• Veröffentlichungsdatum: 22.01.2020
  • – Letztes Update: 23.01.2020

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Die Luftschutztürme von Sarajewo

Manuel Martinovic

(Fotos: Archiv Martinovic/Montage: Keusch)
(Fotos: Archiv Martinovic/Montage: Keusch)

Auf dem Gelände der ehemaligen Eisenbahn-Hauptwerkstatt von Sarajewo stehen zwei Relikte des Zweiten Weltkrieges: Hochbunker, die vom deutschen Architekten Leo Winkel in den 1930er-Jahren entwickelt und während des Krieges in der bosnischen Hauptstadt errichtet wurden. Sie sollten die Mitarbeiter dieser kriegswichtigen Produktionsstätte vor den Bombenkrieg schützen, der im November 1943 auch Bosnien erreicht hatte.

Am 6. April 1941 griff Deutschland das Königreich Jugoslawien an. Bereits am 15. April 1941 marschierte die Deutsche Wehrmacht in Sarajewo ein, wo damals etwa 80.000 Einwohner lebten (34 Prozent Bosniaken, 29 Prozent Kroaten, 25 Prozent Serben, 10 Prozent Juden und sonstige Volksgruppen). Bereits am 17. April 1941 war der Feldzug beendet und der Vielvölkerstaat Jugoslawien zerschlagen. Bosnien und Herzegowina wurde ein Teil des faschistischen Ustaša-Staates von Ante Pavelic (offizielle Bezeichnung Unabhängiger Staat Kroatien - Nezavisna Država Hrvatska). Dessen Territorium umfasste in etwa die heutigen Staaten Kroatien sowie Bosnien und Herzegowina, ausgenommen von Teilen der dalmatinischen Küste, die bis 1943 zu Italien gehörten. Der Ustaša-Staat war mit Hitlerdeutschland verbündet und unterstützte die Deutsche Wehrmacht auf dem Balkan, vor allem im Kampf gegen die Tito-Partisanen.

Bomben im Fall auf Sarajewo. (Foto: Archiv Martinovic)
Bomben im Fall auf Sarajewo. (Foto: Archiv Martinovic)

Bombenkrieg in Sarajewo

Der Jugoslawienkrieg brachte auch den Bombenkrieg auf den Balkan. Bereits am ersten Tag des Feldzuges gab es massive Luftangriffe auf Belgrad und andere Ziele in Jugoslawien. Auch Sarajewo kam in das Visier der deutschen Bomberflotten. Am 6. und 7. April 1941 wurde der Flugplatz Rajlovac von jeweils acht Flugzeugen angegriffen, die jedoch nur geringen materiellen Schaden anrichteten. Der Stadtrat der bosnischen Hauptstadt beschloss daraufhin eine Ausgangssperre zu verhängen und die Stadt zu verdunkeln, da in den folgenden Tagen mit weiteren deutschen Luftangriffen gerechnet wurde. Diese erfolgten am 12. und 13. April 1941. Dabei wurden unter anderem das Gerichts- und Postgebäude der Stadt, das Militärkommando in Bistrik sowie die Vororte Skenderija, Vratnik, Ilidža sowie einige Dörfer rund um Sarajewo getroffen. Die Angriffe forderten etwa 90 Todesopfer und richteten erheblichen materiellen Schaden an. Am Nachmittag des 15. April marschierte die Deutsche Wehrmacht in Sarajewo ein, womit die erste Phase des Bombenkrieges für die Stadt beendet war.

Der erste alliierte Luftangriff auf die bosnische Hauptstadt fand am 14. November 1943 statt, als zwei Flugzeuge Bomben auf die Stadt warfen. Insgesamt dreizehn Mal war Sarajewo ein Ziel alliierter Luftflotten, bei denen eine Bombenlast von etwa 1.100 Tonnen auf die Stadt niederging. Unter anderem wurde die bosnische Hauptstadt am 8. September im Zuge der „Operation Ratweek“ von U.S. Bombern angegriffen. Das Ziel der „Operation Ratweek“ war es, den Transfer deutscher Truppenteile von Griechenland zu anderen europäischen Frontabschnitten zu verhindern. Obwohl die meisten Angriffsziele in Zentralserbien lagen, kamen auch bosnische Städte wie Sarajewo, Bihac oder Brod in das Visier der 301., 463. und vermutlich der 455. Bombergruppe der 15. U.S. Air Force, die im italienischen Foggia stationiert war. Der letzte große alliierte Bombenangriff fand am 19. Dezember 1944 statt, bei dem Teile der 15. U.S. Air Force und der britischen 205. Royal Air Force Bombardment Group die bosnische Hauptstadt angriffen.

