• Veröffentlichungsdatum: 09.04.2020

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Precise Response - Kampfstofftraining in Kanada

Gerald Bauer

(Foto: Walter Mitter)
(Foto: Walter Mitter)

Die Übungsreihe mit "Live Agents"-Kampfstoffen findet seit 15 Jahren in Kanada statt. Von einer Übung mit vier Nationen und 275 Teilnehmern im Jahr 2005 hat sich "Precise Response" inzwischen mit über 400 Teilnehmern aus 14 Nationen zur weltweit größten Übung mit realen atomaren, biologischen und chemischen (ABC-) Kampfstoffen entwickelt. Seit 2012 nimmt die österreichische ABC-Abwehrtruppe daran teil.

Ursprünglich als kanadischer Beitrag für die Chemical, Biological, Radiological and Nuclear (CBRN) Defense Task Force der NATO Response Force (NRF) vorgesehen, wurde 2004 die Übung „Precise Response“ ins Leben gerufen und 2005 zum ersten Mal durchgeführt. Das Ziel war es, die in Kanada verfügbaren Expertisen sowie Erfahrungen und Trainingsmöglichkeiten anderen NATO-Partnern zur Verfügung zu stellen. Die Übung wird durch das Defence Research and Development Canada Suffield (DRDC Suffield) durchgeführt und vor allem den NATO-Nationen für das ABC-Abwehr-Training angeboten.

Das DRDC selbst ist als Organisation auf acht Forschungszentren über ganz Kanada verteilt und widmet sich vor allem Verteidigungsforschungs- und Entwicklungsthemen. Dabei fokussiert sich diese staatliche Einrichtung auf Bereiche, die nicht durch Firmen oder zivile Forschungseinrichtungen abgedeckt werden, sondern eher auf die wirtschaftlich uninteressanten, aber militärisch relevanten Fachgebiete. Außerdem dienen die Wissenschaftler und das wissenschaftliche Personal als Lehrende für Kurse und Ausbildungen sowie als Beratungsorgan für das Verteidigungsministerium und die kanadischen Streitkräfte.

In einem Szenario werden Eier zur Produktion eines Virus genutzt. (Foto: Walter Mitter)
In einem Szenario werden Eier zur Produktion eines Virus genutzt. (Foto: Walter Mitter)

Übungsraum

Zum DRDC Suffield gehört das Counter Terrorism Technology Centre (CTTC) mit dem Cameron Centre, einer auf ABCTraining ausgerichteten Liegenschaft, eingebettet in den Übungsplatz der Canadian Forces Base Suffield (etwa 230 km südöstlich von Calgary; Anm.). Der Übungsplatz hat eine Fläche so groß wie Vorarlberg und ein Panzertrainingsgelände für die British Army Training Unit Suffield (BATUS). Die britische Armee stellt ein permanentes Rumpfkommando inklusive Logistik und Instandsetzung für den Übungsbetrieb, bei dem jährlich bis zu sechs britische Battle Groups jeweils circa vier Wochen trainieren können. Für das DRDC Suffield gibt es einen abgetrennten Bereich, die Experimental Proving Grounds Area (EPG), wo seit über 70 Jahren Waffen- und Technologietests aller Art stattinden. Darauf baut auch ein Großteil des kanadischen Erfahrungsschatzes mit chemischen Waffen auf. Hier wurden früher umfangreiche Tests mit chemischen Waffen (z. B. Schwefellost-Granaten) durchgeführt, die inzwischen als gefährliche Altlasten vor Ort Probleme bereiten.

Das Cameron Centre ist ein Teil der EPG Area, auf dem unter strengen Vorgaben reale radioaktive, biologische und chemische Kampf- und Gefahrenstoffe verwendet werden dürfen. Ein Training mit solchen Stoffen wird im Fachbereich als Live Agent Training bezeichnet. Auf einer Fläche von circa 5 000 m2 stehen über 50 Stück 40-Fuß-Seecontainer, zahlreiche kleinere und größere Gebäude in unterschiedlichem Zustand, Flugzeug-, Hubschrauber- und Fahrzeugattrappen (von Autos bis zu Reisebussen), Höhlenkomplexe und vieles mehr für vielfältige Szenarien und Darstellungen zur Verfügung. Zusätzlich gibt es eine eigene TRUPPENDIENST 372 // 45 Indoor Training Area, eine Halle mit flexibel verschiebbaren Innenwänden, um die Darstellung an die spezifischen Herausforderungen anzupassen. Seit einigen Jahren werden auch zusätzliche Bereiche wie die realen Laboreinrichtungen oder ein separater Bereich für den Umgang mit Neutronenstrahlung für die Ausbildung verwendet. Damit wird die Darstellung nochmals auf eine höhere, noch realistischere Ebene gehoben.

