• Veröffentlichungsdatum: 20.11.2018
  • – Letztes Update: 21.11.2018

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Die Österreicher sind voll integriert

Gerold Keusch

(Foto: Bundesheer/Fahrngruber)
(Foto: Bundesheer/Fahrngruber)

Am 5. und 6. November 2018 besuchte der Kommandant des Multinationalen Kommandos Operative Führung/Multinational Joint Headquarters (MN JHQ) Ulm, Generalleutnant Jürgen Knappe, die Landesverteidigungsakademie und das Bundesministerium für Landesverteidigung in Wien.

Im MN JHQ Ulm versehen zehn österreichische Offiziere und Unteroffiziere ihren Dienst, die auch hohe Posten, wie den stellvertretenden Stabschef für Operationen, bekleiden. Darüber hinaus gibt es eine Kooperation mit dem Panzerstabsbataillon 3 in Mautern und der Landesverteidigungsakademie des Bundesheeres. TRUPPENDIENST erhielt die Möglichkeit, mit Generalleutnant Knappe über sein Kommando, die österreichische Beteiligung und allgemeine Streitkräfte- und Sicherheitsentwicklungen zu sprechen. Das Interview führte Gerold Keusch.

Generalleutnant Jürgen Knappe ist seit 1. Februar 2018 Kommandant des MN JHQ in Ulm. (Foto: Bundeswehr)
Generalleutnant Jürgen Knappe ist seit 1. Februar 2018 Kommandant des MN JHQ in Ulm. (Foto: Bundeswehr)

TRUPPENDIENST (TD): Herr Generalleutnant, seit Februar 2018 sind Sie Kommandant des MN JHQ in Ulm. Wie würden Sie die Aufgaben des MN JHQ charakterisieren?

Generalleutnant Knappe (K): Das MN JHQ in Ulm hat zwei Schwerpunktaufgaben: Zum einen nimmt es seit über zehn Jahren die Rolle eines Hauptquartiers auf allen Ebenen - strategisch, operativ und taktisch - für die EU wahr. Zum anderen hat es in diesem Jahr erstmalig bewiesen, dass es auch als Hauptquartier einer NATO-Joint Task Force auf operativer Ebene für kleinere Operationen eingesetzt werden kann. Dazu hat sich das Kommando in einer Vorbereitungs- und Evaluierungsphase qualifiziert und befindet sich nach der Zertifizierung nun für ein Jahr in einer Stand-by-Phase.

TD: Das MN JHQ Ulm kann demnach sowohl für die NATO als auch die EU-Aufgaben wahrnehmen?

K: Das Ulmer Kommando kann sowohl für die NATO, als auch für die EU Aufgaben wahrnehmen. Die große Kompetenz und das Alleinstellungsmerkmal des MN JHQ Ulm ist nicht nur, dass es multinational ist und bei seiner Tätigkeit durch andere Nationen - insbesondere Österreich als größter multinationaler Truppensteller - verstärkt wird. Die Einmaligkeit des Kommandos zeigt sich auch darin, dass es die Expertise für Land-, Luft- und Seeoperationen zusammenführt. Aus diesem Grund leisten sowohl Soldaten des Heeres als auch der Marine und der Luftwaffe dort ihren Dienst. Im MN JHQ Ulm wird permanent - 52 Wochen im Jahr - auf der operativen Ebene gearbeitet. Somit findet dort das operative Denken, Arbeiten und Planen permanent statt. Das Resultat ist, dass das Ulmer Kommando den gesamten Planungsprozess militärischer Operationen auf dieser Ebene beherrscht und im Bedarfsfall bis zu 50.000 Soldaten führen kann.

Generalleutnant Jürgen Knappe (re.), neben seinem stellvertretenden Chef des Stabes im MN JHQ Ulm, Brigadier Christian Platzer (mi.), beim Interview. (Foto: Bundesheer/Fahrngruber)
Generalleutnant Jürgen Knappe (re.), neben seinem stellvertretenden Chef des Stabes im MN JHQ Ulm, Brigadier Christian Platzer (mi.), beim Interview. (Foto: Bundesheer/Fahrngruber)

TD: Im Juni 2018 haben die NATO-Verteidigungsminister die Aufstellung des NATO-Hauptquartiers Joint Support and Enabling Command (JSEC) beschlossen, das als separate Dienststelle neben dem MN JHQ Ulm aufgestellt wird. Wie lassen sich die Aufgaben von JSEC beschreiben?

