• Veröffentlichungsdatum: 06.06.2018
  • – Letztes Update: 11.07.2018

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Der Fall Zypern - Teil 1

Alfred C. Lugert

Zypern Strand. (Foto: Dimitris Vetsikas, Montage: Rizzardi)
(Foto: Dimitris Vetsikas, Montage: Rizzardi)

Weihnachten 1963 entluden sich die Spannungen zwischen den beiden zyprischen Volksgruppen in heftigen Straßenkämpfen. Am 26. Dezember stimmte Zypern der Aufstellung einer gemischten Friedenstruppe auf Zypern zu. Um diesen Konflikt verstehen zu können beginnt diese Geschichte 3 000 v. Chr.

Geopolitische Lage und die Besiedelung Zyperns

Die kürzeste Entfernung zwischen der Ostküste Zyperns und der Küste des Nahen Ostens  beträgt etwa 110 km, die kürzeste Entfernung von der Nordküste Zyperns zur gegenüberliegenden Küste von Kleinasien gar nur etwa 70 km. Geologisch liegt die Insel auf der Anatolischen Kontinentalplatte und gehört geografisch zu Asien. Die ältesten erforschten Spuren menschlicher Besiedelung Zyperns deuten auf eine Zuwanderung aus dem benachbarten Nahen Osten. 

Die heutige ein und zwei Euro-Münze Zyperns wurde mit dem „Idol von Pomos“ geprägt. Eine symbolische Frauenfigur aus der Zeit um 3000 v. Chr, mit ausgebreiteten Armen und angewinkelten Beinen, die ein identisches Abbild ihrer selbst („Idol von Pomos“) um den Hals trägt.

Die zypriotische Bevölkerung wurde über Jahrtausende hinweg von Menschen des Nahen Ostens sowie teilweise aus Kleinasien (Anatolien) und Ägypten, geprägt. Die in Zypern gefundenen Reste von zypriotisch-minoischen Schrifttafeln deuten auch auf Einflüsse von der weiter im Westen liegenden minoischen Insel Kreta hin.

1-Euro-Münze mit dem „Idol von Pomos“. (Foto: Archiv Lugert)

Ab ca. 1300 v. Chr. intensivierten sich für Zypern die Handelsbeziehungen und Zuwanderungen sowie die kriegerischen Angriffe. Verschiedene so genannte „Seevölker“ und Gruppen indogermanischer griechisch-mykenischer Herkunft landeten auf Zypern. Ab etwa 850 v. Chr. besiedelten erneut auch indogermanische Hethiter und andere Volksgruppen aus den benachbarten Gebieten Kleinasiens Zypern.

In diese Zeit fällt auch die erneute Zuwanderung semitischer Phönizier. Ihre Ziele waren beliebte Handelsplätze wie Kition, das heutige Larnaca und Dali, südlich von Nikosia, das den Namen vom phönizischen Wort „Idyal“ hat sowie das Gebiet nördlich von Paphos, im Westen der Insel, im Königreich Marion. Der  Name ist abgeleitet vom phönizischen Wort „Aymar“. Einer der phönizischen Priester-Könige, Ithobaal I., regierte neben seinem Stammland im Nahen Osten auch über Teile von Zypern. Die dorthin „exportierten“ Gottheiten der Phönizier waren der Gott Baal und die Göttin Astarte, die von den mehrheitlich mykenisch-griechischen Zyprioten als Aphrodite verehrt wurde. Auf Zypern wirkte sich neben dem Glauben auch die phönizische Verkehrs- und Handelssprache aus, wodurch das in Zypern gesprochene Griechisch stark von der auf dem griechischen Festland gesprochenen Sprache abwich.

Ab 744 v. Chr. landeten assyrische Siedler auf Zypern. Sie kamen ursprünglich aus Mesopotamien, gefolgt von Angriffen der Ägypter und der Invasion durch die Perser um 500 v. Chr., die die weitere Ausbreitung der Phönizier ins Landesinnere nach Tamassos und bis zur Nordküste bei Lapethos förderten.