Winkel-Bunker beim Gebäude der heutigen Firma Energoinvest. (Foto: Manuel Martinovic)
Winkel-Bunker beim Gebäude der heutigen Firma Energoinvest. (Foto: Manuel Martinovic)
Winkel-Bunker am Ende der Dzavida-Haverica-Straße. (Foto: Zavizajac; CC BY-SA 4.0)
Winkel-Bunker am Ende der Dzavida-Haverica-Straße. (Foto: Zavizajac; CC BY-SA 4.0)

Die Hochbunker von Sarajevo

Die Deutsche Militärverwaltung errichtete vermutlich ab 1943 die vier Luftschutztürme auf dem Gelände der ehemaligen Zentralwerkstatt für Schmalspurbahnen. Diese Hochbunker sollten die Fabriksarbeiter, Handwerker, Techniker und Ingenieure dieser strategisch wichtigen Einrichtung bei Luftangriffen auf die Stadt bzw. das Werk schützen. In dem Industriekomplex, der in der österreichisch-ungarischen Ära gegründet worden war, wurden unter anderem Lokomotiven, Waggons und Eisenbahnschienen hergestellt. Das Werk war von strategischer Bedeutung, da es den Betrieb der Bahnanlagen in Bosnien und Herzegowina sicherstellte, der für die Logistik der Deutschen Wehrmacht und somit für die Einsatzführung gegen die Tito-Partisanen von entscheidender Bedeutung war.

Die vier Hochbunker von Sarajewo waren de facto baugleich. Sie verfügten über acht Stockwerke (sieben Ober- und ein Untergeschoss) und eine Treppe in der Mitte des Objektes. Im Erdgeschoss befinden sich der 178 cm breite Haupt- und der 85 cm breite Notausgang. Hinter den Stahltüren dieser Eingänge ist jeweils ein Vorraum, der das Innere vor Bomben- bzw. Granatsplittern schützen sollte. Der Zugang zu den Schutzräumen in den Stockwerken erfolgt über etwa 85 cm breite Türen. Diese sind auf Grund der Form der Außenwand geneigt und lassen sich aus Evakuierungs- und Sicherheitsgründen nach außen öffnen. Entlang der Wandinnenseite befinden sich Holzbänke mit Rückenlehnen als Sitzgelegenheit für die Schutzsuchenden.

Plan eines Winkel-Bunkers für etwa 500 Personen. (Foto: Archiv Martinovic)
Plan eines Winkel-Bunkers für etwa 500 Personen. (Foto: Archiv Martinovic)

Winkel-Luftschutztürme

Die Luftschutztürme von Sarajewo wurden nach den Entwürfen des deutschen Ingenieurs Leo Winkel erbaut. Winkel, geboren am 15. September 1885 in Köln, arbeitete nach seinem Architekturstudium zunächst als Baumeister bei der Gewerkschaft Deutscher Kaiser und ab 1916 bei der Thyssen AG in Hamborn, bis er 1936 ein eigenes Unternehmen gründete. Die ersten Überlegungen zum Bau von Hochbunkern gab es bereits von anderen Architekten in den 1920er-Jahren, da damals davon ausgegangen wurde, dass es bei einem neuerlichen Krieg zu Bombardierungen im Hinterland kommen würde. Winkel begann mit seinen Planungen für Hochbunker in den 1930er-Jahren, noch bevor er seinen Betrieb gegründet hatte.

Die Winkel-Bunker sind genormte Hochbunker aus Beton bzw. Stahlbeton, die Menschen vor der Wirkung von Fliegerbomben schützen sollen. Sie bestehen aus einer Außenschale in Form eines schlanken Kegels, dessen Form an eine Granate erinnert, Zwischendecken für die Stockwerke mit den Schutzräumen und einer Treppe, die in der Mitte des Objektes platziert ist. Im Gegensatz zu Bunkern unter der Erdoberfläche oder Stollensystemen war der Bau von Hochbunkern relativ rasch und günstig möglich.

Neben den massiven Betonwänden sollte die Schutzfunktion dieser Objekte aufgrund von zwei Überlegungen gewährleistet werden: Erstens war die Fläche der Bunker gering, wodurch es sehr schwierig war, sie zu treffen. Zweitens sollte die schlanke konische Form des Bauwerkes, dessen Außenwände einen Winkel von etwa acht Grad aufweisen, bei einem Treffer die Aktivierung des Bombenanzünders verhindern. Die Bombe sollte entlang der Wand zum Boden rutschen und dort explodieren, wo die Betonwände am stärksten sind (ca. zwei Meter bei verdichtetem Beton oder ca. 1,10 m bei Stahlbeton), um die Menschen im Bunkerinneren zu schützen.

