• Veröffentlichungsdatum: 16.12.2016
  • – Letztes Update: 08.05.2018

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Die letzten Gefechte - Teil 3

Gerold Keusch

(Foto: Archiv Autor)

Am 29. März 1945 überschritten Soldaten der Roten Armee die österreichische Grenze im Burgenland. Es war eines von vielen Ereignissen, das die Niederlage des Dritten Reiches ankündigte. Für Österreich markierte es das baldige Ende der deutschen Herrschaft. Zwei Wochen später fiel Wien und am 28. April überschritten die ersten US-Soldaten die Grenze zu Tirol. Der Zweite Weltkrieg war militärisch, politisch und symbolisch entschieden. Er war aber noch nicht beendet, und weite Teile Österreichs standen noch unter NS-Herrschaft.

Anmerkung: Die kursiven Textstellen sind Zitate von Zeitzeugen. Diese entstammen Büchern, Chroniken und Protokollen zum Thema oder wurden in Zeitzeugeninterviews vom Autor erhoben.  

Der letzte Marsch

Am Nachmittag des 7. Mai übermittelt Konrad Radner einen seiner letzten Befehle im Divisionsgefechtsstand. Der Inhalt: Alle Teile der 1. SS-Panzerdivision sammeln im Raum Scheibbs - Puchenstuben zur Bereitstellung für den Marsch an die Enns. Für den Fernschreiber war der Krieg und damit der Dienst am Divisionsgefechtsstand, der ihm unzählige schlaflose Nächte bescherte, fast beendet. „Wenn ich einen Angriffsbefehl übermittelte, konnte ich solange nicht einschlafen, bis die Kanonen donnerten. Das war der Beginn eines Angriffes. Für mich war es das Zeichen, dass ich die Meldung korrekt abgesetzt hatte. Erst dann konnte ich ruhig einschlafen.“ Die Anspannung des täglichen Kampfeinsatzes und die unmittelbare Angst vor dem Tod ließen bei den Soldaten nach. Umso größer wurden jedoch die Ungewissheit und das Gefühl der Unsicherheit vor der Zeit nach dem Krieg.

In der Nacht vom 7. auf den 8. Mai bezog das, nördlich der 1. SS-Panzerdivision eingesetzte, Korps Bünau eine Verteidigungslinie zwischen Melk und Mank. Die Enge zwischen dem Donautal und dem Alpenvorland sollte genutzt werden, um den drohenden sowjetischen Angriff, der bald folgen müsste, entgegenzutreten. In den Morgenstunden erhielt nun auch das Korps Bünau den Befehl, den Weg in die amerikanische Gefangenschaft anzutreten. Da dieser Verband schon in Bewegung war, musste nur noch der Marschweg und das Marschziel verändert werden. Dieser Teil der 6. SS-Panzerarmee konnte den Weg entlang der Bundesstraße 1 Richtung Westen in die amerikanische Kriegsgefangenschaft relativ einfach antreten.

Sowjetische Truppen am 8. Mai 1945 in Melk. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Sowjetische Truppen am 8. Mai 1945 in Melk. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)

Sowjetische Einheiten stießen den deutschen Truppen nach. Den Vorstoß der Roten Armee zu verzögern, war die wichtigste Aufgabe für die Nachhuten der zurückströmenden Teile der Wehrmacht. Nur so konnte das Absetzen in die US-Zone gelingen. Um das zu erreichen, sprengten die zurückweichenden Soldaten mehrere Brücken entlang ihres Weges. Bei Melk wurde nicht nur die Brücke, sondern auch das Fährschiff über die Donau vernichtet. Weiter westlich kam es sowohl in Kemmelbach als auch in Neumarkt/Ybbs zu Kämpfen, wobei auf beiden Seiten auch Panzer eingesetzt wurden. Immer dann, wenn die Spitzen der Roten Armee den zurückweichenden deutschen Soldaten zu nahe gekommen waren, wurden sie angeschossen und ihr Vormarsch verzögert.