Um 450 v. Chr. versuchten die ionischen Griechen, die bereits gegen die Perser erfolgreich gewesen waren, das etwa 860 km weit entfernte, persisch beherrschte Zypern zu erobern. Eine Pestepidemie unter den im Westen der Insel gelandeten ionischen Griechen beendete diese Expedition, und Zypern blieb zunächst ein Teil des Persischen Reiches.

Trotz vieler Invasionen und Zuwanderungen war bei den Inselbewohnern im Laufe der Zeit eine meist griechisch definierte Identität entstanden. In großen Teilen der Insel hatte die mykenisch-griechische Besiedelung bewirkt, dass eine frühe arkadisch-zypriotische Sprache verwendet wurde. Diese wurde von der neueren griechischen Verkehrs- und Handelssprache „Koine“ in weiten Teilen abgelöst. Hinzu kam eine Ausbreitung der nordwestsemitischen phönizischen, kanaanitischen Sprache. Die Zustimmung der zypriotischen Könige 332 v. Chr., den Angriff des griechisch-makedonischen Königs, Alexander des Großen, auf das Persische Reich mit 120 Kriegsschiffen zu unterstützen, verstärkte die kulturelle griechisch-hellenische Identität der Inselbewohner.

Die benachbarten Völker und Länder beeinflussten Handel, Sprache und Religion Zyperns bereits seit 1300 v. Chr. (Grafik: Captain Blood, Michael Frey, CC BY-SA 3.0)
Karte von Zypern mit den zwölf Königreichen.( Grafik: RedTD/Rizzardi)

Zypern wird römische Provinz

58 v. Chr. wurde Zypern von den Römern militärisch besetzt, nachdem es ins Reich Alexanders des Großen eingegliedert worden war und danach in das Ptolemäer-Reich des Königs Ptolemaios I., 

aus einer ebenfalls makedonisch-griechischen Familie. Zypern wurde als Teil der in Kleinasien liegenden benachbarten Provinz von Kilikien dem Römischen Reich einverleibt. Die Ptolemäer hatten als Nachfolger Alexanders des Großen ein hellenisch geprägtes Reich im östlichen Mittelmeerraum (inklusive Ägypten, Kyrene, Syrien, Sinai und Zypern) aufgebaut. Ptolemaios, der von 80 bis 58 v. Chr. als König von Zypern herrschte, war ein Onkel von Kleopatra VII. Diese übernahm im Jahre 47 v. Chr. die Herrschaft über Zypern zunächst von Julius Caesar und nach kurzer Unterbrechung im Jahre 40 v. Chr. erneut als Geschenk von ihrem römischen Geliebten, Marcus Antonius, als letzte Königin und letzter weiblicher Pharao.

Marcus Antonius war einer der drei Führenden im „obersten Staatsrat“ des Römischen Reiches, dem „Triumvirat“. Ihm waren die östlichen Provinzen als sein Herrschaftsbereich zugeteilt worden. Ab 27 v. Chr. übernahm eines der Mitglieder im Triumvirat, Gaius Octavius, der spätere Kaiser Augustus, die Alleinherrschaft über das Römische Reich, der zur Administration Zyperns einen Legaten bestimmte. Die Römer schafften die bisherigen zwölf Königreiche ab und teilten die Insel in vier Distrikte: Paphos, Amathous, Lapethos und Salamis mit insgesamt 13 Städten. Es sind keine Kolonien römischer Siedler und auch keine römischen Militärstützpunkte auf Zypern überliefert. Trotz aller Probleme für die Bevölkerung war für Zypern die Zeit der „pax romana“ mit der Eingliederung ins Römische Reich eine Periode des gewaltigen soziokulturellen und wirtschaftlichen Aufschwunges.

