• Veröffentlichungsdatum: 18.06.2020
  • – Letztes Update: 29.06.2020

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Das ABC-Abwehrzentrum - Kampf gegen unsichtbare Feinde

Jürgen Schlechter, Erwin Richter

(Foto: ABCAbwZ)
(Foto: ABCAbwZ)

Chemische, biologische, radiologische und nukleare (CBRN-)Bedrohungen

2017: In Syrien werden chemische Kampfstoffe gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt. Auf dem Flughafen in Kuala Lumpur, Malaysia, wird der Halbbruder des nordkoreanischen Diktators mit dem chemischen Kampfstoff VX getötet.

2018: In Salisbury, Großbritannien, wird ein Anschlag mit dem neuen chemischen Kampfstoff „Novitschok“ verübt. In Köln wird ein Terrorlabor ausgehoben, das den biologischen Kampfstoff Rizin herstellte.

2019: Die USA und Russland kündigen den 1988 vereinbarten Vertrag, der landgestützte, nukleare Kurz- und Mittelstreckenraketen verbietet.

2019/20: Ein in China auftretendes Corona-Virus verbreitet sich rasch und erreicht im Februar 2020 Europa und fordert drastische wirtschaftliche und gesellschaftliche Maßnahmen von den einzelnen Staaten, Italien trifft es dabei besonders hart.

Zu den vielfältigen Veränderungen des sicherheitspolitischen Umfeldes zählen auch die Gefahren, die von atomaren, biologischen und chemischen (ABC-)Gefahrstoffen ausgehen. Technologien, die im nuklearen, radiologischen, biologischen und chemischen Anwendungs- und Forschungsbereich entwickelt werden, finden immer mehr Verbreitung, auch unter nichtstaatlichen Organisationen. Dabei ist die Dual-Use-Fähigkeit, die prinzipielle Verwendbarkeit von Gütern und Technologien zu zivilen wie auch militärischen Zwecken, ein für CBRN-Technologien oftmals schwer einzuschätzendes Kriterium. Die Verfügbarkeit von militärisch nutzbaren CBRN-Kampfmitteln, insbesondere in kleinen Mengen für punktuelle Operationen, nimmt ständig zu. Rüstungskontrollregime, die zum Teil noch in der Ära des Kalten Krieges etabliert wurden, verlieren ihre Geltung, in Teilbereichen – vor allem im Bereich der Nuklearwaffen – ist ein neues Wettrüsten im Gange. Auch im Bereich der Trägersysteme finden umfangreiche Modernisierungen und Neuerungen statt. Hyperschallwaffen, unbemannte Luftfahrzeuge (Unmanned Aerial Vehicles – UAV, Drohnen) oder Unterwasserwaffen dienen als mögliche Einsatzmittel für CBRN-Kampfmittel. Dabei lässt sich ein genereller Trend in Richtung weitreichenderer, kaum abwehrbarer, automatisierter, präziserer, wirkungsminimierter und effizienterer ABC-Waffen erkennen.

Nuklearwaffen mit geringer Sprengkraft sind kaum noch von konventionellen Waffensystemen zu unterscheiden, womit auch die Hemmschwelle zu deren Einsatz sinkt und die Wahrscheinlichkeit dafür steigt. Längst vorüber geglaubte Bedrohungsszenarien sind wieder höchst aktuell. Eine beabsichtigte oder unbeabsichtigte Freisetzung von ABC-Gefahrstoffen kann nie gänzlich ausgeschlossen werden. Hinzu kommen natürlich erscheinende CBRN-Gefahren, also das epidemische und pandemische Auftreten von Infektionskrankheiten, wie das aktuelle Beispiel der gegenwärtigen COVID-19-Krise zeigt.

