• Veröffentlichungsdatum: 18.06.2019
  • – Letztes Update: 29.06.2019

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Bunker gegen Hitler - Teil 5

Gerold Keusch

(Foto: Bundesarchiv, Bild 183-H13396/CC-BY-SA 3.0, RedTD/Michael Barthou; Montage: Keusch)
(Foto: Bundesarchiv, Bild 183-H13396/CC-BY-SA 3.0, RedTD/Michael Barthou; Montage: Keusch)

Nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 stieg in der CSR die Nervosität, da der Griff  nach dem Sudetenland als nächster Schritt Deutschlands beurteilt wurde. Ende März traf Hitler den Führer der Sudetendeutschen Partei, Konrad Henlein. Dieser erhielt die Weisung, eine Krise mit der tschechoslowakischen Regierung heraufzubeschwören. Mit politischen Forderungen, die Prag nicht akzeptieren konnte, sollten Spannungen herbeigeführt werden, die Deutschland einen Angriffsgrund geben würden.

Ein Ausdruck dieser Nervosität war die Mai- oder Wochenendkrise im Jahr 1938. Der tschechoslowakische Geheimdienst erhielt den Hinweis über deutsche Truppenbewegungen, die für einen bevorstehenden Angriff an die Grenze verlegt werden würden. Zwei Tage später wurden etwa 200 000 Mann einberufen, wodurch die tschechoslowakische Armee einen Präsenzstand von 370 000 Soldaten aufwies. Die Informationen, die zu dieser Teilmobilmachung führten, waren falsch. Sie zeigten jedoch, wie schnell, stark und entschlossen die CSR ihr Territorium verteidigen würde. Das machte wiederum Hitler „nervös“, der nach der Maikrise den Entschluss zur raschen Zerschlagung der CSR fasste. 

Der Plan von Hitler und Henlein ging auf und die Krise in den Sudetengebieten spitzte sich schrittweise zu. Anfang September drohte Hitler öffentlich mit dem Einmarsch. Die Reaktion der CSR war die zweite Teilmobilmachung der Streitkräfte im September 1938. 1,2 Millionen Mann wurden einberufen, von denen 1,1 Millionen tatsächlich einrückten, da sich etwa 100 000 Sudetendeutsche der Einberufung entzogen. Nun war das gesamte Feldheer mit etwa 200 Soldaten/Kilometer eingesetzt, das sich im gesamten Grenzabschnitt  zur Verteidigung einrichtete.

Ein leichter MG-Bunkers vom Modell 37 im Oktober 1938. (Foto: unbekannt/gemeinfrei)
Ein leichter MG-Bunkers vom Modell 37 im Oktober 1938. (Foto: unbekannt/gemeinfrei)
Der Ausbauzustand der Feldbefestigungen im Oktober 1938. (Foto: unbekannt/gemeinfrei)
Der Ausbauzustand der Feldbefestigungen im Oktober 1938. (Foto: unbekannt/gemeinfrei)

Ausbaustand der Landesbefestigung im September 1938

Bis zur Annexion der Sudetengebiete an das Deutsche Reich waren in der CSR etwa 10.000 Kleinbunker sowie 256 schwere Anlagen, vor allem an der Nordgrenze (250 Stück), erbaut worden. Neben den Anlagen an der Staatsgrenze waren auch die Verteidigungslinien im Hinterland (z. B. bei Prag) bereits teilweise errichtet. Zusätzlich waren Sperren in Form von Panzergräben, Panzersperren etc. angelegt, die Masse der Grenzzonen befestigt und die Armee de facto abwehrbereit. Für eine erfolgreiche Einsatzführung im Sinne des ursprünglichen Planes wäre jedoch eine lückenlose Befestigung notwendig gewesen, wofür die Zeit nicht ausreichte.