Zypern wurde durch die beiden großen Erdbebenkatastrophen (332 und 342 n. Chr.) und von gewaltsamen Aufständen jüdischer Einwanderer gegen die Römer erschüttert. Der Exodus von Juden aus Judäa, ebenso nach Zypern, wurde vor allem durch die Zerstörung des Tempels von Jerusalem ausgelöst. Auf der Insel waren die jüdischen Siedler mit der Kup-ferproduktion und dem Handel sowie mit Weinbau und Weinhandel beschäftigt. Im Jahre 116 revoltierte die jüdische Bevölkerung gegen die römische Herrschaft sowohl in Ägypten und Kyrene als auch im Osten der Insel Zypern, besonders in der Region Salamis, wo es keine römische Militärpräsenz gab. Hier war es der jüdische Anführer der Revolte mit dem angenommenen griechischen Namen Artemion, der mehrere tausend nicht-jüdische Bewohner töten ließ. 

Büste von Kleopatra VII., ab 47 und erneut ab 40 v. Chr. Königin von Zypern. (Foto: CC0)
Teil der Mosaikböden der früheren Basilika von Soli bei Xeros, 400 n. Chr. (Foto: Archiv Lugert)

Schließlich landeten starke römische Truppenverbände der Legio VII Claudia unter dem Kommando des römischen Feldherrn Lusius Quietus (ein nordafrikanischer Berber und römischer Statthalter von Judäa) auf Zypern, besiegten die Aufständischen und verbannten alle Juden von der Insel und untersagten jede Wiederbesiedelung durch sie. Nach der Zweiteilung des Römischen Reiches wurde im Jahre 395 Zypern dem Oströmischen Reich zugesprochen.

Die offizielle Staatssprache im gesamten Oströmischen Reich wurde von Latein auf Griechisch umgestellt, was aber wegen der bisherigen Verwendung des griechischen „Koine“ insgesamt keine große Umstellung bedeutete und den griechischen „Charakter“ nicht nur auf Zypern, sondern im ganzen oströmischen Raum, also auch im Nahen Osten, intensivierte. Hinzu war auf Zypern bereits seit dem Jahr 45 n. Chr. eine sich ausbreitende Christianisierung durch Paulus und Barnabas eingetreten, die eine religiös-kulturelle Verbindung mit der weitgehend hellenisch-griechischen Identität der Menschen bewirkte.

Ausdehnung des oströmischen Reiches. Zypern befindet sich im östlichen Mittelmeer, südlich der Türkei. (Grafik: Dmitry-5-Averin/Wikimedia Commons/CC BY-SA 3.0)

Muslimisch-arabische Invasion

Etwa 240 Jahre nach der byzantinisch-griechischen Herrschaft im Oströmischen Reich begannen die neu aufgestellten islamischen Armeen der Araber, die christlich-oströmischen Truppen im Nahen Osten anzugreifen. Sie wollten die Gebiete von Palästina, Syrien und Ägypten erobern, gefolgt vom Marsch der Araber entlang der nordafrikanischen Küste bis Karthago.

Zypern wurde 650 n. Chr. von den Arabern von Ägypten aus angegriffen. Die Hauptstadt von Salamis, Constantia, wurde belagert, aber durch einen Vertrag mit den örtlichen zypriotisch-byzantinischen Machthabern verschont. Im Zuge der arabischen Expedition im Südosten Zyperns fiel eine Verwandte des Propheten Mohammed (nach anderen Berichten die Ehefrau eines seiner engsten Vertrauten) namens Umm-Haram unglücklich von ihrem Maultier und starb bei diesem Unfall. Sie wurde sofort bestattet und die Grabstätte „Hala Sultan Tekke“ errichtet.