Ausbildung von ABC-Abwehrsoldaten zur Erkundung von chemischen Kampf- und Gefahrenstoffen. (Foto: ABCAbwZ)
Ausbildung von ABC-Abwehrsoldaten zur Erkundung von chemischen Kampf- und Gefahrenstoffen. (Foto: ABCAbwZ)

ABC-Abwehrzentrum in Korneuburg

Mit den ersten Einsätzen von chemischen Kampfstoffen im Ersten Weltkrieg ergab sich die Notwendigkeit des Gasschutzes. 1917 wurde in Österreich die Armeegasschule in Krems an der Donau errichtet und später nach Wien verlegt. In der Zwischenkriegszeit wurde der Bedarf des Schutzes für die Bevölkerung und die Truppen erkannt, was zur Gründung des Luftschutzes und 1936, im Bundesheer der Ersten Republik, der Luftschutzschule führte. Das Bedrohungsbild des Kalten Krieges erforderte einen umfassenden ABC-Schutz. 1959 wurde die Luftschutztruppenschule aufgestellt, die 1983 ihren Namen in ABC-Abwehrschule (ABCAbwS) änderte. 2002 übersiedelte die ABCAbwS nach Korneuburg, wo sie seit 2018 den Namen ABC-Abwehrzentrum (ABCAbwZ) trägt. Dem Kommando Streitkräfte unterstellt, erfüllt das ABCAbwZ seine Aufgaben in Einsatz, Lehre und Weiterentwicklung.

Organisation und Einsatzfähigkeiten der ABC-Abwehr im Österreichischen Bundesheer

Zweck der ABC-Abwehr (ABCAbw) ist es, die militärische Auftragserfüllung unter ABC-Bedingungen sicherzustellen. Neben dem Schutz der Soldaten muss auch der Schutz der betroffenen Zivilbevölkerung sichergestellt werden. Vor allem wenn militärische Handlungen in bewohnten Gebieten stattfinden oder wenn der Schutz der Bevölkerung im Fokus der militärischen Auftragserfüllung steht, kommt dem Schutz der Zivilbevölkerung eine gleichbedeutende Rolle wie der eigentlichen militärischen Auftragserfüllung zu. Die ABC-Abwehr im Österreichischen Bundesheer (ÖBH) besteht aus den Maßnahmen des ABC-Individualschutzes und der ABC-Abwehr aller Truppen, der Tätigkeit der ABC-Abwehrfachdienste und dem Einsatz der ABC-Abwehrtruppe.

Der ABC-Individualschutz ist die Basis für alle weiteren ABC-Abwehrmaßnahmen. Er stellt das Überleben von ABC-Kampfmittel-Einsätzen und/oder Freisetzungen von ABC-Gefahrstoffen zivilen Ursprungs sicher, erhält die Einsatzfähigkeit der Soldaten und ermöglicht diesen, Aufträge über einen begrenzten Zeitraum unter ABC-Bedingungen zu erfüllen. Dazu muss die notwendige Ausbildung der Soldaten und die rasche Verfügbarkeit einer effizienten ABC-Individualschutzausrüstung gewährleistet sein. Diese ist effizient, wenn der Soldat bei größtmöglichem Schutz in seiner Auftragserfüllung möglichst wenig eingeschränkt wird. Zur ABC-Individualschutzausrüstung zählen ein persönliches Atemschutzsystem (z. B. ABC-Schutzmaske), geeignete Mittel zur behelfsmäßigen Dekontamination, entsprechende ABC-Schutzanzüge sowie geeignete Mittel zur Behandlung der Wirkungen von ABC-Kampfmitteln und/oder ABC-Gefahrstoffen zivilen Ursprunges auf den menschlichen Körper.

Die ABC-Abwehr aller Truppen umfasst alle zusätzlichen Maßnahmen im eigenen Verantwortungsbereich basierend auf dem ABC-Individualschutz. Sie reduziert die Auswirkungen von ABC-Kampfmitteln und freigesetzter ABC-Gefahrstoffe zivilen Ursprunges auf Truppen und stellt die Voraussetzung für das Wirksamwerden der ABC-Abwehrtruppe sicher. Zu den Maßnahmen der ABC-Abwehr aller Truppen zählen unter andere.

