• Veröffentlichungsdatum: 26.02.2019
  • – Letztes Update: 28.02.2019

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  • 1443 Wörter

Grundlagen des Angriffes

Markus Ziegler

(Foto: Bundesheer/Daniel Trippolt)
(Foto: Bundesheer/Daniel Trippolt)

Der Angriff ist die entscheidende Einsatzart, um dem Gegner den eigenen Willen aufzuzwingen und ihn zu besiegen. Für die gefechtstechnische Ebene ist es wesentlich, dass der Angriff in allen Einsatzarten und auch in den Verfahren zur Sicherstellung des Einsatzes Anwendung findet. Um einen Angriffserfolg erzielen zu können, muss der Kommandant den Gegner nicht nur kennen, sondern Einzelheiten über diesen wissen und ihn deshalb aufklären.

Beispiele für den Angriff sind: in der Verteidigung und im Verzögerungskampf der Gegenstoß, auf dem Marsch der Angriff aus der Bewegung, im Schutz bei Bedeckungen und Patrouillen der Angriff aus der Bewegung sowie der Gegenstoß bei örtlich eingesetzten Truppen und der Angriff nach Bereitstellung. Es ist notwendig, dass die Kommandanten aller gefechtstechnischen Ebenen die Grundsätze des Angriffes verstehen, beherrschen und diesen jederzeit in jeder Einsatzart anwenden können. Grundlagen für den Waffeneinsatz im Gefecht sind:

  1. Das im Auftrag der übergeordneten Ebene definierte Ziel ist immer zu erreichen.
  2. Von den möglichen Varianten der Einsatzführung ist jene zu bevorzugen, bei der die geringsten eigenen Ausfälle zu erwarten sind. 
  3. Der wesentliche Grundsatz des humanitären Völkerrechtes, dass das geringste Wirkmittel, das den Erfolg (bei den oben angeführten Faktoren) sicherstellt, anzuwenden ist, muss unbedingt berücksichtigt werden. Das ist die Voraussetzung, um Kollateralschäden zu minimieren. 
  4. Je nach Intensität des Einsatzes können Rules of Engagement (ROE), die Regeln zur Gewaltanwendung, den Einsatz von Waffen und Wirkmitteln einschränken. Der Einsatz darf durch diese jedoch nicht behindert oder unmöglich gemacht werden.

Wesen und Wirkung

Der Angriff ist eine Einsatzart mit dem Zweck, den Gegner zu zerschlagen, zu vernichten und/oder Gelände in Besitz zu nehmen. Die Kompanie erhält von der taktischen Ebene einen Auftrag mit taktischem Ziel, in dem das Vernichten, Zerschlagen oder Werfen des Feindes bzw. das In-Besitz-Nehmen von Gelände befohlen wird. Eine Überlegenheit der eigenen Kräfte von mindestens 3:1 ist erforderlich, um einen Gefechtserfolg zu erreichen. Je größer das Kräfteverhältnis ist, desto höher sind die Erfolgsaussichten. Der Angriff sucht den Feind und erfolgt grundsätzlich entweder aus der Bewegung oder nach Bereitstellung.

Begriffe

Ein Spähtrupp bewegt sich im gesicherten Fußmarsch entlang eines Baches und nutzt das Gelände aus, um sich unerkannt dem Gegner zu nähern. (Foto: Bundesheer/Daniel Trippolt)
Ein Spähtrupp bewegt sich im gesicherten Fußmarsch entlang eines Baches und nutzt das Gelände aus, um sich unerkannt dem Gegner zu nähern. (Foto: Bundesheer/Daniel Trippolt)

Um den Angriff im Sinne der taktischen Ebene führen zu können, ist die Bedeutung der Begriffe Vernichten, Zerschlagen und Werfen notwendig, da sie eine wesentliche Auswirkung auf die eigene Einsatzführung haben. 

Werfen

Werfen bedeutet, den verteidigenden Feind durch den Angriff zu zwingen, seine Stellung aufzugeben. Um dieses Ziel zu erreichen, ist ein Kräfteverhältnis von 3:1 grundsätzlich ausreichend.

Zerschlagen  

Zerschlagen ist das Aufbrechen der Struktur, das Stören der Einsatzführung und/oder des zeitlichen Ablaufes. Dabei ist es wesentlich, so in die Struktur des Gegners zu schlagen, dass ein Zusammenwirken der gegnerischen Kräfte verhindert wird. Zu beachten ist, dass ein Zerschlagen des Gegners nicht den endgültigen Gefechtserfolg bedeutet, da dieser unmittelbar danach mit der Reorganisation seiner Kräfte beginnen wird, um wieder die Initiative und Handlungsfreiheit zu gewinnen. Daher ist das Zerschlagen immer die Grundlage für eine unmittelbar folgende weitere Handlung.