Vier Jahre später, im Jahr 654, vermuteten die Araber einen Vertragsbruch und landeten mit 500 Schiffen auf Zypern. Sie hinterließen nach der Invasion eine Garnison von 12 000 Soldaten, um die Insel unter muslimische Kontrolle zu bringen. Während die Kämpfe zwischen den christlichen Byzantinern und den muslimischen Arabern im Nahen Osten fortdauerten, bahnte sich für die Insel Zypern eine Sonderlösung an. Bereits 688 wurde zwischen dem oströmischen Kaiser Justinian II. und dem Kalifen Abd-al-Malik ein außergewöhnlicher Vertrag geschlossen. Es wurde vereinbart, auf Zypern keine Kampfhandlungen vorzunehmen und die Insel als Kondominium gemeinsam zu verwalten. Die durch den ungefährdeten Handel erzielten hohen Steuereinnahmen wurden paritätisch zwischen den Arabern und den Byzantinern aufgeteilt. 

Dieser Sonderfriede dauerte nicht lange. Tatsächlich war bald ein erneuter Kampf um Zypern die Folge und führte zu einer ständig wiederkehrenden und länger andauernden arabischen Kontrolle der Insel. Die teilweise Isolation von der griechisch sprechenden Welt im Mittelmeerraum und die Arabisierung der Zyprioten führten zu einer weiteren Sonderform der griechisch-zypriotischen Sprache und der spezifischen Identität als „levantinische“ Zyprioten. Erst nach etwa 300 Jahren, ab dem Jahr 958, wurde die Insel wieder zur Gänze von Byzanz aus regiert.

Eine von Richard I. Löwenherz erbeutete Fahne des „Gouverneurs“ von Zypern mit dem Symbol von Byzanz, das viel später von den osmanischen Türken übernommen wurde. (Grafik: CC0)
Das Kreuz der Templer. (Grafik: CC0)
Das Wappen der Lusignans. (Grafik: Odejea, CC-BY-SA 3.0)

Kreuzzüge und wechselnde Inbesitznahme

Während des Ersten Kreuzzuges, der 1096 mit der von Papst Urban II. geworbenen Pilgerarmeen aus Westeuropa begonnen hatte, wurden die Expeditionsteilnehmer beim Weitermarsch im Nahen Osten nur ganz sporadisch von Zypern aus logistisch durch genuesische und byzantinische Schiffe unterstützt. Nachdem die Kreuzfahrertruppen schließlich am 15. Juli 1099 die Stadt Jerusalem nach 462 Jahren muslimischer Herrschaft zurückerobert hatten, kamen Teile des Nahen Ostens  (ab 1191 auch Zypern während des Dritten Kreuzzuges) unter eine „Kreuzfahrer“-Herrschaft.

Die Herrschaft des seit 1184 regierenden byzantinischen „Gouverneurs“ auf Zypern, Isaak Komnenos, der sich wegen seiner Abstammung vom byzantinischen Kaiserhaus selbst sogar „Kaiser von Zypern“ nannte, endete 1191 mit der Inbesitznahme der Insel durch den, auf dem Dritten Kreuzzug befindlichen, englischen König Richard I. Löwenherz.

Löwenherz war genötigt gewesen, seine Verlobte Berengaria von Navarra und seine Schwester Johanna gewaltsam zu befreien, die nach einem Schiffbruch an der Südküste Zyperns gestrandet waren und Isaak Komnenos gemeinsam mit der „Kriegskasse“ in die Hände fielen. 

„Isola Cipro nobilis“, venezianische Karte von Zypern um 1500, aus dem Stadtarchiv Venedigs.
(Foto: Archiv Lugert)

Nach der erfolgten Landung von König Richard I. Löwenherz am 1. Mai 1191 forderte der englische König von Isaak Komnenos die Freilassung aller erbeuteten Gefangenen und den Geldschatz. Komnenos verweigerte die Freilassung und die Zahlung, worauf Richard I. mit seinen Pilgersoldaten zunächst das Gebiet von Limassol und in der Folge ganz Zypern eroberte. Isaak Komnenos flüchtete und wurde am Karpas an der Nordostspitze Zyperns beim Kap Apostolos Andreas festgenommen. Um Isaak aus Zypern zu verbannen, wurde er nach Syrien verschifft und in der Kreuzfahrerfestung, des Johanniterordens, Marqab (Qalaat al-Marqab) zwischen Latakia und Tripoli gelegen, gefangen gehalten.