In Südmähren gab es etwa 1.500 leichte und sechs schwere Bunker (fünf davon waren ausgerüstet), wobei in der ersten Linie etwa 1.000 Objekte standen. Von diesen waren bis Ende 1937 etwa 600 Anlagen fertiggestellt worden, 200 Bunker folgten bis zum Anschluss Österreichs, 200 weitere Objekte - unter ihnen die schweren Anlagen - wurden nach dem Anschluss Österreichs erbaut. Von diesen konnten nicht alle fertiggestellt und ausgerüstet werden, auch weil die Rüstungsindustrie die benötigten Güter (Waffen, Munition, Ausrüstung etc.) nicht mehr produzieren konnte, obwohl sie an der Kapazitätsgrenze arbeitete.

Karte mit dem Einsatz der tschechoslowakischen Armee bei Slavonice im September 1938. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Karte mit dem Einsatz der tschechoslowakischen Armee bei Slavonice im September 1938. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)

Einsatz der Kräfte in Südmähren 

Nach der Mobilmachung der CSR-Streitkräfte am 23. September 1938 standen insgesamt 40 Divisionen im Feld. Der Einsatz entlang der Staatsgrenze der Tschechoslowakei zum Großdeutschen Reich folgte grundsätzlich nach dem gleichen Schema. Als Beispiel wird der Einsatz der Kräfte in Südmähren im Abschnitt Slavonice-Iglau und die geplante Kampfführung im Bereich der ortsfesten Anlagen in Slavonice beschrieben.

Abschnitt Slavonice-Iglau

Die Ortschaft Slavonice befindet sich an der böhmisch-mährischen Grenze am südlichen Ausläufer des böhmisch-mährischen Höhenzuges inmitten eines freien Geländestreifens (Panzergelände), der westlich und östlich mit Waldgebieten (Infanteriegelände) begrenzt ist. Dieser Korridor ist etwa vier km breit, zieht sich bis zur Stadt Iglau etwa 50 km nördlich von Slavonice und ermöglicht das rasche Durchstoßen mechanisierter Kräfte bis dorthin. Mit der Inbesitznahme von Iglau kann die Bewegungslinie Prag - Brünn gesperrt werden und die Voraussetzung für einen Vorstoß Richtung Nord bzw. Nordost für die nächste Angriffsstaffel geschaffen werden. Diese könnte sich in weiterer Folge mit den Angriffskräften, die von Norden aus dem Bereich Breslau nach Süden stoßen, vereinen und Mähren an einer seiner engsten Stellen (etwa 140 km) teilen.

Auf der freien Fläche rund um Slavonice befand sich etwa eineinhalb Kilometer nördlich der Staatsgrenze die erste Befestigungslinie mit MG-Bunkern in drei Reihen. In den Waldstücken östlich und westlich befinden sich einreihige Waldstellungen. Ende September 1938 hatten die mobilgemachten Kräfte ihre Bunker und sonstigen Stellungen bezogen, die Panzer- und Infanteriesperren errichtet bzw. verstärkt und zusätzliche Kampf- und Verbindungsgräben ausgehoben. Der Feuerstellungsraum der Artillerie, mit Geschützen der Kaliber 7,5 bis 15 cm, befand sich im Raum Pec etwa 7 km nördlich von Slavonice. In der Ortschaft Dacice, etwa 10 km nordöstlich von Slavonice waren Infanteriekräfte eingesetzt, um als bewegliche Komponente der Verteidigung bzw. Reserve einen Durchstoß zu verhindern. Südlich von Telc befand sich die zweite Verteidigungslinie, die jedoch nur entlang der Stoßrichtung mit MG-Bunkern ausgebaut war und in ihrem damaligen Ausbauzustand kein ernstzunehmendes Hindernis war.