K: Das JSEC kann als „Rear Area Command“ bezeichnet werden und ist für Sicherheit im rückwärtigen Raum der „Area of Responsibility“ des SACEUR (Supreme Allied Commander Europe, Kommandant des strategischen NATO-Kommandos Europa; Anm.) zuständig, dazu gehört auch die Verlegung von NATO-Truppen im rückwärtigen Raum des SACEUR zu koordinieren. Dazu tritt es mit den Nationen, die durch Host Nation Support diese Verlegungen zu unterstützen haben, in Verhandlungen und plant mit diesen alle notwendigen Maßnahmen. Das JSEC wird häufig als logistisches Kommando missverstanden. Es wird zwar auch logistische Aufgaben wahrnehmen, wie die Koordination der Verlegung und die Heranführung von Nachfolgekräften. Aber vor allem ist es dafür zuständig, die Kräfte für ein solches Vorhaben zusammenzuführen, diese auszubilden, zu trainieren und ihnen gegebenenfalls noch den notwendigen Schutz zukommen zu lassen. Das JSEC hat somit auf der operativen Ebene die Gesamtverantwortung für die Bereitstellung eines sicheren Umfeldes im rückwärtigen Raum. Dazu wird bereits im Friedens- und Grundbetrieb ein Netzwerk aufgebaut, das diese Facetten abbildet, koordiniert und deren Funktion beim Übungsbetrieb im rückwärtigen Raum überprüft.

TD: Das klingt nach einer gewaltigen Planungsaufgabe.

K: Eine Stärke eines operativen Kommandos ist, dass es nicht nur einen Einsatz auf operativer Ebene führt, sondern insbesondere in der Planungsphase seine Kompetenzen zeigen kann. Das gilt auch für JSEC. Ulm hat mit dem MN JHQ bewiesen, dass es das kann.

TD: Welche sicherheitspolitischen Überlegungen haben zur Aufstellung von JSEC geführt?

K: Die Entwicklungen der letzten Jahre, wie beispielsweise die Krimannexion und der Ukrainekonflikt, haben dazu geführt, dass die NATO die Bündnis- und Landesverteidigung wieder stärker in den Fokus rückt. Zusätzlich haben wir in den vergangenen Jahren Terroranschläge in Paris, Brüssel, London oder Berlin erlebt. Die Summe dieser Veränderungen des sicherheitspolitischen Umfeldes haben dazu geführt, dass die NATO auf politischer Ebene entschieden hat, die NATO-Kommandostruktur anzupassen. Eine daraus resultierende Entscheidung war die Aufstellung zweier neuer Kommandos auf operativer Ebene. Eines wird in Norfolk (USA) eingerichtet und die maritime Komponente abdecken. Das andere ist das JSEC in Ulm, das die Rear Area abdeckt, und bei dem Deutschland als Framework Nation die Aufgabe übernommen hat, das Kommando aufzubauen.

Das Verbandsabzeichen des MN JHQ in Ulm. (Grafik: MN JHQ)
Das Verbandsabzeichen des MN JHQ in Ulm. (Grafik: MN JHQ)

TD: Das bedeutet zusammengefasst: Aufgrund der sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen ist es notwendig, sich breit aufzustellen, um alle möglichen Sicherheitsbedrohungen und Eventualitäten abdecken zu können?

K: Ja. Die NATO hat mit der Großübung Trident Juncture 2018 in Norwegen gezeigt, dass sie die Landes- und Bündnisverteidigung trainiert. Und das mit einem strategischen Verlegeaufkommen, das es seit Ende des kalten Krieges bisher noch nicht gegeben hat, mit einem Aufmarsch von 60.000 Soldaten, um diese zur Verteidigung eines Bündnislandes zu formieren. Aber nicht nur die NATO, auch Finnland und Schweden, die Partnerländer vor Ort, waren an dieser Übung beteiligt.

TD: Stichwort Partnerländer. Sie haben bereits davon gesprochen, dass österreichische Soldaten am MN JHQ Ulm beteiligt sind und das größte ausländische Kontingent stellen. Wie profitiert das Österreichische Bundesheer von dieser Kooperation?

K: Der Vorteil für Österreich und unsere anderen Partner besteht darin, auf der Planungs- und Führungsebene an einem operativen Hauptquartier - dem MN JHQ - beteiligt zu sein und somit dort auch auf der operativen Ebene arbeiten zu können. Das ist etwas, das in vielen kleineren Staaten bzw. kleineren Streitkräften nicht stattfindet, obwohl es für kleinere Nationen von genauso großer Bedeutung ist, eine operative Kompetenz aufzubauen. Zusätzlich sind österreichische Soldaten im Bereich der Logistik des MN JHQ Ulm eingesetzt, so dass sie auch dort ihre Fähigkeiten trainieren können.

TD: Wie profitiert die Deutsche Bundeswehr bzw. die NATO von der Kooperation mit dem österreichischen Bundesheer?