Der Rückzug der deutschen Truppen bzw. der Vorstoß der Roten Armee verlief nicht immer entlang der Bundesstraße oder einer ihrer Parallelverbindungen. Wenn die Sowjets auf deutschen Widerstand stießen, wichen sie Richtung Norden oder Süden aus. Dann konnte es vorkommen, dass Nachzügler, versprengte oder „vergessene“ Teile der deutschen Armee hinter die sowjetische Linie gerieten. „Plötzlich bremst der Fahrer scharf und hält. (…) Er blickt starr geradeaus, um schließlich nach vorne zu zeigen. Als ich ebenfalls nach vorne blicke, will mir das Herz still stehen!“ Ein Teil einer Panzerjägerabteilung der 12. SS-Panzerdivision war östlich von Blindenmarkt auf sowjetische T-34-Panzer aufgelaufen. „Zwei Panzer schwenken den Turm in unsere Richtung, und ich sehe in das schwarze Loch ihrer Kanonenmündung“. Die sowjetische Einheit war aus Scheibbs angerückt, da es dem dortigen Rückzugsgefecht vermutlich Richtung Norden ausgewichen war. Solche Szenen waren jedoch die Ausnahme. Im Großen und Ganzen vollzog sich der Rückzug hinter die amerikanische Linie geordnet und geschlossen.

Das letzte Gefecht entlang der Bundesstraße 1 am 8. Mai 1945 fand in St. Georgen/Ybbsfeld, einige Kilometer östlich von Amstetten statt. Dort hielten die deutschen Nachhuten noch einmal sowjetische Panzer auf. Um die Verteidigung zu brechen, setzte die Rote Armee Tiefflieger ein, wobei mehrere Gebäude in dem Dorf teilweise schwer beschädigt wurden. In Amstetten trafen die Sowjets nicht mehr auf Widerstand. Kurz davor wurde die Stadt jedoch noch ein letztes Mal bombardiert. Dabei griffen sowjetische Jagdbomber den Hauptplatz an, auf dem sich neben deutschen Truppen auch eine amerikanische Vorhut befand.

Weiter südlich begannen die vorgeschobenen Teile der 1. SS-Panzerdivision ihren Rückzug im Alpenvorland südlich von Lilienfeld. Auch hier stießen die sowjetischen Verbände den deutschen Truppen nach, wobei sie sowohl Artillerie, als auch Jagdflieger einsetzten. Noch am letzten Tag des Krieges gab es zahlreiche Tote und Verwundete unter der Zivilbevölkerung in der Region. Die Soldaten der Waffen-SS sprengten mehrere Brücken, konnten damit das Vorgehen der Roten Armee jedoch nur geringfügig verzögern. Das reichte aber aus, um mit geringen eigenen Verlusten zurückzuweichen. Die Masse der 1. SS-Panzerdivision befand sich am Morgen des 8. Mai bereits im Verfügungsraum Scheibbs - Puchenstuben. Dort erhielten ihre Verbände und Einheiten den letzten Marschbefehl: Alle Kräfte im Verfügungsraum hatten unverzüglich antretend in den Raum westlich von Steyr zu verlegen. Nach fünf Jahren und acht Monaten im Krieg traten die Soldaten der Division ihren Weg in die Gefangenschaft an.