Vernichten 

Vernichten ist das Zufügen von Verlusten in einem Umfang, dass die betroffenen Kräfte des Gegners für einen weiteren Kampf ausfallen. Die eigenen Kräfte müssen dabei ein Absetzen des Gegners verhindern. Dies erfolgt durch eine einfache oder beidseitige Umfassung. Die Forderung, vorgestaffelt oder gleichzeitig den Gegner einzuschließen und in weiterer Folge mit überlegenen Kräften anzugreifen, bedeutet, dass hier das Kräfteverhältnis vom Angreifer zum Verteidiger größer als 3:1 sein muss.

Das ergibt sich, da die abriegelnden Kräfte („Amboss“) so stark sein müssen, dass sie den sich absetzenden Gegner abwehren können. Der Einsatz dieser Kräfte erfolgt aus Riegelstellungen nach den Grundprinzipien der Verteidigung. Die angreifenden Kräfte („Hammer“) müssen stark genug sein, um den Gegner aus den Stellungen gegen den Amboss werfen zu können oder in dessen Stellungen zu vernichten. Daher muss der Hammer mit dreifacher Überlegenheit angreifen. Kriegsgeschichtliche Beispiele, aber auch Erfahrungen aus Übungen zeigen, dass erfolgreiche Angriffe zum Vernichten des Gegners mit einer Überlegenheit von 5:1 bis 10:1 durchgeführt wurden.

Zusätzliche Aspekte 

Für alle Arten des Angriffes gilt, dass der Angreifer immer versuchen wird, die Schwachstelle des Verteidigers zu erkennen, dort anzugreifen und das Angriffsziel in Besitz zu nehmen. Als Voraussetzung dazu müssen vorgestaffelt all jene Geländeteile gewonnen werden, aus denen das Angriffsziel mit Feuer beherrscht werden kann. Ist dieses zum Beispiel ein Dorf in einer Senke, das beiderseits von Hügeln flankiert wird, von denen es mit Feuer beherrscht werden kann, müssen vor der Inbesitznahme dieses Dorfes zuerst beide Hügel durch eigene Kräfte gewonnen werden. 

(Grafik: Markus Ziegler)
(Grafik: Markus Ziegler)

Einsatzformen des Angriffes

Die Einsatzformen des Angriffes umfassen auf der gefechtstechnischen Ebene den

  • Angriff aus der Bewegung,
  • Angriff nach Bereitstellung,
  • Gegenstoß, 
  • die Verfolgung und den
  • Ausbruch aus einer Einschließung.

Auf der taktischen Ebene gibt es zusätzlich die Einsatzform des Gegenangriffes. Hinsichtlich der Richtung, in die der Angriff auf den Gegner trifft, wird auf der taktischen Ebene unterschieden zwischen dem 

  • Frontalangriff, 
  • Angriff in die Flanke und 
  • Angriff in den Rücken.
(Grafik: Markus Ziegler)
(Grafik: Markus Ziegler)

Angriff aus der Bewegung

Der Angriff aus der Bewegung wird mit den örtlich, auch nacheinander verfügbaren Kräften gegen einen in der Gefechtsbereitschaft und/oder Stärke unterlegenen Gegner zur Ausnutzung des Überraschungsmomentes unverzüglich angewendet. Die Grundlage, um diesen rasch und erfolgreich durchzuführen, ist die Marschgliederung.

An der Spitze marschiert immer ein Kampfelement. Dahinter marschiert mit genügend Abstand, um beim Auftreffen auf einen Gegner nicht durch dessen Feuer niedergehalten zu werden, der Kommandant mit seinem Führungselement. Aufgeschlossen auf dieses folgen die Elemente, die zum Niederhalten des Gegners rasch eingesetzt werden können sowie die eingegliederten Steilfeuerelemente. Kräfte zum Sicherstellen der Bewegung (Pionierelemente zum Räumen von Sperren bzw. provisorischen Sprengfallen) befinden sich ebenfalls in der Marschformation in diesem Bereich. Die Elemente am Ende der Kolonne sind als Stoßelement vorgesehen. Aufgrund des Tiefenabstandes zur Spitze und zum Führungselement können diese auch für eine Umfassung in die Flanke oder den Rücken eingesetzt werden.

Schnelligkeit in der Befehlsgebung, wendige Führung und rasches Ausführen befohlener Maßnahmen prägen den Angriff aus der Bewegung. Keinesfalls darf dieser jedoch überstürzt oder gar „planlos“ erfolgen. Eine sorgfältige Beurteilung der Lage ist deshalb zwingend notwendig. Bei einem zur Verteidigung eingerichteten Gegner ist, aufgrund seiner Überlegenheit in der Gefechtsbereitschaft, der Angriff aus der Bewegung nicht zweckmäßig.

Die Aussage des deutschen Generals Crüwell „Die Schnelligkeit der Truppe liegt nicht in der Stärke der Motoren, sondern in den Köpfen ihrer Führer“ bezieht sich auf ein rasch durchgeführtes Führungsverfahren. Damit ist gemeint, dass derjenige im Gefecht die Initiative behält, der seinen rasch gefassten Entschluss schneller in die Tat umsetzt und damit den Gegner zum Reagieren zwingt.