Ein leichter Bunker vom Modell 37 im Jahr 1938. (Foto: unbekannt/Militärhistorisches Museum Prag)
Ein leichter Bunker vom Modell 37 im Jahr 1938. (Foto: unbekannt/Militärhistorisches Museum Prag)
Ein Bunker des tschechoslowakischen Walls im Jahr 2018. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Ein Bunker des tschechoslowakischen Walls im Jahr 2018. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)

Geplante Einsatzführung im Raum Slavonice

Der Raum von der ersten Verteidigungslinie bis zur Staatsgrenze war mit vorgeschobenen Einheiten der Grenzregimenter besetzt. Diese waren dafür zuständig die Armeeführung vor dem eigentlichen Angriff mit Informationen bzw. Aufklärungsergebnissen zu versorgen und sollten dem Angreifer einen ersten Widerstand entgegensetzen. Zusätzlich sollten sie Pioniertätigkeiten ausführen und dabei Brücken sprengen, Eisenbahnstrecken zerstören, das Gelände mit Sperren ungangbar machen, Minen verlegen aber auch Dämme (z. B. über die Thaya, jedoch nicht in Slavonice) sprengen, um Überflutungen herbeizuführen. Beim eigentlichen Angriff sollten sie zunächst den Verzögerungskampf führen und dann die ortsfesten Kräfte in der ersten Verteidigungslinie oder in der Tiefe verstärken.

Der Angreifer sollte bereits ab dem Überschreiten der Staatsgrenze, eineinhalb Kilometer bevor er auf die mit Bunkern verstärkte Verteidigungslinie getroffen wäre, zunächst mit Granatwerfer und sobald er etwa einen Kilometer vor den Stellungen war, mit Maschinengewehren bekämpft werden. Damit wollte man ihm bereits schwere Verluste zufügen, bevor er die erste Bunkerlinie erreicht hätte. In der Zwischenzeit sollten die Verteidiger ihre Werke bezogen haben, um aus diesen den Feuerkampf zu führen, sobald der Feind innerhalb ihres Wirkungsbereiches war. Je nach Ablauf der Gefechte wären die Angreifer liegen geblieben oder nach einem verlustreichen Kampf mit der nächsten Staffel durchgestoßen. Diese sollten auf die nächste Verteidigungslinie auflaufen, in der der Kampf ähnlich ablaufen sollte oder auf dem Weg dorthin in Kämpfe mit den beweglichen Kräften verwickelt werden.

Ein Panzerspähwagen (Sd.Kfz.222) der Deutschen Wehrmacht vor einem MG-Bunker 37 mit Verbindungsgraben im Oktober 1938. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-H13396/CC-BY-SA 3.0)
Ein Panzerspähwagen (Sd.Kfz.222) der Deutschen Wehrmacht vor einem MG-Bunker 37 mit Verbindungsgraben im Oktober 1938. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-H13396/CC-BY-SA 3.0)

Anschluss des Sudetenlandes

Der britische Premierminister Neville Chamberlain trat im September 1938 als Vermittler in der Sudetenkrise auf. Nachdem er die Abtretung des Sudetengebietes an das Deutsche Reich bereits Mitte des Monats grundsätzlich akzeptiert hatte, drohte Hitler mit dem sofortigen Einmarsch. Der Krieg schien unvermeidbar. Als letzten Ausweg sah der britische Premierminister eine Konferenz über die Zukunft  der CSR. Durch Vermittlung des italienischen Diktators Benito Mussolini trafen sich die Staatschefs von Deutschland, Italien, Großbritannien und Frankreich am 29. September in München. Am 30. September waren die Verhandlungen beendet und das Münchener Abkommen unterzeichnet. Am 1. Oktober 1938 begann die Besetzung des Sudetenlandes, die bis zum 10. Oktober abgeschlossen war. Ein Gebiet in der Größe von etwa 28 000 km² mit knapp drei Millionen Sudetendeutschen und etwa 700 000 Tschechen, von denen mehr als die Hälfte die Region verließ, wurde in das Deutsche Reich eingegliedert.

Mit dem Einmarsch in das Sudetenland waren die Landesbefestigungen ein Teil des Dritten Reichs. Das Rückgrat der tschechoslowakischen Verteidigung wurde durch eine politisch-diplomatische Aktion zerschlagen. Die Waffen wurden zwar ausgebaut und in das Landesinnere gebracht worden, um nicht der Wehrmacht in die Hände zu fallen. Die militärstrategischen und operativen Überlegungen waren jedoch obsolet, da sie nicht schnell adaptiert oder neu entwickelt werden konnten und die CSR in absehbarer Zeit nicht mit einer Unterstützung ihrer „Alliierten“ rechnen konnte.