Deutsche Soldaten errichten eine Straßensperre. (Foto: HGM)
Deutsche Soldaten errichten eine Straßensperre. (Foto: HGM)
Deutsche Einheiten auf dem Rückzug. (Foto: HGM)
Deutsche Einheiten auf dem Rückzug. (Foto: HGM)
Panzer IV der Waffen-SS im Frühjahr 1945. (Foto: HGM)
Panzer IV der Waffen-SS im Frühjahr 1945. (Foto: HGM)

Vorstoß entlang der Donau

Auf der Bundesstraße entlang des nördlichen Donauufers stießen amerikanische Spitzen Richtung Osten vor. Bei ihrem Vormarsch am 8. Mai 1945 hatten sie bei Emmersdorf bereits deutsche Soldaten vom Korps Bünau am südlichen Ufer der Donau mit Granatwerfern bekämpft. In Aggsbach Markt gerieten die US-Soldaten am Vormittag sogar irrtümlich in ein Feuergefecht mit den bereits vor Ort befindlichen Sowjets. Daraufhin zogen sie sich wieder Richtung Westen zurück. Es war die erste Begegnung von amerikanischen und sowjetischen Soldaten während des Zweiten Weltkrieges in Österreich.

Deutsche Soldaten sprengten bei ihrem Rückzug beide Kremser Donaubrücken und die Donaufähren von Spitz und Weißenkirchen. Damit wollte man vor allem Zeit gewinnen und den sowjetischen Vormarsch verzögern, um sich absetzen zu können. Die Rote Armee ließ sich davon nicht aufhalten und stieß entlang der Donau weiter vor. In Aggsbach Dorf kam es zu einem Gefecht zwischen den Sowjets und den noch vor Ort befindlichen deutschen Einheiten. Einige Soldaten starben bei dem Feuergefecht, andere versuchten sich über die Donau zu retten. In Melk trafen die entlang der Donau operierenden sowjetischen Kräfte mit jenen Teilen zusammen, die entlang der Bundesstraße 1 vorstießen.

Marsch nach Weyer

Ein Teil der vorrückenden Roten Armee marschierte südlich der Bundesstraße 1 in Richtung Scheibbs. Dabei kam es bei St. Georgen/Leys zu einem Gefecht mit einer Nachhut der 1. SS-Panzerdivision. Kurz darauf kamen die sowjetischen Angriffsspitzen in Scheibbs dem Absetzweg der Leibstandarte gefährlich nahe. Um das Absetzen dieser Division zu ermöglichen, wurden die Spitzen der Roten Armee angeschossen. Das Gefecht, das sich daraus entwickelte und bei dem auch Panzer eingesetzt wurden, dauerte etwa vier Stunden. Nachdem alle Soldaten der Waffen-SS Scheibbs passiert hatten, wurde das Gefecht abgebrochen. Die Kolonne der deutschen Soldaten marschierte weiter entlang der Strecke Gresten - Ybbsitz - Waidhofen/Ybbs. Sie waren nicht die Einzigen, die an diesem Tag auf den Straßen waren. „Während des Rückzuges waren viele Zivilisten mit auf der Flucht. Sie störten oft, doch halfen wir, wo wir konnten. Sie hinderten sehr, doch wir wussten, was ihnen blühen würde. Das hatten wir in Ungarn erlebt“, schildert ein Soldat die Situation der Flüchtlinge.

Flüchtlinge campieren bei Kriegsende mit ihren Rindern bei Waidhofen/Ybbs. (Foto: Stadtarchiv Waidhofen/Ybbs)
Flüchtlinge campieren bei Kriegsende mit ihren Rindern bei Waidhofen/Ybbs. (Foto: Stadtarchiv Waidhofen/Ybbs)

Als die Soldaten des Divisionsgefechtsstandes, denen Konrad Radner angehörte, am 8. Mai Waidhofen/Ybbs erreichten, ging er zu seinem Vorgesetzten. „Ich habe meinem Kompaniechef gesagt, dass ich nach Hause gehe. Mein Heimatort Zeillern ist nur etwa 20 Kilometer von Waidhofen entfernt. Er sagte zu mir: Ist in Ordnung. Wenn wir mit dem Amerikaner gemeinsam den Russen angreifen, holen wir dich ab. Wir wissen ja wo du wohnst.“