Das DRDC Suffield bietet jährlich 125 Tage für Live Agent Training und Versuchsdurchführungen an und ist zu 100 Prozent ausgebucht. Einen Dämpfer erhielt das Center, als Ende 2012 circa 20 Prozent der Belegschaft des DRDC Suffield aufgrund von Einsparungen reduziert werden mussten. Das verbliebene Personal war trotzdem in der Lage, die Qualität zu halten. Erreicht wurde das durch eine strenge Teilnehmerobergrenze von 400 Soldaten.

In einem Übungsszenario wird ein verdächtiger Apparat mit einem tragbaren Raman-Spektrometer überprüft. Das Ergebnis ist die positive Identifikation mit "echtem" chemischen Kampfstoff. (Foto: Friedrich Binder)
In einem Übungsszenario wird ein verdächtiger Apparat mit einem tragbaren Raman-Spektrometer überprüft. Das Ergebnis ist die positive Identifikation mit "echtem" chemischen Kampfstoff. (Foto: Friedrich Binder)

Unterbringung

Die Kontingente, die an der Übung teilnehmen, sind hauptsächlich in der nächstgrößeren Stadt Medicine Hat (südöstlich von Suffield) untergebracht. Es gibt allerdings weniger Unterkunftskapazitäten als Übungsteilnehmer. Darum muss bis zu eineinhalb Jahre im Vorhinein reserviert werden, um Zimmer zu ergattern. Die beste und günstigste Unterkunft bietet das Medicine Hat College während des Sommers, zumal die Studentenwohnungen im Juli nicht genutzt werden.

Vorteile in Kanada

Das Österreichische Bundesheer (ÖBH) kann ebenfalls auf eine über 20-jährige Erfahrung mit chemischem Live Agent Training zurückblicken, wobei die Möglichkeiten speziell im Bereich des biologischen Live Agent Trainings bei der „Precise Response“ einzigartig sind. Auch die Herausforderungen im radiologischen Live Agent Training übersteigen das aktuell in Österreich verfügbare Angebot, wobei hier durch den „Radiological Incident Exploitation Course“ des ABC-Abwehrzentrums (ABCAbwZ) gemeinsam mit der Seibersdorf Academy gerade stark nachgeschärft wird.

Die Übung ist aber nicht allein aufgrund der Live Agents so interessant. Die Szenarien werden von Wissenschaftlern entwickelt und zeigen die aktuelle Bedrohungslage sowie konkrete Erfahrungen aus militärischen Einsätzen (Afghanistan, Irak, Syrien). Dabei müssen Anschlagsorte genauso untersucht werden wie Lagerstätten und Labore, die im Zuge von Durchsuchungen oder aufgrund von Hinweisen entdeckt werden. Die Szenarien sind durchdacht und äußerst detailliert aufbereitet. Die Übenden können sich durch den Grad der Detaillierung gut in die jeweilige Lage hineinversetzen. Je realistischer die Darstellung, desto besser das Training für den tatsächlichen Einsatz („Train as you fight“).

In diesem Szenario wird ein Anschlag in einem Restaurant angenommen. Detailgetreu werden die Infrastruktur und echte Nahrungsmittel in Szene gesetzt, um die Probenahme realistisch zu gestalten. (Foto: Walter Mitter)
In diesem Szenario wird ein Anschlag in einem Restaurant angenommen. Detailgetreu werden die Infrastruktur und echte Nahrungsmittel in Szene gesetzt, um die Probenahme realistisch zu gestalten. (Foto: Walter Mitter)

Darüber hinaus werden Aspekte geübt, die bei normalen Übungen meistens zu kurz kommen. So müssen aufgrund der Sicherheitsbestimmungen alle Dekontaminationsplätze unter ABC-Schutz ab- und zum Teil auch aufgebaut werden. Bei der Übung „Precise Response“ werden für die Probenauswertungmobile Einsatzlaboratorien eingesetzt, die die Proben entgegennehmen, auf ihre Integrität prüfen und innerhalb von 24 Stunden auswerten. Damit wird die gesamte ABC-Abwehrkette real abgebildet: Reale Stoffe werden detektiert, beprobt, dekontaminiert, transportiert, analysiert und ausgewertet. Dieser Umstand ist einzigartig und schafft die ideale Möglichkeit, um die eigenen Fähigkeiten und Verfahren zu testen und zu trainieren.

