese dieser beiden Dimensionen ermöglicht ein vernunftbasiertes und nachhaltiges „Wirksamwerden“ in einer Region, die seit dem Mittelalter Schauplatz von außen gesteuerter Einflussnahme war und noch immer ist.

Auf dem langen, mühsamen und oftmals anstrengenden Weg zu eigenverantwortlichen und stabilen afghanischen Sicherheitsinstitutionen ist die derzeitige Charakteristik der Operation „Resolute Support“ ein erster Schritt in die richtige Richtung. Das angewandte Konzept von Train, Advise & Assist ermöglicht die Heranführung des afghanischen Militärs und der Polizei an funktionsfähige und stabile Instrumente eines Staates, der die längste Zeit ein Schattenstaat mit mehrschichtigen losen Strukturen war. Bedenkt man, dass das Zentrum (Kabul) dieses Staates meist schwach war und die Peripherie (Provinzen, Stämme, Großfamilien) meist stark, wird es im Operationsverlauf 2018 interessant zu beobachten sein, wie sich das Wirksamwerden der Security Force Assistance Brigade (SFAB) in großen Teilen des Einsatzraumes auswirken wird. Diese speziell zusammengesetzte Brigade stellt seit dem Frühjahr 2018 das fehlende Bindeglied zwischen der derzeitigen militärstrategischen Beratung und der taktischen Realität der einzelnen Provinzen Afghanistans dar.

Parallel dazu muss stets die zweite Operation in Afghanistan - die ausschließlich US-geführte Operation „Freedom Sentinel“ - mitberücksichtigt werden. Bereits im Verlauf des Jahres 2018 wird sich zeigen, ob die mit 1. Februar 2018 formal wirksam gewordene Schwergewichtsverlagerung der US-Streitkräfte innerhalb des Mittleren Ostens (weg vom Irak, hin zu Afghanistan) konkrete Auswirkungen auf die Verhandlungsbereitschaft der Taliban haben wird. Die Wintermonate 2017/18 haben bereits gezeigt, dass nicht wie in den vergangenen Jahren von einem Ende der Kampfperiode gesprochen werden kann. Durch die permanenten US-Luftschläge und durch vermehrte gezielte Einsätze von U.S. Special Operations Forces gegen die traditionellen Rückzugsräume der Taliban in Afghanistan soll erreicht werden, dass die Kampfkraft­erhaltung bzw. die Reorganisation der Taliban in den Wintermonaten stark behindert wird. Die dahinterliegende Idee dieser massiven Luftschläge, kombiniert mit gezielten Kommandounternehmen gegen Ziele höchster Priorität, ist, dass große Gruppen der Taliban zum Verhandlungstisch zurückkehren und dadurch in den politischen Prozess Afghanistans integrierbar sind.

Abschließend bleibt festzustellen, dass die operative Idee von „Resolute Support“, nämlich Train, Advise & Assist, in Zusammenschau mit den militärischen Zielen der Operation „Freedom Sentinel“ ein Konzept darstellt, das durchaus in der Lage ist, nachhaltig die afghanischen Sicherheitskräfte zu stützen, da es vor allem auf den Faktor Eigenverantwortung abzielt. Kurzum Train, Advise & Assist kann den militärischen Anteil einer politischen Gesamtstrategie zur Konfliktlösung des Krisenherdes Afghanistan darstellen. 

Major dG Mag.(FH) Helmut Fiedler; G5 im Kommando Gebirgskampf, war von Juli 2017 bis März 2018­ Kommandant der österreichischen Soldaten in Afghanistan.

 

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