In Waidhofen/Ybbs trafen mehrere Wege von der Front zusammen. Neben der Hauptroute über Gresten strömten auch über die Straße von St. Leonhard Truppen herein, die über Wieselburg und Steinakirchen dorthin gelangten. Auch sie waren auf ihrem Weg in die Stadt in Rückzugskämpfe verwickelt gewesen, um die Sowjets auf Distanz zu halten. In Steinakirchen fielen dabei noch einige Soldaten bei einem Feuergefecht. In Waidhofen/Ybbs trafen die Wege jedoch nicht nur zusammen. Der Marschweg der 1. SS-Panzerdivision teilte sich hier. Ein Teil setzte den Marsch entlang der Strecke Böhlerwerk - Seitenstetten - St. Peter/Au fort, um im Raum Steyr die amerikanische Zone zu erreichen. Eine andere Route führte über Maria Neustift nach Großraming an die Enns. Die Masse bog jedoch Richtung Süden nach Weyer ab.

Weyer war an diesem Tag das Nadelöhr der zurückweichenden deutschen Truppen und schon von amerikanischen Soldat besetzt, wie ein Soldat berichtet: „Am Ortseingang (…) hatten die Amis einen Vorposten mit einer Kanone aufgestellt. Jedes einzelne Fahrzeug der ewig langen Kolonne musste halten (…).“ Nach dem Ortsausgang von Weyer teilte sich die 1. SS-Panzerdivision noch einmal. Die Masse marschierte entlang des Ennstales nach Norden, um bei Ternberg in die US-Zone zu gelangen. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit auf den völlig überfüllten und verstopften Straßen. Die Angst es gerade nicht mehr über die Demarkationslinie zu schaffen und in sowjetische Gefangenschaft zu geraten, war allgegenwärtig. Viele Soldaten ließen ihre Fahrzeuge stehen und versuchten zu Fuß weiterzukommen. Die Division, die bis dahin einigermaßen geschlossen blieb, drohte nun auseinanderzufallen. Als der 8. Mai zu Ende ging, standen viele deutsche Soldaten noch immer in der Kolonne östlich der Enns.

„Wir erreichten im Laufe des 9. Mai die Enns bei Weyer. Hier stürzten wir unsere restlichen vier Panzer IV in die Enns und marschierten nur noch mit unseren Räderteilen weiter. Da der Iwan [die Rote Armee] bereits auf Steyr vorgerückt sein sollte, drehten wir ostwärts der Enns nach Süden ab, um nach etwa 40 bis 50 km in Altenmarkt in amerikanische Gefangenschaft zu gehen.“ Beschreibt ein Soldat seinen Weg in die US-Zone. Bereits davor hatten deutsche Soldaten diesen Weg eingeschlagen. Was die meisten von ihnen nicht wussten: die US-Armee nahm die Vereinbarung mit den Sowjets, die Demarkationslinie zu schließen nicht überall gleich ernst.

Das letzte Gefecht zwischen Amerikanern und Deutschen

Nicht nur die Sowjets stießen am letzten Kriegstag vor. Auch amerikanische Truppen begannen ihren Vormarsch mit Aufklärungskräften - jedoch in die andere Richtung. Das verlief nicht immer friedlich. In Ennsdorf kam es zu den letzten Gefechten zwischen deutschen und amerikanischen Truppen. Seit dem 6. Mai waren bereits alle Stützpunkte in und um Ennsdorf von der Waffen-SS besetzt. Diese traf Vorbereitungen zur Verteidigung, baute Unterstände aus und brachte Feldgeschütze sowie Fliegerabwehrkanonen-Batterien in Stellung. Diese Stellungen konnten vom Ennser Schloßberg aus eingesehen werden und lagen deshalb am 7. Mai ab 0800 Uhr morgens unter dem Feuer amerikanischer Artillerie.