Isaak Komnenos war mit dem österreichischen Herzog Leopold V. - durch Leopolds Mutter, einer geborenen Theodora Komnena - verwandt. Leopolds Vater, der österreichische Herzog Heinrich „Jasomirgott“, hatte Theodora, eine byzantinische Prinzessin und Nichte des byzantinischen Kaisers Manuel I. aus dem Hause der Komnenen, am Zweiten Kreuzzug kennengelernt und nach seiner Rückkehr 1148 in Regensburg geheiratet.

Die Verwandtschaft zwischen Herzog Leopold V. und dem zypriotischen Herrscher, Isaak Komnenos, war mit ein Grund, weshalb der österreichische Herzog die Gefangennahme von Isaak Komnenos durch den englischen König besonders missbilligte. Das führte neben der beleidigenden Maßnahme des englischen Königs, die Fahne des österreichischen Herzogs bei der Eroberung von Akkon von der Festungsmauer herunterreißen zu lassen, zur späteren Gefangennahme von Richard I. Löwenherz in Erdberg bei Wien auf der Rückreise von seinem Einsatz beim Dritten Kreuzzug.

Die Templer auf Zypern

Am 12. Mai 1191 heiratete Richard I. Löwenherz seine Verlobte Berengaria von Navarra mit einer prächtigen Hochzeitszeremonie in Limassol und ließ sich zum König von Zypern krönen. Vor seiner Weiterreise ins Heilige Land setzte er zwei seiner führenden Truppenkommandanten, Richard de Camville und Robert of Thornham, als Gouverneure von Zypern ein. 

Die Bevölkerung und die Anhänger des früheren Gouverneurs und „Kaisers“ von Zypern bekämpften mehrfach die Kreuzfahrerbesatzung des englischen Königs. Dieser verkaufte die Insel für 100 000 byzantinische Goldbezant mit einer Anzahlung von 40 000 Goldbezant dem Templerorden. Der setzte seinerseits einen seiner Tempelritter, Armand Bouchart, als Statthalter ein - allerdings mit nur weniger als 20 Templern Besatzung. 

Die einheimische Bevölkerung bekämpfte auch diese Templer-Herrschaft. Deshalb wurde Zypern mit Zustimmung des englischen Königs an den von 1186 bis 1192 als König von Jerusalem herrschenden Guy de Lusignan, aus einem südwestfranzösischem Adelsgeschlecht, um 40 000 Goldbezant weiterverkauft. Guy de Lusignan konnte sich diese große Summe von einem reichen bürgerlichen Handelshaus aus Tripolis vorstrecken lassen, worauf der englische König 1192 die offizielle Übergabe der Lordschaft Zypern (und des folgenden Königreiches Zypern) an die Lusignans vornahm.

Unter der Herrschaft der französischen Lusigan-Dynastie kam es zur Unterordnung und Einbindung der orthodoxen oströmisch-byzantinischen Kirche in die lateinisch-katholische Kirche samt Anerkennung des Papstes als Oberhaupt. Zwar wurde der Ritus und sogar der orthodoxe Klerus für die einheimischen Gläubigen nicht verboten, doch wurde die orthodoxe Kirche der katholischen unterstellt, und der griechischen Bevölkerung blieb nur mehr wenig Recht auf freie Religionsausübung. Später wurde aber jedem lateinischen Bischof ein griechischer Koadjutor (Beistand) beigegeben, um einen „Modus Vivendi“ (eine erträgliche Übereinkunft) der beiden christlichen Konfessionen zu erzielen.