(Grafik: ABCAbwZ)
(Grafik: ABCAbwZ)
  • der physische ABC-Schutz inklusive des ABC-Kollektivschutzes,
  • die Sicherstellung der rechtzeitigen ABC-Warnung und ABC-Alarmierung der Truppe,
  • Dekontaminationsmaßnahmen mit behelfsmäßigen Mitteln,
  • das Zusammenwirken der eigenen ABC-Abwehrelemente mit der Sanitätsversorgung zur Behandlung und Dekontamination von kontaminierten Patienten,
  • die Erstellung von Meldungen inklusive der ständigen Beobachtung der Wetterlage hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf ABC-Kontaminationen und
  • die Messung der Energiemenge von ionisierenden Strahlen (Dosimetrie) zur Beurteilung der Strahlenbelastung der Truppe.

Die ABC-Abwehrtruppe stellt die Unterstützung aller Kräfte des ÖBH bei der Herabsetzung der Wirkung von ABC-Kampfmitteln bzw. zivilen ABC-Gefahrenquellen sicher. Die wesentlichen Fähigkeiten der ABC-Abwehrtruppe sind die ABC-Aufklärung, die Dekontamination, die Wasseraufbereitung, das Retten und Bergen sowie der Brandschutz. Zu den Kräften der ABC-Abwehrtruppe zählen die vier ABC-Abwehrkompanien der Brigaden der Landstreitkräfte und die ABC-Abwehrkompanie des ABC-Abwehrzentrums, die vier ABC- & Luftfahrzeugrettungszüge der Luftbrigaden, die Katastrophenhilfeeinheit „Austrian Forces Disaster Relief Unit“ (AFDRU) und die Spezialeinsatzelemente des ABC-Abwehrzentrums.

Die ABC-Abwehrfachdienste bilden die Klammer über den Stufenbau der ABC-Abwehr. Ihnen obliegt die Koordinierung des Gesamtsystems ABC-Abwehr. Sie wirken am Führungsverfahren der jeweiligen Führungsebene mit und stehen ihrem Kommandanten beratend zur Seite. Sie sind ab Einheitsebene organisatorisch abgebildet. Neben den klassischen Fähigkeiten der ABC-Abwehrtruppe wurden unter der Mitwirkung des ABC-Abwehrzentrums weitere Fähigkeiten der ABC-Abwehrtruppe und Querschnittsfähigkeiten mit anderen Waffengattungen entwickelt. Dazu zählen unter anderen die spezialisierte ABC-Probenahme, CBRN-EOD (Explosive Ordnance Disposal), Reachback sowie die Patientendekontamination.

Die Rette- und Bergespezialisten der ABC-Abwehr überprüfen die Umgebung auf chemische Kampf- und Gefahrstoffe. (Foto: ABCAbwZ)
Die Rette- und Bergespezialisten der ABC-Abwehr überprüfen die Umgebung auf chemische Kampf- und Gefahrstoffe. (Foto: ABCAbwZ)

CBRN-EOD ist eine Schnittstelle von Fähigkeiten der ABC-Abwehr und der Beseitigung von ABC-Kampfmitteln zur Sicherstellung des Truppenschutzes. Es umfasst alle Maßnahmen vom Aufbau einer geeigneten Infrastruktur, einer interdisziplinären Zusammenarbeit und von der Planung bis zur Entsorgung von ABC-Gefahrenstoffen nach erfolgter Neutralisation. CBRN-EOD steht im engen Zusammenhang mit „Counter Improvised Explosive Device“ (Counter-IED). Darunter sind alle Arten des Kampfes gegen IED-Bedrohungen und alle Maßnahmen zum Schutz der eingesetzten Kräfte, Mittel und Einrichtungen vor IED-Anschlägen zu verstehen. Das Ziel ist die Minimierung der Gefährdung eingesetzter Truppen und der Zivilbevölkerung bei CBRN-EOD-Ereignissen, durch das Beseitigen von Kampfmitteln und Herabsetzen der Gefährdung durch ABC-Gefahrenstoffe bzw. deren Neutralisation.