Ursprünglich wurden alle drei Labore (radiologisch, biologisch und chemisch) durch das Defence Research and Development Canada (DRDC) gestellt. Inzwischen werden jedoch die mobilen radiologischen und biologischen Labore durch die Deutsche Bundeswehr abgedeckt. Diese war in den vergangenen Jahren auch der größte Truppensteller bei dieser Übung, in deren Fokus die Fähigkeiten Sampling & Identification of Biological, Chemical and Radiological Agents (SIBCRA) stehen. Hier geht es darum, schnelle und gleichzeitig qualitativ hochwertige Informationen aus einer unbekannten ABC-Lage zu beschaffen. Die Identifikation kann einerseits vor Ort mit handgehaltenen Analysegeräten oder durch Probenahme und einer anschließenden Untersuchung in einem Labor erfolgen.

Die „Precise Response“ bietet optimale Trainingsmöglichkeiten, da nicht mit Simulationsmitteln geübt wird, sondern die Messgeräte mit den realen Stoffen in Kontakt kommen. Dasselbe gilt für die Probenahme. Das gesamte verwendete Werkzeug inklusive Verpackung und Versiegelung muss den Standards entsprechen, um die Hot Zone überhaupt verlassen zu dürfen.

Marsch zum nächsten Szenario auf dem Übungsgelände in Suffield/Kanada. (Foto: Walter Mitter)
Marsch zum nächsten Szenario auf dem Übungsgelände in Suffield/Kanada. (Foto: Walter Mitter)

Übungsvorbereitung

Die Vorbereitungsphase umfasst die ersten fünf Tage der Übung. Nach dem Einfließen der Übungsteilnehmer müssen zuerst die Sicherheitsaspekte für das Live Agent Training abgedeckt werden. Dazu gehören Sicherheitsbelehrungen für alle Übungsteilnehmer und ein Grundlagen-training, das sogenannte Lab 101, für erstmalige Übungsteilnehmer. Das Lab 101 unterteilt sich in jeweils eine Einheit RAD 101, BIO 101 und CHEM 101. Dabei werden die (sicherheits-)relevanten Grundsätze praktisch vermittelt. Alle Übungsteilnehmer können sich in kontrollierter Atmosphäre mit den Gefahrstoffen und den Messgeräten vertraut machen.

Die Dichtheit der ABC-Schutzmaske wird vor jedem möglichen Kontakt mit Gefahrstoffen in der „Banana Hut“ überprüft. Dabei wird Amylacetat, das intensiv nach Bananen riecht, benutzt. Diese angenehm duftende Alternative zu den beim Österreichischen Bundesheer (ÖBH) verwendeten Reizstoffen wird aber von rund zwei Prozent der Bevölkerung nicht olfaktorisch wahrgenommen. Bei diesen Personen kommen dann Reizstoffe wie Tränengas (CS-Gas oder CN-Gas) zum Einsatz.

Parallel dazu werden nationale Camps auf dem Übungsplatz errichtet. Das Cameron Centre kann für Trockentrainings mit Simulationsstoffen verwendet werden. Auch eine gegenseitige Demonstration der Fähigkeiten für alle Nationen findet statt, um für die folgende internationale Phase die jeweiligen nationalen Besonderheiten vorzustellen.

Das Messgerät AP4C erkennt im Übungsszenario S-LOST (Hautkampfstoff). Kein Simulationsmittel, sondern echte Chemikalien bewirken eine Anzeige auf dem Messgerät. (Foto: Walter Mitter)
Das Messgerät AP4C erkennt im Übungsszenario S-LOST (Hautkampfstoff). Kein Simulationsmittel, sondern echte Chemikalien bewirken eine Anzeige auf dem Messgerät. (Foto: Walter Mitter)

Nationales und Multinationales Training

Die tatsächliche Übung startet am Montag der zweiten Übungswoche. Die ersten drei Tage stehen im Zeichen von nationalen Übungseinlagen. Die Übungsleitung erstellt einen Trainingskatalog und teilt die Szenarien gleichmäßig auf die Teams und Nationen auf. Das DRDC Suffield betreibt neun verschiedene Live Agent Training-Szenarien gleichzeitig, die durch die Übungsleitung mit einem Detailbefehl ausgelöst werden. Die „heiße Übungsphase“ mit echten Kampfstoffen im kontaminierten Gebiet ist täglich auf drei Stunden vormittags und drei Stunden nachmittags limitiert.