K: Soldaten aus Österreich sind nicht nur ständig im MN JHQ Ulm eingesetzt, sondern verstärken dieses insbesondere bei Übungen erheblich. Was manche Organisationen im Grundbetrieb nicht leisten können, nämlich dauerhaft Personal beizustellen, leisten sie im Übungsbetrieb. So gab es bei der Übung Trident Jaguar 2018 auch eine Beteiligung der Landesverteidigungsakademie, die mit etwa 30 Teilnehmern des Generalstabslehrganges an der dreiwöchigen Zertifizierungsübung meines Kommandos, einer so genannten Non-Article-5-Übung, in Norwegen mitgewirkt hat. Darüber hinaus haben wir eine enge Kooperation mit dem Panzerstabsbataillon 3, das gemeinsam mit meinem Unterstützungsverband den Aufbau, die Verlegung und den Betrieb eines operativen Hauptquartiers übt.

Einweisung für Generalleutnant Jürgen Knappe (mi.), neben Generalleutnant Erich Csitkovits (re.), durch Oberst Klaus Mak (li.) während des Besuchs in Wien. (Foto: Bundesheer/Fahrngruber)
Einweisung für Generalleutnant Jürgen Knappe (mi.), neben Generalleutnant Erich Csitkovits (re.), durch Oberst Klaus Mak (li.) während des Besuchs in Wien. (Foto: Bundesheer/Fahrngruber)

TD: Wie wichtig ist es für ein Kommando nicht nur zu führen, sondern auch auszubilden und zu schulen?

K: Ausbildung ist die Grundvoraussetzung, um eine operative Planung und Führung durchführen zu können. Auch in Deutschland haben wir das Personal für solche Aufgaben nicht in großem Umfang. Das heißt, dass wir das Personal, das zu uns versetzt wird, intensiv ausbilden. Der gesamte Prozessablauf, um ein solches Kommando zu zertifizieren, dauert zweieinhalb Jahre. Zwei Jahre wird die Ausbildung für den Planungsprozess durchlaufen, ein halbes Jahr dauert die Zertifizierung. Für die Tätigkeit im MN JHQ Ulm gilt darüber hinaus zu bedenken, dass nicht nur das militärische Umfeld zu berücksichtigen ist. Es gilt auch zu lernen, wie die Interaktion mit zivilen Verantwortungsträgern, in dem Land in dem man eingesetzt wird, abläuft, denn es gibt es noch unzählige weitere Organisationen beispielsweise aus dem Bereich der UN, die bei einem Einsatz als Akteure tätig sein können. Auch diese Zusammenarbeit muss gelernt werden, das kann man nicht von heute auf morgen.

TD: Die Tätigkeit im MN JHQ Ulm ist demnach mit ständigen Herausforderungen auch aufgrund der sich verändernden Rahmenbedingungen verbunden?

K: In der Vergangenheit hat sich die NATO auf Stabilisierungsoperationen und Kriseneinsätze konzentriert. Die spielen zwar nach wie vor eine gewichtige Rolle, aber nun ist die Bündnis- und Landesverteidigung wieder zusätzlich in den Fokus gerückt. Dieses Thema hatten wir kaum mehr im Blick, da die sicherheitspolitischen Entwicklungen nicht mehr mit der Situation vor 1990 vergleichbar sind. Das gesamte sicherheitspolitische Umfeld hat sich geändert und auch Konfliktfelder sind komplizierter geworden. Heute reden wir beispielweise von hybrider Kriegsführung oder von einer Cyber-Bedrohung. Alleine aus diesem Grund ist eine ständige, flexible und auf die geänderte Rahmenlage reagierende, funktionsfähige Ausbildung unerlässlich, um „up to date“ zu sein.

TD: Wird im MN JHQ Ulm hinsichtlich der Funktionen bzw. Tätigkeiten der österreichischen Soldaten darauf Rücksicht genommen, dass Österreich ein neutrales Land ist?

K: Für den Einsatz von Soldaten gilt das Primat der Politik. Die Entscheidung, ob österreichische Soldaten an einem konkreten Einsatz teilnehmen, fällt das Parlament und ist somit eine politische Entscheidung. Das gilt aber auch für andere Nationen, so auch für Deutschland. Die Neutralität Österreichs ist kein Problem im täglichen Dienstbetrieb. Die Österreicher sind ohne Vorbehalte oder Diskussionen in das normale Arbeitsgeschehen eingebunden und voll integriert.

TD: Abschließend komme ich zur zukünftigen Struktur ihres Zuständigkeitsbereichs in Ulm. Wie strukturiert es sich in Zukunft?

K: Einerseits führe ich das neu aufzustellende NATO-Kommando JSEC und zum anderen bin ich „double-hatted“ Befehlshaber des MN JHQ, das zukünftig im Schwerpunkt für EU-Aufgaben vorgesehen ist.

Multinationales Kommando Operative Führung/Multinational Joint Headquarters Ulm

Joint Support Enabling Command DEU

 

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