Deutsche Panzer fahren am 15. März 1938 durch Prag. (Foto: unbekannt/gemeinfrei)
Deutsche Panzer fahren am 15. März 1938 durch Prag. (Foto: unbekannt/gemeinfrei)

Zerschlagung der CSR 

Nach dem Anschluss des Sudetenlandes 1938 begannen die deutschen Planungen für die Operation gegen Böhmen und Mähren, die im Frühjahr 1939 ausgeführt werden sollte. Erneut wurden politische Intrigen gesponnen und ein Druckszenario aufgebaut, das zum Ziel hatte, die Tschechoslowakei in einen tschechischen und einen slowakischen Staat zu spalten.

Am 14. März 1939 erklärte die Slowakei ihre Selbstständigkeit und wurde unter dem römisch-katholischen Priester Jozef Tiso zum NS-Satellitenstaat. Am gleichen Tag wurde der tschechoslowakische Staatspräsident Emil Hacha nach Berlin bestellt. Hitler stellte ihn vor die Wahl, Böhmen und Mähren entweder anzugreifen oder "freiwillig" ein Protektorat des Deutschen Reiches zu werden. In den Morgenstunden des 15. März 1939 marschierte die Wehrmacht in Böhmen und Mähren ein. Nun gab es keine Mobilmachung mehr und keinen militärischen Widerstand, obwohl die überwiegende Mehrheit der Bewohner die Besetzung ablehnte. Mit der Zerschlagung der CSR und der Errichtung des Protektorates Böhmen und Mähren war die Appeasement-Politik endgültig gescheitert. Sie musste durch eine andere, nun militärische Antwort auf die Aggressionspolitik Hitlers, ersetzt werden. 

Schritt zum Weltkrieg 

Die Zerschlagung der CSR war ein folgenschwerer - vermutlich unbeabsichtigter - Schachzug: Man hatte den Staat militärisch bedroht und dadurch „gezwungen“ massiv aufzurüsten. Zusätzlich wurde durch den Bau der Landesbefestigung die Qualität der CSR-Armee wegen des massiven Personaleinsatzes für die Baumaßnahmen geschwächt. Ein Vorteil, der jedoch zeitlich begrenzt war und die Wehrmacht zum raschen Handeln zwang. Nachdem mit dem Anschluss des Sudetenlandes die Territorialverteidigung ausgeschaltet und die Armee de facto lahmgelegt worden war, konnten Böhmen und Mähren relativ einfach besetzt werden. Dadurch fielen riesige Mengen von Waffen, Munition und Kampfmittel in die Hände derer, gegen die sie produziert worden waren. Das war wiederum eine wesentliche Voraussetzung, um im September 1939 Polen anzugreifen und den Zweiten Weltkrieg entfesseln zu können. 

Link zu Teil 6

Offiziersstellvertreter Gerold Keusch, BA ist Redakteur beim TRUPPENDIENST.

Die Reaktion der tschechischen Bevölkerung von Prag reichen von Betroffenheit bis zur Trauer. (Foto: unbekannt/gemeinfrei)
Die Reaktion der tschechischen Bevölkerung von Prag reichen von Betroffenheit bis zur Trauer. (Foto: unbekannt/gemeinfrei)
Manche Tschechen ballen die Fäuste als Zeichen ihres Unmut über die deutsche Okkupation. (Foto: unbekannt/gemeinfrei)
Manche Tschechen ballen die Fäuste als Zeichen ihres Unmut über die deutsche Okkupation. (Foto: unbekannt/gemeinfrei)
Der Großteil der deutsche Bevölkerung von Prag bejubelt die deutschen Soldaten bei ihrem Einmarsch. (Foto: unbekannt/gemeinfrei)
Der Großteil der deutsche Bevölkerung von Prag bejubelt die deutschen Soldaten bei ihrem Einmarsch. (Foto: unbekannt/gemeinfrei)
 

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