Die spezielle ABC-Probenahme erlaubt neben der Bestimmung auch Rückschlüsse auf die Konzentration des ABC-Gefahrstoffes. Die ABC-Proben können an militärische Feldlabore oder externe Referenzlabore versandt werden. Die Dokumentation der ABC-Probenahme muss genaue Rückschlüsse auf das Ereignis, den Ort, die Zeit, das Verfahren und die Umstände der ABC-Probenahme zulassen und den speziellen Anforderungen der designierten (zivilen) Labore entsprechen. Die forensische ABC-Probenahme dient dazu, kriminelle und/oder völkerrechtlich relevante Einsätze von ABC-Kampfstoffen oder äquivalente Freisetzungen von ABC-Gefahrstoffen zivilen Ursprunges zu identifizieren und in Folge zu rekonstruieren. Zusätzlich zu den Anforderungen an eine spezielle ABC-Probenahme muss das angewendete Verfahren den Anforderungen gerichtlich verwertbarer Beweisstücke gerecht werden.

Die Fähigkeit der Patientendekontamination stellt die Dekontamination von kontaminierten, verletzten bzw. erkrankten Personen unter gleichzeitiger notfallmedizinischer Behandlung sicher. Ziel der Patientendekontamination ist es, dass der Patient unter Erhaltung seines Gesundheitszustandes möglichst rasch dekontaminiert und einer entsprechenden Sanitätseinrichtung zur weiteren Behandlung übergeben werden kann. Der Behandlung möglicher Kampfstoffverletzungen kommt dabei eine wesentliche Rolle zu. Patientendekontamination ist eine Querschnittsaufgabe der ABC-Abwehrtruppe und der Sanitätstruppe.

Das Reachback am ABC-Abwehrzentrum stellt die möglichst rasche Beratung von Bedarfsträgern des ÖBH und externen Bedarfsträgern in allen Belangen der ABC-Abwehr sicher. Dazu stehen dem ABC-Abwehrzentrum Experten in den jeweiligen Fachbereichen zur Verfügung. Diese verfügen über Kontakte zu nationalen und internationalen Spezialisten und Institutionen, um im Bedarfsfall zusätzliche Expertisen einzuholen. Diese wissenschaftlichen Expertisen dienen vor allem dazu, Kommandanten aller Ebenen über die spezifische ABC-Bedrohung sowie zu treffende Maßnahmen und Auswirkungen auf den Kampfplan zu informieren und zu beraten.

Soldaten des ABC-Abwehrtrupps bei der Gefahrstofferkundung. (Foto: ABCAbwZ)
Soldaten des ABC-Abwehrtrupps bei der Gefahrstofferkundung. (Foto: ABCAbwZ)

Einsätze

Das ABCAbwZ ist der einzige Verband der Waffengattung ABC-Abwehr (Querschnittswaffengattung), über den das ÖBH derzeit verfügt, der komplexe ABC-Abwehreinsatzaufgaben im In- und Ausland bewältigen kann. Es verfügt über eine ausgeprägte Hybridfunktion, begründet in der Lehre, Weiterentwicklung und im Einsatz in der Waffengattung. In der Einsatzaufgabe betrifft dies insbesondere das Sicherstellen der originären ABC-Abwehraufgaben (Kriegsmaterialgesetz) des ÖBH, der ABC-Abwehrmaßnahmen zur Einsatzführung der Teilstreitkräfte zur Kampfunterstützung, Maßnahmen der qualifizierten Katastrophenhilfe im Inland und der Internationalen Humanitären und Katastrophenhilfe.

Mit der Entwicklung zu einer kleinräumigeren, eine Vielzahl von Gefahrstoffen umfassenden und im urbanen Bereich auftretenden ABC-Bedrohung haben sich auch die Anforderungen an die Einsatzführung zur Bewältigung der ABC-Abwehreinsatzaufgaben geändert. Die komplexe Einsatzführung für ABC-Abwehrkräfte hat immer unter Berücksichtigung der gültigen Rechtsvorschriften wie des Kriegsmaterialgesetzes, Strahlenschutzgesetzes, der Trinkwasserverordnung, Umweltschutzbestimmungen, internationaler Abkommen für Chemiewaffen und radioaktives Material (Organisation für das Verbot chemischer Waffen – OPCW, Internationale Atomenergiebehörde – IAEA), des Maß- und Eichgesetzes, der Arbeitnehmerschutzbestimmungen etc. zu erfolgen. Daraus resultiert eine Berücksichtigung in den Vorschriften und eine direkte Auswirkung in der gefechtstechnischen Umsetzung.