Ein amerikanischer Panzer fährt an Kolonnen deutscher Kriegsgefangener vorbei. (Foto: U.S. Army/Archiv Mayrhofer)
Ein amerikanischer Panzer fährt an Kolonnen deutscher Kriegsgefangener vorbei. (Foto: U.S. Army/Archiv Mayrhofer)

„Amerikanische Beobachter befinden sich in Flugzeugen über Ennsdorf. Das Gefecht dauert auch tagsüber an und es gibt Granateneinschläge im Ort. Um 1500 Uhr treffen sich SS- und Ami-Offiziere in der Mitte der Ennsbrücke. Die Verhandlungen werden aber nach wenigen Minuten ohne Ergebnis abgebrochen.“ Ab 1900 Uhr wird der Ort bis Mitternacht mit Granatwerfern beschossen. Als das Steilfeuer verstummte, versuchten US-Soldaten über die Ennsbrücke zu stoßen, was ein deutsches Maschinengewehr verhinderte. Die Angreifer gingen daraufhin zurück und setzten erneut Granatwerfer ein, die bis etwa 0200 Uhr feuerten.

„Die deutschen Truppen hatten sich in der Zwischenzeit in die Wälder östlich von Ennsdorf zurückgezogen. Um etwa 0300 Uhr dringen amerikanische Soldaten in den Ort ein. Sie werden dabei von den Soldaten am Waldrand bekämpft.“ Die Verteidiger setzten sich daraufhin ab. Die US-Soldaten blieben bis zum Eintreffen der Roten Armee am 9. Mai im Ort. Erst dann zogen sie sich über die Brücke zurück, die später zu einem Symbol der Besatzungszeit werden sollte.

Konrad Radner trat seinen letzten Marsch im Krieg an. Nur wenige Soldaten aus seiner Division hatten das Glück, in der Nähe der zusammenbrechenden Front zu wohnen. Er nutzte die Chance und versuchte, sich entlang der Ybbs in seinen Heimatort durchzuschlagen. In Sonntagberg tauschte er die Uniform mit einem Knecht, den er zufällig traf, gegen Zivilgewand. Er sah damit aus wie jemand, der gerade von der Feldarbeit zurückkam. Viele Soldaten taten es so wie er. Manche trugen Rechen, Heugabeln oder ähnlichem Geräte, um so unauffällig wie möglich zu wirken. Dieser Trick funktionierte fast immer: Falls die nun ehemaligen Soldaten auf Sowjets trafen, wurden sie von diesen meistens ignoriert.

Eine amerikanische Patrouille bei Waidhofen/Ybbs. (Foto: Stadtarchiv Waidhofen/Ybbs)
Eine amerikanische Patrouille bei Waidhofen/Ybbs. (Foto: Stadtarchiv Waidhofen/Ybbs)

In den Morgenstunden des 8. Mai 1945, nach der Einnahme von Ennsdorf durch die US-Armee, begann sich der Ort mit Flüchtlingen und endlosen Kolonnen der Deutschen Wehrmacht zu füllen. An ihnen vorbei fuhr ein verminderter Aufklärungszug des 261. Regimentes der 65. US-Division die Bundesstraße 1 entlang nach Osten. Der Zug hatte den Auftrag, Kontakt mit der Roten Armee herzustellen. In den Mittagstunden erreichten sie Amstetten, wo sie auf dem Hauptplatz, zwischen den Soldaten der Wehrmacht, auf die Sowjets warteten. Dort wurden sie versehentlich das Ziel eines russischen Angriffes mit Jagdbombern, aufgrund dessen sie ihre Mission abbrachen.

Ihr Auftrag war schon hinfällig geworden. Südlich von Melk war bereits ein Aufklärungsflugzeug mit zwei Offizieren gelandet, die denselben Auftrag hatten: Verbindungsaufnahme mit der sowjetischen 7. Gardeluftlandedivision; jener Division, die entlang der Bundesstraße Richtung Westen vorstieß. Am späten Nachmittag trafen ihre Spitzen in Strengberg mit amerikanischen Vorhuten des 261. Regimentes der 65. Division zusammen.