Ab dem vierten Übungstag sind die Nationen in drei Teile gegliedert. Dabei können Nationen mit mehreren Teams auch auf verschiedene Task Forces aufgeteilt sein. Die Einteilung erfolgt in der Main Planning Conference und wird circa sieben Monate vor Übungsbeginn festgelegt. Österreich war 2019 Teil der Task Force U (UNIFORM), geführt durch die USA. Die bisherigen Task Force-Unterstellungen der österreichischen Kontingente:

  • 2012 UNIFORM, geführt von Großbritannien;
  • 2013 FOXTROTT, geführt von Frankreich;
  • 2014 UNIFORM, geführt von Großbritannien;
  • 2016 GOLF, geführt von Deutschland;
  • 2017 DELTA, geführt von Dänemark;
  • 2019 UNIFORM, geführt von den USA.

Vom vierten bis zum sechsten Übungstag muss jede Task Force zwei eigenständige Szenarien unter Einsatz mehrerer Teams bearbeiten. Vom siebten bis zum neunten Übungstag wird die Herausforderung für die Task Forces weiter gesteigert, indem die Szenarien der folgenden drei Tage miteinander zusammenhängen. Aus der Auswertung der gewonnenen Informationen ergeben sich Hinweise, die zum nächsten Szenario führen. Die „militärische Schnitzeljagd“ wird bis zur Erfüllung des Gesamtauftrages weitergeführt und trägt zur Motivation der einzelnen Teams bei, die unter teilweise schwierigen klimatischen Bedingungen in ihren ABC-Schutzausrüstungen arbeiten müssen.

Der Kommandant verteilt Aufträge während eines Szenarios in der Indoor Training Area. (Foto: Walter Mitter)
Der Kommandant verteilt Aufträge während eines Szenarios in der Indoor Training Area. (Foto: Walter Mitter)

Szenarienablauf-Beispiel

Über die Task Force werden die verfügbaren Teams eingeteilt (z. B. EOD - Norwegen, SIBCRA - Österreich und Dekontamination - Kanada). Danach erfolgt die Befehlsausgabe. Die Teams machen sich einsatzbereit. Vor dem Betreten der „Hot Zone“ wird der Maskentest in der „Banana Hut“ durchgeführt. Anschließend laufen die Phasen analog der speziellen ABC-Probenahme ab (neben der speziellen sind die einfache und forensische Probenahme festgelegte Verfahren; Anm.). Alle relevanten Aufklärungsergebnisse müssen zeitnah an die Task Force gemeldet und dort verarbeitet werden.

Zum Beispiel wird bei einem Szenario eine Adresse auf dem Lieferschein einer Transportkiste entdeckt. Diese führt die Task Force dann zum Folgezielort, an dem das nächste Team bereits überschlagend eingesetzt werden kann. Dann erfolgen die Probenahme, die Dekontamination und der Probentransport. Mit einer Verzögerung von maximal 24 Stunden erhält man die Probenergebnisse aus dem Labor und weiß, ob man richtig gearbeitet hat. Danach stellen die Teams erneut ihre Einsatzbereitschaft her und warten auf den Folgeauftrag. Der letzte Tag der dritten Woche steht für den Abbau der Camps und das Verladen der Ausrüstung für den Rücktransport zur Verfügung.

ABC-Kampfmittelbeseitigung

Im ÖBH ist aufgrund der hohen Komplexität bei Improvised Explosive Device mit ABC-Wirkladung (CBRN-IED) die Handentschärfung als spezielles Verfahren vorgesehen. Bei der Übung „Precise Response“ hängen etwa 30 Prozent der Szenarien mit CBRN-IED zusammen. Das kann von einer Sprengfalle zum Schutz der Lagerstärke über ein aktives „Device“ an einem Zielort bis zu einer „Post Blast“-Szene gehen, in dem das IED bereits umgesetzt hat. Diese Schnittstelle bildet das ÖBH seit 2014 ab, als erstmals Kampfmittelbeseitiger gemeinsam mit der ABC-Abwehrtruppe an der kanadischen Übung teilnahmen. 2016 und 2017 wurde das ABC-Abwehrkontingent mit einem kompletten ABC-Handentschärferteam (Stärke 1:3) verstärkt. 