ABC-Ereignisse sowie elementare Ereignisse außergewöhnlichen Umfanges (Katastrophen) treten meist ohne Vorwarnung ein, was von den ABC-Abwehrkräften eine Reaktionszeit von wenigen Stunden verlangt. Aus diesem Grund wurde bereits 2014 durch die zuständige Sektion IV im Bundesministerium für Landesverteidigung (BMLV) eine ständige Verfügbarkeit von ABC-Gefahrstoffbereitschaften durch das ABCAbwZ und alle ABC-Abwehrkompanien angeordnet. Zusätzlich ist am ABCAbwZ ein Offizier in Rufbereitschaft, um einerseits eine erste ABC-Fachexpertise und Einschätzung der Gefahrensituation geben zu können und andererseits einen möglichen Einsatz von ABC-Abwehrkräften einzuleiten.

Die Sicherstellung von ABC-Abwehraufgaben bei der Kampfunterstützung der Teilstreitkräfte ist in Relation zum ABC-Individualschutz, zur ABC-Abwehr aller Truppen und zu den ABC-Abwehrfachdiensten zu betrachten. Die ABC-Abwehrkompanien der Brigaden und des ABCAbwZ können ABC-Kernfähigkeiten abdecken. Zwingend erforderliche ABC-Spezialfähigkeiten (Reachback, CBRN-EOD, forensische ABC-Probenahme, mobile ABC-Analyse und Auswertung etc.) können durch das ABCAbwZ anlassbezogen im „Force Providing Prinzip“ bereitgestellt werden.

Das ABCAbwZ ist als aufstellungs- und formierungsverantwortliches Kommando der „Austrian Forces Disaster Relief Unit“ dafür verantwortlich, dem operationellen Träger der Internationalen Humanitären und Katastrophenhilfe mit einer sehr kurzen Reaktionszeit (Marschbereitschaft innerhalb von zehn Stunden nach internationalem „Request“) zur Verfügung zu stehen. Damit wird am ABCAbwZ 24/7 eine Einheit zur Sicherstellung der Aufgaben des ÖBH gemäß Art. 79 des Bundes-Verfassungsgesetzes (B-VG), gem. § 2 Abs. 1 lit. d Wehrgesetz 2001 („die Hilfeleistung im Ausland bei Maßnahmen der Friedenssicherung, der humanitären Hilfe und der Katastrophenhilfe sowie Such- und Rettungsdienste“) bereitgehalten.

Ein Einsatzmittel für chemische Kampfstoffe wird auf Kontamination bzw. Leckagen überprüft. (Foto: ABCAbwZ)
Ein Einsatzmittel für chemische Kampfstoffe wird auf Kontamination bzw. Leckagen überprüft. (Foto: ABCAbwZ)

Lehre

Das ABCAbwZ ist die Basis der Aus-, Fort- und Weiterbildung im Fachbereich der ABC-Abwehr im ÖBH. Zur Umsetzung des Kursangebotes wirken die Lehrabteilung und die Abteilung Weiterentwicklung und höhere Fachausbildung zusammen. Jedes Jahr werden durchschnittlich 70 Ausbildungsgänge mit einer Durchlaufquote von etwa 700 Teilnehmern abgehalten. Es bietet derzeit sechs internationale Lehrgänge in englischer Sprache an, wobei zwei dieser Kurse als zertifizierte Ausbildungsgänge der NATO durchgeführt werden.

Die Zielgruppen für die Ausbildung am ABCAbwZ sind, neben den internationalen Stakeholdern, die ABC-Abwehrtruppe und die ABC-Abwehrfachdienste sowie das Brandschutzpersonal des Aktiv- und Milizkaders des ÖBH. Das Schwergewicht der Ausbildung für die ABC-Abwehrtruppe sind die Laufbahnkurse der Offiziere und Unteroffiziere der Waffengattung. 2017 wurde die Ausbildungssystematik dahingehend optimiert, dass diese Lehrgänge auf die jeweilige Fachrichtung innerhalb der Waffengattung (ABC-Aufklärung, Dekontamination, Wasseraufbereitung, Retten und Bergen, Brandschutz, Luftfahrzeugrettung und ABC-Abwehr) ausgerichtet wurden.