Wirtschaftlich gab es für Zypern unter der Herrschaft der Lusignans einen großen Aufschwung. An wasserreichen Orten wie Kouklia und Potamia wurde Zuckerrohr angebaut und an Ort und Stelle Zucker produziert - ein wesentliches Handelsgut. Diese Produktionsstätten waren gleichzeitig königliche Anwesen (Manoir Royal).

Venezianische Kriegsfahne, der Markuslöwe hält ein Schwert statt des Buches. (Grafik: unbekannt, CC0)

Der wichtigste Handelsplatz war zunächst Limassol, später gefolgt von Famagusta. Nach wechselvollen Aktivitäten von Genuesen, Venezianern und des ägyptischen Kalifates zwischen 1373 und 1464 begann mit der Heirat König Jakobs von Zypern mit der Venezianerin Katharina Cornaro 1472 die besondere Einflussnahme der Republik Venedig. Schließlich war - nach dem Tod von König Jakob 1473 - seine Nachfolgerin Katharina Cornaro für einige Jahre Alleinherrscherin, bevor sie 1489 Zypern an Venedig abgeben musste.

300 Jahre Herrschaft der Osmanischen Türken

Im Sommer 1570 hatte das Osmanische Reich unter dem Kommando von Lala Mustafa Pascha mit mehr als 60 000 Soldaten begonnen, Zypern von den Venezianern zu erobern. Wie man annimmt, kamen die Soldaten und später hinzukommende zivile türkische Siedler aus einer gemischten Bevölkerung, die hauptsächlich von vor-türkischen Bewohnern (vor 1071) des byzantinischen und auch des vor-byzantinischen Kleinasiens abstammte. Der Anteil asiatisch-turkmenischer Vorfahren (seldschukische Türken) bei den türkischen Soldaten und zivilen Zuwanderern war scheinbar relativ gering. Soziokulturell waren sie allerdings weitgehend vom osmanisch-türkischen Sultanat und der islamischen Religion geprägt.

Am 3. Juli 1570 landeten türkische Truppen im Raum Larnaca (wegen des Salzsees auch Salines genannt) mit mehr als 350 Schiffen und marschierten nach Nicosia. Es war eine grausame Okkupation. Bei den anfänglichen Kämpfen um die Hauptstadt im September 1570 wurden bereits bis zu 20 000 Inselbewohner getötet. Kyrenia wurde kampflos eingenommen. Nur Famagusta verteidigte sich verzweifelt von September 1570 bis August 1571 mit anfangs etwa 8 500 Mann und 90 Kanonen unter dem Kommando des venezianischen Generalkapitäns und Gouverneurs („governador“) Marco Antonio Bragadin. Schließlich mussten die stark reduzierten noch kampffähigen Venezianer die Festung aufgeben. In den Kämpfen um Famagusta hatten die türkischen Truppen bis zur Eroberung Verluste in der Größenordnung von mehr als 50 000 gefallenen Soldaten. Bei den Übergabeverhandlungen wurde der venezianischen Besatzung zunächst freier Abzug versprochen, was aber nicht eingehalten wurde. Marco Antonio Bragadin wurde mit dem Großteil seiner Verteidiger aufs grausamste umgebracht.

Nach 82-jähriger venezianischer Herrschaft war im Jahr 1571 die gesamte Insel von den osmanischen Türken erobert worden. Lala Mustafa wurde Gouverneur. Der bisherige katholische Einfluss reduzierte sich stark. Nur dem Franziskanerorden wurde gestattet, eine kleine Restgruppe von Katholiken - Lateiner genannt - zu betreuen und zu vertreten. Die oströmisch-byzantinische Kirche und ihr noch vorhandener Klerus wurden erneut eingesetzt. 