Es gibt mehrere Varianten dieser Schutzobjekte, die sich aufgrund ihrer Größe und Details in der Bauform unterschieden. Die meisten sind etwa 20 m hoch und haben einen Durchmesser von etwa 10 m. Die Wandstärke beträgt an der Basis zwei Meter bei unbewehrtem Beton (1,10 m bei Eisenbeton) und verjüngt sich ab einer Höhe von zehn Meter auf eine Mindeststärke von 1,5 m (0,8 m bei Eisenbeton). In der Regel gab es neun Stockwerke, von denen zwei unter der Erdoberfläche lagen. Der Zugang erfolgte über Holztreppen, die in das erste Geschoß führten. Je nach Ausführung fanden zwischen 200 und 500 Personen in diesen Objekten Platz.

Winkel-Luftschutzturm in der deutschen Stadt Gießen. (Foto: Klaus Foehl; CC BY-SA 3.0)
Winkel-Luftschutzturm in der deutschen Stadt Gießen. (Foto: Klaus Foehl; CC BY-SA 3.0)
Plan eines Winkel-Bunkers. (Foto: Archiv Martinovic)
Plan eines Winkel-Bunkers. (Foto: Archiv Martinovic)

1934 reichte Leo Winkel das Patent für seinen Hochbunker ein, 1936 begann die Erprobung, bei denen die Testbunker sogar von Sturzkampfbombern mit 500-kg-Bomben angegriffen wurden. Das Ergebnis dieser Tests war, dass diesen Objekten die „Volltreffersicherheit gegen Sprengbomben“ bescheinigt und 1937 die allgemeine Baugenehmigung erteilt wurde. Während der gesamten Tests, konnten die Winkel-Bunker kein einziges Mal getroffen werden, weshalb die Bomben an den Außenwänden montiert werden mussten, um einen Treffer zu simulieren.

Im Oktober 1940 – der Zweite Weltkrieg hatte vor über einem Jahr begonnen und die Luftschlacht um England war noch im Gange – verordnete Adolf Hitler den Bau von Hochbunkern als Schutz vor englischen Luftangriffen, die bereits Ziele in Deutschland bombardiert hatten. Das war der Startschuss für den Bau der Winkel-Bunker, die auch als „Betonzigarre“ oder „Zuckerhut“ bezeichnet werden. Insgesamt wurden etwa 200 dieser Schutzobjekte errichtet, die vor allem das Personal von Industrieanlagen und Eisenbahnzentren schützen sollten. Die meisten stehen in deutschen Städten wie Berlin, Köln, Stuttgart, Hannover oder Duisburg, aber auch in Malmö (Schweden) und in Sarajewo sind solche Schutzbauten zu finden.

Während des Zweiten Weltkrieges befassten sich noch weitere Architekten mit dem Bau von Hochbunkern. Die wohl imposantesten Beispiele sind die Flaktürme, die in Hamburg, Berlin und Wien errichtet wurden. Sie dienten nicht nur als Luftschutzbunker für tausende Menschen, sondern auch als Plattformen für schwere Fliegerabwehr-Geschütze. Im Krieg bewährten sich die Winkel-Bunker, so wie die anderen Hochbunker auch, da sie ihren Zweck erfüllten. Nur zweimal (in Bremen und Duisburg) traf eine Sprengbombe tatsächlich einen Winkel-Bunker an dessen Spitze, wodurch die Betondecke durchschlagen wurde und mehrere Menschen starben.

Luftaufnahme des alliierten Bombenangriffes auf Sarajewo vom 8. September 1944. (Foto: Archiv Martinovic)
Luftaufnahme des alliierten Bombenangriffes auf Sarajewo vom 8. September 1944. (Foto: Archiv Martinovic)

Bomben-Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg

Die Luftschutztürme sind nicht die einzigen Relikte des Bombenkrieges in Sarajewo. Von den insgesamt etwa 1.100 Tonnen alliierter Bomben (entspricht 4.400 Stück 250-kg-Bomben) waren – wie das damals der Normwert war – etwa zehn Prozent Blindgänger. Aus diesem Grund befindet sich noch heute eine unbekannte Anzahl von Bomben unter der Erdoberfläche der bosnischen Hauptstadt. Alleine im Bereich des ehemaligen Rangierbahnhofes, der damals das Primärziel der Angriffe war, wurden in den letzten Jahren 22 Bomben-Blindgänger gefunden.