Für die ABC-Abwehrfachdienste wird jährlich die fachspezifische Ausbildung der jeweiligen Führungsebenen angeboten (z. B. Basislehrgang für ABC-Abwehrfachpersonal, ABC-Abwehrseminar für Verbindungsoffiziere, Stabslehrgang für ABC-Abwehrfachpersonal). Im Bereich Brandschutz wird neben diversen Lehrgängen und Seminaren zwei Mal jährlich die jeweilige Einsatzvorbereitung für das Brandschutzpersonal in den Einsatzräumen im Kosovo (KFOR) und im Libanon (UNIFIL) in Zusammenarbeit mit der Flieger- und Fliegerabwehrtruppenschule (FlFlATS) durchgeführt. Bei fachspezifischen Einsätzen, wie der Entsendung von Mobile Training Teams - CBRN-Defence nach Bosnien und Herzegowina (EUFOR- Operation ALTHEA) oder der Entsendung ABC-spezifischer Einsatzelemente ins Ausland, ist das ABCAbwZ die ausbildungsverantwortliche Stelle für die Einsatzvorbereitung.

In Kooperation mit der Schule für ABC-Abwehr und Gesetzliche Schutzaufgaben der Deutschen Bundeswehr in Sonthofen und dem Kompetenzzentrum für ABC-Aufgaben und Kampfmittelbeseitigung und Minenräumung (ABC-KAMIR) der Schweizer Armee in Spiez wird jährlich der „D-A-CH ABC-Abwehr-Führungskräftelehrgang“ für ABC-Abwehroffiziere und -unteroffiziere sowie der „Lehrgang spezielle ABC-Probenahme“ durchgeführt. Ein Kooperationsprogramm zur Sicherstellung eines regelmäßigen Gastlehreraustausches und der Bearbeitung fachspezifischer Themenschwergewichte wurde unter anderem mit dem ABC-Abwehrzentrum der Serbischen Streitkräfte in Kruševac unterzeichnet. Eine enge Zusammenarbeit im Bereich der Lehre besteht mit dem NATO Joint CBRN „Defence Centre of Excellence“ in Vyškov/Tschechien und der NATO-Schule in Oberammergau/Deutschland. Hierbei werden Vortragende des ABCAbwZ zur Unterstützung von NATO-Kursen entsandt, aber auch NATO-Kurse in Österreich abgehalten (z. B. International Radiological Assistance Programme Training for Emergency Response Basic Course – I-RAPTER 2018).

Bei einer Übung wird ein Panzer dekontaminiert. (Foto: ÖBH)
Bei einer Übung wird ein Panzer dekontaminiert. (Foto: ÖBH)

Des Weiteren bietet das ABCAbwZ regelmäßig Seminare für das UN-Fachpersonal, wie das Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (UN-OCHA Course) oder das Field Response Surge Training (UN-FIRST Course), an. Seminare für Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) werden angeboten, internationale Ausbildungsgänge der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) und der Comprehensive Test Ban Treaty Organization (CTBTO) werden unterstützt und das Botschaftspersonal des Bundesministeriums für Europa, Integration und Äußeres (BMEIA) im Fachbereich der ABC-Abwehr ausgebildet.

National arbeitet das ABCAbwZ mit namhaften Universitäten (Universität Wien, Montanuniversität Leoben, Universität für Bodenkultur, Technische Universität etc.) im Fachbereich zusammen. Bei der Brandschutzausbildung wurde im Jahr 2018 eine neue Ausbildungskooperation mit dem Ausbildungszentrum TÜV AUSTRIA Akademie eingegangen. Die gesamte Strahlenschutzausbildung am ABCAbwZ wird in Zusammenarbeit mit dem Partner Seibersdorf Laboratories durchgeführt. Hierbei wurde der neue internationale Lehrgang „Radiological Incident Exploitation Course“ entwickelt und erstmals im Jahr 2019 unter Einbindung des ABCAbwZ durchgeführt. ÖBH-intern erfolgt die Unterstützung bei Lehrgängen und Seminaren aller Schulen und Akademien durch Fachpersonal des ABCAbwZ.