Am 8. Mai waren mehrere amerikanische Aufklärungselemente im heutigen Bezirk Amstetten unterwegs. Auch in Stadt Haag, Haidershofen, Kürnberg, St. Pantaleon, St. Peter/Au oder Stephanshart trafen US-Soldaten noch vor der Roten Armee ein. Behamberg bei Steyr war in der Früh noch in deutscher Hand und wurde dann von amerikanischen Soldaten besetzt, die zuvor noch in einem Feuergefecht einen deutschen Panzer abgeschossen hatten. Als die US-Soldaten wenig später wieder hinter die Enns zurückgingen, übernahmen deutsche Truppen noch einmal die Kontrolle im Ort. Erst kurz bevor die Rote Armee eintraf, verließen sie Behamberg, um sich den amerikanischen Truppen, gegen die sie noch am Vormittag gekämpft hatten, zu ergeben.

Das letzte Gefecht zwischen Sowjets und Deutschen

„Die Truppenmassen, die unseren Raum durchfluteten, müssen bis um Mitternacht des 8. Mai die Enns passiert haben. Dass sich dieser Rückzug zu einer Flucht auf Leben und Tod verwandelte war verständlich. (...) Viele Soldaten die bisher heil durchgekommen waren, fanden kurz vor dem Ende den Tod“, erinnert sich ein Zeitzeuge. Einen Einblick in die Stimmung am letzten Tag des Krieges gibt die Situation in Göstling, etwa 20 km südöstlich von Waidhofen/Ybbs: „In den letzten Tagen vor dem Zusammenbruch waren die Straßen von zurückflutendem Militär belagert und verstopft. Am 8. Mai war nicht einmal ein Gehen auf der Straße möglich. Erst in der Nacht (…) flaute allmählich der Rückzug der deutschen Truppen ab, und am 9. Mai herrschte eine unheimliche Stille.“

Deutsche Soldaten marschieren bei Böhlerwerk Richtung Westen. (Foto: Stadtarchiv Waidhofen/Ybbs)
Deutsche Soldaten marschieren bei Böhlerwerk Richtung Westen. (Foto: Stadtarchiv Waidhofen/Ybbs)

In den Morgenstunden des 9. Mai war es auch in Waidhofen/Ybbs still geworden. Um 0915 Uhr fuhr der erste sowjetischen Panzer in die Stadt. „Wir sind zu dritt am Straßenrand hinter einer Mauer gelegen. Um etwa 9 Uhr (…) sind die ersten Russen aufgetaucht. Sie sind von der Ybbsitzerstraße (...) gekommen. (…) Dann sind wir heruntergegangen [nach Hause] und haben gesagt: ‚Sie sind da!’ ”. Die Masse der sowjetischen Streitmacht erreicht die Stadt ab etwa 1030 Uhr. Es waren berittene Kräfte, denen gepanzerte Fahrzeuge und Nachschubelemente folgten.

Die Stille in der Stadt währte nicht lange. Bei der Ortsausfahrt Richtung Weyer fielen Schüsse. Dort war die schwere Panzerabteilung 501 der 1. SS-Panzerdivision in Stellung gegangen. Sie hatte den Befehl, den Rückzug der Division gegen die Sowjets zu decken. „Gegen Mittag kamen die letzten Soldaten und Zivilisten (…) und berichteten uns, dass hinter ihnen bereits der Iwan [die Sowjets] mit Panzern und aufgesessener Infanterie Waidhofen erreicht habe.“ Die Soldaten der Abteilung stellten ihre Panzer auf die Straße und die Wiese, sprengten sie und sperrten so die Bewegungslinie nach Weyer.