Die Verfolgung von Tätern über biometrische Spuren wie Fingerabdrücke ist auch unter ABC-Bedrohungen auf kontaminierten Spurenträgern essenziell. (Foto: Walter Mitter)
Die Verfolgung von Tätern über biometrische Spuren wie Fingerabdrücke ist auch unter ABC-Bedrohungen auf kontaminierten Spurenträgern essenziell. (Foto: Walter Mitter)
Eine verletzte Person wird erstversorgt und möglichst schnell zur medizinischen Dekontaminationslinie gebracht. (Foto: Walter Mitter)
Eine verletzte Person wird erstversorgt und möglichst schnell zur medizinischen Dekontaminationslinie gebracht. (Foto: Walter Mitter)

ABC-Forensik

Die Tatortarbeit unter ABC-Bedingungen wurde in den vergangenen Jahren immer wichtiger. Dabei geht es einerseits um das forensisch korrekte Vorgehen unter ABC-Bedrohung, andererseits um das Sammeln von potenziell kontaminierten forensischen Spuren oder Spurenträgern. Seit 2016 besteht eine gute Zusammenarbeit zwischen dem Kommando Militärpolizei und dem ABC-Abwehrzentrum. Die Fähigkeit wurde seit 2016 bei der Übung „Precise Response“ entwickelt und Sonderermittler der Militärpolizei in das ABC-Abwehrelement integriert.

ABC-Sanität

Die Schnittstelle ABC-Sanität wird bei der Übung „Precise Response“ auf zwei unterschiedliche Arten abgebildet. Im ersten Szenario werden die verletzten eigenen ABC-Abwehrsoldaten, die die Hot Zone mit Schutzausrüstung betreten haben, aus dem Gefahrenbereich gerettet und die notwendigen Sofortmaßnahmen getroffen. Im zweiten Szenario geht es um die Dekontamination und Erstversorgung von ungeschützten Personen, die durch den Angriff überrascht wurden. In beiden Szenarien ist durch die ABC-Sanität das Überleben sicherzustellen, bis die betroffenen Personen an die „saubere“ Sanitäts- Versorgung dekontaminiert übergeben werden können. Hierbei wurden 2017 erstmals Beobachter zur Übung geschickt, um die Fähigkeiten anderer Nationen zu evaluieren und Ableitungen für das ÖBH zu treffen. 2019 hat das ÖBH erstmals gemeinsam mit dem San-Deko-Element der Deutschen Bundeswehr an einem sogenannten „Hot Zone Extraction Scenario“ teilgenommen. Dabei wurden Verwundeten- Darsteller erstversorgt und die angewandten Maßnahmen in Hinblick auf die Überlebenswahrscheinlichkeit evaluiert. Die Verfahren deckten sich weitgehend mit der erweiterten Selbst- und Kameradenhilfe, wie sie im ÖBH ausgebildet wird, nur eben unter ABC-Selbstschutz.

Das Team beobachtet aus sicherer Entfernung, wie der "Dirty" (Person, die sich am kontaminierten Hot Spot befindet; Anm.) die Gefahr vor Ort erkundet und einschätzt. (Foto: Walter Mitter)
Das Team beobachtet aus sicherer Entfernung, wie der "Dirty" (Person, die sich am kontaminierten Hot Spot befindet; Anm.) die Gefahr vor Ort erkundet und einschätzt. (Foto: Walter Mitter)

Weiterentwicklung der ABC-Abwehr

Nicht nur die Schnittstellen wurden durch die Übungsvorhaben belebt und entwickelt, auch die ABC-Abwehr hat sich in den Bereichen ABC-Aufklärung, ABC-Probenahme und Dekontamination weiterentwickelt. Die Abkürzung SIBCRA (Sampling & Identification of Biological, Chemical and Radiological Agents) umfasst diese Fähigkeit der Identifikation von ABC-Gefahrstoffen vor Ort – soweit technologisch bzw. gefechtstechnisch möglich – und die Probenahme für eine weiterführende Untersuchung durch ein Labor.