Dem Teilbereich „Lehre“ wird auch die Planung und Durchführung des „Live Agent Trainings“ zugeordnet. Unter Einbindung der gesamten ABC-Abwehr des ÖBH finden jährlich Ausbildungsgänge im Umgang mit scharfen chemischen Kampfstoffen bzw. radiologischen Stoffen auf Übungsplätzen in Tschechien, in der Slowakei und in Serbien unter Verantwortung des ABCAbwZ statt. Hierzu werden die vorgeschriebenen Ausbildungsgänge bzw. Sicherheitsseminare, unter Abstützung auf die Infrastruktur des Amtes für Rüstung und Wehrtechnik und des Forschungszentrums in Seibersdorf, durchgeführt.

Das beschriebene Kursangebot kann aufgrund der Komplexität der Vorhaben nur unter Nutzung des Synergiedreieckes des ABCAbwZ „Lehre – Einsatz – Weiterentwicklung“ umgesetzt werden. Wegen der großen Teilnehmerzahlen der Laufbahnkurse und der derzeitigen Struktur der Ausbildungsinstitutionen des ABCAbwZ ist die Unterstützung der Lehrgänge durch Abstellungen des Kaders der ABC-Abwehrtruppe unerlässlich.

Erkundung eines unterirdischen Raumes unter ABC-Bedrohung durch einen Rette- und Bergesoldaten. (Foto: ABCAbwZ)
Erkundung eines unterirdischen Raumes unter ABC-Bedrohung durch einen Rette- und Bergesoldaten. (Foto: ABCAbwZ)

Weiterentwicklung

Die Abteilung Weiterentwicklung & höhere Fachausbildung ist neben ihrer Ausbildungsaufgabe vor allem für die Grundlagenarbeit und Weiterentwicklung der Waffengattung ABC-Abwehr zuständig. Der Fokus liegt auf der Entwicklung neuer Fähigkeiten bzw. der Weiterentwicklung bestehender Fähigkeiten und der Lösung konkreter Problemstellungen der Truppe. Dabei spielt das Synergiedreieck „Weiterentwicklung – Ausbildung – Einsatz“ eine wesentliche Rolle. Die Abteilung bearbeitet derzeit eine Vielzahl von Projekten bzw. ist daran beteiligt. Konkrete Beispiele wären „Heat Stress“, „CBRN-EOD“ und „IED-Detection“.

Ziel des Projektes „Heat Stress“ ist es, Parameter für die Belastung von Soldaten in ABC-Schutzausrüstung, unter Berücksichtigung der Witterungslage, zur Verfügung zu stellen. Dem jeweiligen Kommandanten sollen diese als Beurteilungsgrundlage für die Einsatzdauer seiner Soldaten im ABC-Schutzanzug dienen. Das Projekt wird in Kooperation mit dem Heeres-Sportzentrum und dem Sanitätszentrum Ost durchgeführt.

Das Projekt „CBRN-EOD“ untersucht die Möglichkeiten der Eindämmung einer „Dirty Bomb“ (radiologischen Waffe) und das jeweilige Ausbreitungsverhalten. Das Projekt „IED-Detection“ ist ein Programm der European Defense Agency, dessen Ziel die Entwicklung von Techniken und Verfahren zum Auffinden von IEDs mit einer chemischen, biologischen oder radiologischen Beiladung ist.