Festungskanone in Famagusta/Zypern. (Foto: CC0)

Die Bevölkerungszahl auf Zypern war trotz der Flucht zahlreicher katholischer Zyprioten durch die verbliebenen türkischen Militärs und Zuwanderer aus Kleinasien im Wachsen begriffen. Bei den Zuwanderern handelte es sich sowohl um benötigte Berufsgruppen, die nach den Bestimmungen eines „Ferman“, einem Erlass des Sultans, ausgewählt wurden und um verschiedene Bevölkerungsteile vor allem aus dem südlichen Teil Kleinasiens, darunter oghusische Türken, Christen und Juden. Einige Zyprioten konvertierten zum Islam. Die auf der Insel verbliebene Gruppe der konvertierten meist katholischen Zyprioten führte den christlichen Glauben teilweise im Geheimen weiter. Diese Gruppe wurde als „Linobambaki“ (griechisch: Leinen/Baumwolle) bezeichnet, die äußerlich wie Moslems auftraten. 

Zwischen der christlichen Bevölkerung und den muslimischen Eroberern kam es längerfristig zu vielen interkulturellen Beziehungen und fallweise zu einer weiteren Vermischung, die bis heute eine genetische Ähnlichkeit der griechischen und der türkischen Zyprioten bewirkt.

Die Wiederbelebung der byzantinischen Ostkirche als Führer und Vertreter der orthodoxen christlichen Bevölkerung führte zu einer neu erstarkten griechisch-zypriotischen Identität und zu einer starken Bindung zwischen Volk und Kirche. Nach anfänglicher Akzeptanz der osmanischen Herrschaft, die im Vergleich zu den römisch-katholischen Venezianern in religiösen Belangen toleranter war, entwickelte sich eine immer stärker werdende Distanz bis hin zu offener Ablehnung. 

Das Famagusta-Tor (Channel Squadron Gate) in Nicosia mit dem „Union Jack“, der britischen Fahne (Ausschnitt aus einer Gravur in der Illustrated London News, 1878). (Grafik: CC0)

Aufstände und Konflikte

Nach zahlreichen Aufständen gegen die Obrigkeit wollte die griechisch-zypriotische Bevölkerung ab 1821 im Sinne des Geheimbundes, der „Philiki Eteria“ („Gesellschaft der Freunde“) am Freiheitskampf der Griechen teilhaben. Idealziel war es, ein übergreifend hellenisches Gebiet, das Byzantinische Reich mit Konstantinopel als Hauptstadt, wieder zu errichten. Das führte auf Zypern zu gewaltsamen Reaktionen der Türken, die im Juli 1821 etwa 490 Christen töteten, darunter vier Bischöfe und den Erzbischof Kyprianos. Als Griechenland im Jahre 1829 unabhängig wurde, forderten zahlreiche griechische Zyprioten den Anschluss Zyperns an Griechenland. Die Insel blieb zwar Teil des Osmanischen Reiches, räumte aber zur Beruhigung der Situation der griechisch-zypriotischen Bevölkerung immer mehr Rechte in der Administration ein.

1878 wurde öffentlich bekanntgegeben, dass die Briten und der türkische Sultan einen Geheimvertrag geschlossen hatten, wobei die Briten die Türkei im russisch-türkischen Krieg unterstützen würden und im Gegenzug die Administration Zyperns übernehmen könnten. Die geostrategische Lage der Insel im Zusammenhang mit der Eröffnung des Suez-Kanals hatte für das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Irland große Bedeutung bekommen. Im Juli 1878 erfolgte die offizielle Übernahme durch die Briten mit dem Aufziehen des „Union Jack“ am Paphos-Tor, mit Segnung durch die zypriotisch-orthodoxe Kirche, und an anderen wichtigen Gebäuden, wie am Famagusta-Tor im Osten der Stadt.

Teil 2 der Serie

Oberst dhmfD aD Dr. Alfred C. Lugert ist Sozialwissenschaftler, mehrfacher Gastprofessor für Politikwissenschaft an der Universität von New Orleans, Louisiana, und hat mehrere internationale Einsätze im Dienst des Bundesheeres und der OSZE absolviert.

 

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