Als die Sowjetsoldaten die Straßenenge neben der Pfingstmannmauer erreichten, kam es zu dem Gefecht, das etwa zwei Stunden dauerte. Die Nachspitze der deutschen Truppen kämpfte gegen die sowjetische Soldaten, die erst kurz davor in der scheinbar friedlichen Stadt angekommen waren. „Ich war damals ein Kind und bin im Haus gesessen. Ich kann mich daran erinnern, dass an dem Tag geschossen wurde“, erinnert sich ein Zeitzeuge. Was er und die restlichen Bewohner des Hauses neben der Pfingstmannmauer hörten, waren die letzten Schüsse des Zweiten Weltkrieges auf österreichischem Boden. Die Frist für das Überschreiten der Enns war abgelaufen und dennoch kämpften die Soldaten der Waffen-SS, um die Rote Armee auf Distanz zu halten. Ein Gespräch, das zwischen einem Offizier der US-Armee und einem Parlamentär der 1. SS-Panzerdivision, das am 8. Mai hinter der Frontlinie stattfand, erklärt warum.

Die vergessene Brücke

„Ich fragte ihn, mit der Karte in der Hand, wann die Brücken über die Enns gesperrt würden. Der Oberst fuhr mit seinem Zeigefinger über die Karte (…).“ Bei der Brücke nördlich von Ternberg blieb der Finger des Offiziers der US-Armee stehen und er sah den deutschen Offizier starr an. „Ich deutete noch einmal auf die Brücke, um mich zu vergewissern (…), dass es die von Ternberg sei. Er sah mich wieder an. Ich hatte endgültig verstanden.“ Die Brücke bei Ternberg blieb einen Tag länger offen, als es das eigentliche Abkommen vorsah. Sie wurde „vergessen“, damit sich die Soldaten der 1. SS-Panzerdivision auf diesem Weg in die US-Zone absetzen konnten. Diese Information dürfte auch die Marschroute der Division bestimmt haben. Die Brücke in Ternberg war aber nicht die einzige Möglichkeit, um noch nach dem Ablauf der Frist über die Enns zu gelangen. Auch bei Altenmarkt konnte die amerikanische Linie überschritten werden.

Am Morgen des 9. Mai ergaben sich auch die Soldaten der 3. SS-Panzerdivision, die bei Königswiesen und Grein kämpften, den amerikanischen Truppen. Hier nahm es die US-Armee jedoch genauer. Sie nahmen die Soldaten der Waffen-SS zwar gefangen, lieferten sie aber den Sowjets aus. Die Verteidigung in dem Raum nahm nicht nur den Soldaten dieser Division die Chance, in amerikanische Kriegsgefangenschaft zu gelangen. Auch allen anderen, östlich dieser Verteidigungslinie eingesetzten deutschen Truppen war der Weg dorthin versperrt.

Konrad Radner ging einen anderen Weg. Als am 9. Mai in Waidhofen/Ybbs die letzten Schüsse fielen, hatte er bereits die erste Nacht bei seiner Familie verbracht. Er war seit den Abendstunden des Vortages daheim. Nur wenige Kilometer, bevor er zu Hause ankam, traf er auf Soldaten der kurz zuvor eingetroffenen Roten Armee. Sie sahen ihn aus der Ferne und eröffneten das Feuer auf den ehemaligen Soldaten. Ein letztes Mal in diesem Krieg musste er sich vor gegnerischen Geschossen in den Straßengraben werfen und hoffen, zu überleben. Er hatte auch dieses Mal Glück. Die Soldaten der Roten Armee kümmerten sich nicht weiter um ihn und fuhren davon. Nur noch zwei Kilometer trennten ihn von seinem Geburtshaus. Eine halbe Stunde später war der Krieg für ihn vorbei.