Mit der ersten Übungsteilnahme der österreichischen Soldaten 2012 wurde diese Fähigkeit für das ÖBH maßgeblich entwickelt und implementiert. Seit 2013 wird das Verfahren „Spezielle ABC-Probenahme“ durch die Vorschrift „ABC-Probenahme“ geregelt und in einem Lehrgang ausgebildet. Zur Umsetzung bei der ABC-Abwehrtruppe gibt es seit 2016 den Ausrüstungssatz „Probenahme ABCAbwehrtruppe“, der den ABC-Abwehrkompanien das notwendige Material zur Durchführung einer speziellen Probenahme zur Verfügung stellt.

Bei der Dekontamination war bis zur Implementierung der SIBCRA-Verfahren die Personendekontamination auf das Duschen des Personals ausgelegt. Durch die „spezielle ABC-Probenahme“ wurde ein gewisses Umdenken erreicht. Inzwischen gibt es unterschiedliche Verfahren der Dekontamination für ABC-Abwehr-Personal in Schutzausrüstung und Nicht-ABC-Abwehr-Personal. Für die Dekontamination von ein paar wenigen Soldaten des ABC-Fachpersonals hat sich das Trockendekontaminationsverfahren durchgesetzt. Dabei wird das Hot Zone-Personal vom Dekontaminationspersonal ausgezogen bzw. aus dem Schutzanzug herausgeschnitten. Bei der Übung 2019 wurde unter anderem ein neuer ABC-Dekontaminations-Satz letztmalig erprobt, der bald der ABC-Abwehrtruppe zulaufen soll.

Die österreichischen Teilnehmer der Precise Response 2018. (Foto: Walter Mitter)
Die österreichischen Teilnehmer der Precise Response 2018. (Foto: Walter Mitter)

Auf einen Blick

Das ÖBH konnte 2012 erstmals mit einem kleinen Team an der Übungsreihe „Precise Response“ teilnehmen. Mit sieben Personen und einigen Messgeräten ausgestattet, wurden die ersten Erfahrungen gesammelt. Die österreichische ABC-Abwehrtruppe konnte von der Zusammenarbeit mit anderen Nationen wesentlich profitieren. Gab es 2012 ein spezielles Probenahmegerät in nur drei von fünf ABC-Abwehr-kompanien, sind inzwischen alle Kompanien mit dem neuen Ausrüstungssatz „Probenahme ABCAbwehrtruppe“ ausgestattet. Umfangreiche Verfahren wurden entwickelt und in Vorschriften und Verfahrensanweisungen festgelegt.

Mit jeder Übungsteilnahme konnte ein Entwicklungssprung in den Fähigkeiten der österreichischen ABC-Abwehrtruppe und deren Schnittstellen zu anderen Waffengattungen wie Kampfmittelbeseitigung, Militärpolizei oder Sanität gemacht werden. So intensivierte sich 2014 die Zusammenarbeit mit den Kampfmittelbesetigern und ab 2016 wurde ein Sonderermittler-Element mit dem Kommando Militärpolizei gebildet. 2017 wurde erstmals das San-Personal in das Kontingent aufgenommen, um „Man-Down“-Drills und Verwundeten-Dekontaminationen der anderen Nationen zu beobachten. Außerdem wird darauf geachtet, dass die Erfahrungen der gesamten ABC-Abwehrtruppe zugutekommen. So wird das Kontingent immer unter Einbeziehung aller fünf ABC-Abwehrkompanien des ÖBH befüllt. Mindestens die Hälfte der Teilnehmer sollte zum ersten Mal bei der Übung sein. 2019 betrug das Kontingent derer, die zum ersten Mal an der Übung teilnahmen, sogar 60 Prozent. Im selben Jahr konnte erstmals österreichisches Personal für das mobile chemische Labor des Defence Research and Development Canada (DRDC) gestellt werden.

Die nächste Teilnahme der österreichischen ABC-Kräfte an der Übung „Precise Response“ ist für 2021 geplant. Hier wäre eine logische Weiterentwicklung das Leiten einer Task Force durch österreichische Soldaten. Viele Nationen nutzen die Übung als Zertifizierung ihrer ABC-Abwehr-Elemente. Künftig wird die regelmäßige Teilnahme an dieser Übungsreihe notwendig sein, um den erreichten Standard in der ABC-Abwehr zu halten und international up to date zu sein.

Hauptmann dhmtD DI Dr. Gerald Bauer ist Chemieexperte am ABC-Abwehrzentrum.

 

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