(Grafik: Markus Ziegler)
(Grafik: Markus Ziegler)

Angriff nach Bereitstellung 

Der Angriff nach Bereitstellung wird nach planmäßiger Vorbereitung des Zusammenwirkens, der im Angriff mitwirkenden Kräfte und nach Sicherstellung der hierfür erforderlichen Maßnahmen durchgeführt. Die Vorbereitungen umfassen neben umfangreichen Planungs- und Koordinierungsarbeiten eine Aufklärung, auf deren Ergebnisse der Befehlsgebungsprozess aufbaut.

Aufklärung 

Die Grundlage für den Angriff nach Bereitstellung ist die Information der vorgestaffelten Aufklärung. Das Erkennen der Art und Ausdehnung von Sperren liefert die Grundlage für den Pioniereinsatz. Das Erkennen einzelner Stellungen, von denen auf den Verlauf der Stellungen im gesamten bzw. auf den Einsatz der Kräfte geschlossen werden kann, ist die Grundlage für die Feuervorbereitung des Steilfeuers und den Einsatz von Luftfahrzeugen.

Planung 

Die Koordinierung der Bewegung erfolgt durch die Ablauflinie (Line of Departure; LD). Durch diese im Gelände klar erkennbare Linie wird sichergestellt, dass die eingesetzten Kräfte hinsichtlich Bewegung und Einsatz der Feuerunterstützung koordiniert werden. Wenn nötig, werden weitere Koordinierungslinien zur Synchronisation der Bewegung sowie Sicherheitslinien zur Verhinderung von Verlusten durch eigenes Feuer eingezogen.

Fazit 

Der Zusammenhang von Aufklärung und Angriff nach Bereitstellung besteht darin, dass durch die Aufklärung die Gefechtsidee des Kommandanten einerseits auf Durchführbarkeit überprüft und andererseits die Details zur Durchführung im Gelände festgelegt werden. Der Zweck der Aufklärung ist somit die Schaffung der Grundlagen für die Synchronisation aller eingesetzten Mittel und Kräfte (Kampftruppe, Jagdbomber, Kampfhubschrauber, Artillerie, schwere Granatwerfer, Pioniere).

Soldaten eines Spähtrupps sind in ein verlassenes Haus eingedrungen und klären dieses auf. (Foto: Bundesheer/Daniel Trippolt)
Soldaten eines Spähtrupps sind in ein verlassenes Haus eingedrungen und klären dieses auf. (Foto: Bundesheer/Daniel Trippolt)

Gegenangriff 

Diese Form des Angriffes wird nur auf der taktischen Ebene durchgeführt. Er entspricht einem, mindestens in Bataillonsstärke durchgeführten Angriff nach Bereitstellung in den Einsatzarten Verteidigung und Verzögerung. Der Zweck liegt darin, einen eingebrochenen Feind zu vernichten oder wichtiges Gelände wieder in Besitz zu nehmen.

Gegenstoß 

Darunter versteht man einen Angriff, um mit örtlich verfügbaren Kräften einen eingebrochenen Feind zu vernichten oder wichtiges Gelände wieder in Besitz zu nehmen. Der Gegenstoß kann vorgeübt werden und somit nach den Grundsätzen des Angriffes nach Bereitstellung erfolgen oder, wenn ein Vorüben aus Zeitgründen nicht möglich ist, als Angriff aus der Bewegung. Gegen einen eingebrochenen oder durchgestoßenen Gegner erfolgt auf gefechtstechnischer Ebene immer ein Gegenstoß.

Verfolgung 

Das Ziel der Verfolgung ist es, einen sich absetzenden Gegner durch angriffsweises Vorgehen „einzufangen“ und zu vernichten. Dabei werden auf der gefechtstechnischen Ebene sowohl die Grundsätze des Angriffes aus der Bewegung als auch des Angriffes nach Bereitstellung angewendet.

Ausbruch aus einer Einschließung 

Bei dieser Einsatzform werden nach den Prinzipien des Angriffes die Kräfte des Gegners, die eigene Kräfte eingeschlossen haben, durchstoßen, um die Verbindung zu den eigenen Kräften wiederherzustellen.

wird fortgesetzt

Oberstleutnant Markus Ziegler, MA ist stellvertretender Kommandant vom Truppenübungsplatz Bruckneudorf und davor Hauptlehroffizier Jäger an der Heerestruppenschule.

Eine Jägergruppe bewegt sich mit zwei Nahsicherern entlang einer Bewegungslinie. Anmerkung: Die Abstände am Foto entsprechen nicht jenen im Gefecht. (Foto: Bundesheer/Daniel Trippolt)
Eine Jägergruppe bewegt sich mit zwei Nahsicherern entlang einer Bewegungslinie. Anmerkung: Die Abstände am Foto entsprechen nicht jenen im Gefecht. (Foto: Bundesheer/Daniel Trippolt)
 

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