Deutsche Kriegsgefangene in Gallneukirchen bei Linz. (Foto: U.S. Army/Archiv Mayrhofer)
Deutsche Kriegsgefangene in Gallneukirchen bei Linz. (Foto: U.S. Army/Archiv Mayrhofer)
Kriegsgefangene der U.S. Army auf ihrem Weg zur Übergabe an die Sowjets. (Foto: U.S. Army/Archiv Mayrhofer)
Kriegsgefangene der U.S. Army auf ihrem Weg zur Übergabe an die Sowjets. (Foto: U.S. Army/Archiv Mayrhofer)

Vogelscheuchen

Die letzte militärische Aktion der Heeresgruppe Ostmark führte den Großverband in die amerikanische Kriegsgefangenschaft. Etwa 600 000 der insgesamt 800 000 Mann dieses Großverbandes kamen in der US-Zone an. Die restlichen 200 000 Soldaten konnten sich auf unterschiedlichste Weise der Gefangenschaft entziehen, nur wenige gelangten in die Hände der Roten Armee.

„Die Soldaten warfen ihre Uniformen weg. Fast jeder hatte Zivilgewand im Gepäck. Wer nichts hatte, zog die Vogelscheuchen aus. Dementsprechend schäbig sahen viele der ehemaligen ‚Elitesoldaten’ dann aus. Auf der einen Seite des Hügels kamen sie als Soldaten an, auf der anderen Seite gingen sie als Zivilisten hinunter.“ Die Bauern, bei denen sich die Soldaten der Waffen-SS ihrer Uniformen und Ausrüstungsgegenstände entledigten, hatten Angst, dass die Rote Armee diese bei ihnen finden würde. „Mein Großvater hat mehrere Schubkarren mit Uniformen und Waffen in einen Teich beim Haus geschüttet.“ Noch Jahre später wurden in verlassenen Hütten im Alpenvorland die Reste von deutschen Uniformen gefunden.

Die Sowjets behaupteten „praktisch keine Gefangenen gemacht zu haben. Sie forderten die Auslieferung aller Angehörigen der Heeresgruppe (…) und behaupteten, dass ihnen dies nach den Übergabebestimmungen zustünde“. Die Amerikaner lehnten das großteils ab. Gemäß dem Übergabeabkommen zwischen den Sowjets und des Westalliierten hätte sich jede Truppe in die Gefangenschaft jenes Gegners begeben müssen, gegen den sie zuletzt gekämpft hat.

Fazit

Das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa zwischen der Enns und St. Pölten zeigt die strategische Bedeutung dieses Raumes. Im Kalten Krieg zwischen den kommunistischen Staaten im Osten und den demokratischen im Westen erlangte er neuerlich eine besondere Rolle. Hier befindet sich die einzige leistungsfähige Ost-West-Verbindung zwischen den Alpen und dem böhmischen Massiv. Es ist kein Zufall, dass die österreichische Raumverteidigungsstrategie die Region um Amstetten als das Entscheidende Gelände beurteilte, um einen möglichen Angriff des Warschauer Paktes abzuwehren. Die Engstelle der einzigen leistungsstarken Verkehrsverbindung zwischen dem böhmischen Massiv und dem Südrand der Alpen hätte dort so lange wie möglich verteidigt werden sollen.

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Offiziersstellvertreter Gerold Keusch ist Redakteur bei TRUPPENDIENST.

Kriegsgerät am Bahnhof von Amstetten. (Foto: Archiv Autor)
Kriegsgerät am Bahnhof von Amstetten. (Foto: Archiv Autor)
 

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Meinungen (2)

  • Reinhold Kalteis-Gamerith // 02.02.2017, 20:13 Uhr Ich kann diesen Artikel bestätigen: von meinem Schwiegervater ist bekannt (er war Stabsfeldwebel), dass er in der Unterwäsche vom Krieg nach Hause gekommen ist.
  • Robert Hein // 24.09.2017, 07:13 Uhr Danke für diesen Beitrag!
    Sehr informativ! Ich stamme aus Steyr und kann mich noch dunkel an Erzählungen meines "Stiefopas" (leider keine Ahnung, in welcher Einheit er war) erinnern, der über die Enns (im Raum Ternberg???) geschwommen ist. Viele seine Kameraden sind bei dem Versuch, schwimmend den Sowjets zu entommen, im eiskalten Wasser der Enns ertrunken.