Für das Räumen und Entschärfen dieser Bomben ist die Federal Civil Protection Administration zuständig, die auch für das Räumen von Minen und Kampfmitteln aus dem Bosnienkrieg der 1990er-Jahre verantwortlich ist. Obwohl der Luftkrieg in Sarajewo vor 75 Jahren zu Ende ging, sind viele dieser Bomben noch immer funktionsfähig und können deshalb noch detonieren. Die möglichen Plätze von Blindgängern zu orten ist schwierig, da es in den örtlichen Archiven kaum Informationen über die Luftangriffe gibt. Die Experten sind somit auf Überlieferungen, Gerüchte oder – falls vorhanden – die Luftbilddaten der US-Aufklärung bzw. die Berichte der Bomberstaffeln angewiesen. Damit lässt sich aber nur feststellen, wo die Bombenteppiche niedergingen, nicht jedoch wo die Blindgänger liegen.

Vier 500-kg-Bomben, die während Bauarbeiten in Sarajewo gefunden wurden. (Foto: Manuel Martinovic)
Vier 500-kg-Bomben, die während Bauarbeiten in Sarajewo gefunden wurden. (Foto: Manuel Martinovic)
Eine 500-kg-Bombe, die nach der Entschärfung für den Abtransport vorbereitet ist. (Foto: Manuel Martinovic)
Eine 500-kg-Bombe, die nach der Entschärfung für den Abtransport vorbereitet ist. (Foto: Manuel Martinovic)
Bergung einer Fliegerbombe in Sarajewo. (Foto: Manuel Martinovic)
Bergung einer Fliegerbombe in Sarajewo. (Foto: Manuel Martinovic)

Die Hochbunker heute

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Deutschland einige Hochbunker abgerissen, andere – unter ihnen die meisten Winkel-Bunker, die noch existieren – später unter Denkmalschutz gestellt. Heute sind dort beispielsweise Diskotheken, Clubs oder Galerien untergebracht, sie werden aber auch für Ausstellungen oder als Kletterwände genutzt. Die meisten Hochbunker stehen jedoch leer, da sie sich als Zweckbauten nur bedingt für eine Nachnutzung eignen und es in Europa aufgrund der langen Friedensperiode seit 1945 keinen Bedarf an Luftschutztürmen gibt. Selbst im Kalten Krieg, bei dem die Bedrohung durch Atomwaffen allgegenwärtig schien, wurden sie nicht aktiviert, da sie keinen Schutz vor Atombomben geboten hätten. Aus diesem Grund wurden die Schutzbunker jener Epoche unter der Erde errichtet.

In Tito-Jugoslawien galten die militärischen Bauwerke der Deutschen und Italiener als Mahnmale der Okkupation und des Faschismus, die nicht zerstört werden durften. Sie sollten die Bevölkerung an dieses dunkle Kapitel der jugoslawischen Geschichte erinnern und ihr vor Augen führen, dass die Errungenschaften des Tito-Sozialismus nicht selbstverständlich seien. Für Sarajewo endete die Periode des Friedens mit der Belagerung der Stadt im Jahr 1992. Die Winkel-Bunker – von denen damals noch drei existierten – blieben jedoch verwaist und wurden weder vom Militär noch von der Bevölkerung genutzt, obwohl die Stadt bis zum Ende der Belagerung im Februar 1996 unter Dauerbeschuss lag.

Die beiden noch existierenden Luftschutztürme von Sarajewo stehen seit 2013 unter Denkmalschutz. Ein Turm wird heute vom Verband der Funkamateure von Bosnien und Herzegowina genutzt, der zweite Bunker steht leer. Der dritte Bunker wurde vor etwa zehn Jahren für den Bau einer Durchfahrtsstraße abgerissen und der vierte wurde bereits vor dem Bosnienkrieg ein Opfer der Abrissbirne, da an seine Stelle ein neues Gebäude errichtet wurde. Somit haben die beiden verbliebenen Winkel-Bunker auch heute die Funktion eines Mahnmales, das an den Zweiten Weltkrieg erinnert, der vor 75 Jahren endete. Dieser forderte Millionen Tote an den Fronten und im Hinterland, veränderte die Landkarten Europas und der Welt nachhaltig und brachte eine Nachkriegsordnung, die gerade in Bosnien und Herzegowina so fragil war, dass dort in den 1990er-Jahren erneut ein Krieg tobte.

Manuel Martinovic ist Jurist, Historiker und Forscher.

 

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