ABC- und Katastrophenhilfeübungsplatz Tritolwerk

Der ABC- & Katastrophenhilfeübungsplatz Tritolwerk (kurz Tritolwerk; siehe dazu TD-Heft 6/2009, Tritolwerk, ein „High Tech Trümmerhaufen“) befindet sich bei Eggendorf (ostnordöstlich von Wiener Neustadt) und wird durch das ABC-Abwehrzentrum verwaltet. Dabei handelt es sich um eine ehemalige Munitionsfabrik aus dem Ersten Weltkrieg, die 1993 zu einem militärischen Übungsplatz umgebaut wurde und mittlerweile aufgrund seiner spezifischen Übungsmöglichkeiten zum „Haus- und Hofübungsplatz“ der ABC-Abwehrtruppe geworden ist. Abgesehen von einer Winterpause von Mitte Dezember bis Mitte Jänner finden auf dem Gelände ganzjährig von militärischer und von ziviler Seite Übungen statt, wobei Unterbringungsmöglichkeiten für bis zu 184 Personen zur Verfügung stehen.

Auf dem Übungsplatz wurden verschiedene Übungsanlagen auf der noch bestehenden Fabriksinfrastruktur bzw. auf deren Fundamenten aufgebaut. Zusätzlich wurden mehrere Elemente speziell für die Bedürfnisse der ABC-Abwehrtruppe integriert. So bietet der Übungsplatz für die ABC-Abwehrtruppe unter anderem die Möglichkeit der Ausbildung in den Bereichen Such- und Rettungsdienst, Bewegen schwerer Lasten, Retten aus Höhen und Tiefen, schwerer Atemschutz, Seilbahnbau, Brandbekämpfung, Dekontamination, Rettungssprengen, Wasseraufbereitung, Abdichten von Leckagen (undichten Stellen), Spürdienst sowie Stützen und Spreizen.

Aber auch für andere Waffengattungen ist der Übungsplatz für das Trainieren von Luftlandungen, Kampf im urbanen Gelände, Häuserkampf oder Kampf unter Tage interessant, da es sich um eine originale, teilweise zerstörte Fabriksinfrastruktur handelt, die in vielen Bereichen einem Kriegsgebiet gleicht.

Ein Spürtrupp dringt in kontaminiertes Gelände vor. (Foto: ÖBH/Amir Beganovic)
Ein Spürtrupp dringt in kontaminiertes Gelände vor. (Foto: ÖBH/Amir Beganovic)

ABC-Abwehr national und international

Der Anteil der ABC-Abwehrtruppe an der Gesamtstärke der Streitkräfte entspricht dem internationalen Trend. Aus den Erfahrungen der Teilnahme an internationalen Übungen ist ersichtlich, dass die ABC-Abwehrtruppe des ÖBH international hohes Ansehen genießt. Vergleicht man die Struktur der ABC-Abwehr des ÖBH mit anderen Staaten, so wird im Gegensatz zu Österreich die ABC-Abwehrtruppe in Verbänden zusammengefasst und erst in Einsätzen den Kampfverbänden anteilsmäßig unterstellt. Vergleiche wären hier vor allem mit Staaten wie Deutschland, Tschechien, der Slowakei oder der Schweiz zu ziehen.

Auf einen Blick

Die Soldaten der ABC-Abwehrtruppe und das ABC-Abwehrzentrum sind ein moderner und aktuell relevanter Fähigkeitsträger der Streitkräfte. Während sich die ABC-Bedrohungen aus den Zeiten des Kalten Krieges von großräumiger Massenvernichtung zu kleinräumigen und hochwirksamen Gefahren besonders im urbanen Bereich verlagerten, wurden die Verfahren in Österreich entsprechend abgestimmt und verbessert. Auf Basis der Einsatzerfahrungen im In- und Ausland wurden hochmoderne, sichere Verfahren zum Schutz der Soldaten und der Bevölkerung entwickelt.

Die Soldaten werden ausgebildet und trainieren mit realen chemischen und radiologischen Gefahrstoffen. Das ABC-Abwehrzentrum mit der gesamten ABC-Abwehr ist der einzige Aufgabenträger der Republik Österreich und deren Streitkräfte zur Bewältigung von CBRN-Gefahren im gesamten Spektrum und damit das beste Einsatzmittel gegen diese Bedrohungen.

OR Oberst Erwin Richter, MA ist Leiter Weiterentwicklung & höhere Fachausbildung an der ABC-Abwehrschule.
Oberst dG Jürgen Schlechter ist Kommandant der ABC-Abwehrkräfte

 

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