• Veröffentlichungsdatum: 14.03.2017
  • – Letztes Update: 08.05.2018

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  • 3050 Wörter

Bombenkrieg im Alpenvorland - Teil 2

Gerold Keusch

(Foto: Stadtarchiv Amstetten)
(Foto: Stadtarchiv Amstetten)

Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurden zahlreiche österreichische Städte zum Ziel alliierter Bombenangriffe. Primäre Ziele waren Wien, Linz, Graz und vor allem Wiener Neustadt mit ihren kriegswichtigen Industrieanlangen. Es gab aber auch Angriffe auf kleinere Städte. Amstetten, Waidhofen/Ybbs und St. Valentin im Alpenvorland waren solche.

Anmerkung: Die kursiven Textstellen sind Zitate von Zeitzeugen. Diese entstammen Büchern, Chroniken und Protokollen zum Thema oder wurden in Zeitzeugeninterviews vom Autor erhoben.

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Ein Nachtangriff

In der Nacht vom 21. auf den 22. August 1944 erfolgte der einzige Nachtangriff im heutigen Bezirk Amstetten. 93 Flugzeuge der britischen Royal Air Force warfen dabei eine Last von etwa 200 Tonnen auf das Nibelungenwerk in St. Valentin ab. Die Industrieanlage in St. Valentin, in der offiziell Spielzeug hergestellt wurde, war eines der größten deutschen Panzerwerke im Dritten Reich. 4 350 der insgesamt 8 200 produzierten Standard-Panzer vom Typ Panzer IV wurden dort erzeugt; mehr als bei Krupp in Essen oder bei Henschel in Kassel. Zu Kriegsende arbeiteten über 10 000 Personen aus 14 Nationen, auch Kriegsgefangene, Fremdarbeiter und KZ-Häftlinge in diesem Rüstungsbetrieb.

Die Bomben trafen bei dem Angriff jedoch nur die Felder, Äcker und Wälder in der Umgebung. Die Produktionsanlagen blieben unberührt. Es war das einzige Mal, dass britische Bomber einen Ort in der Region zum Ziel hatten. Den nächsten Angriff auf St. Valentin flog die U.S. Air Force am 16. Oktober 1944. An dem Tag warfen 72 Bomber vom Typ B-24 über 140 Tonnen Bomben auf das Panzerwerk. Im Gegensatz zu den britischen Maschinen trafen sie das Werk und die Bahngeleise.

Amerikanische B-24-Bomber über Wien. (Foto: HGM)
Amerikanische B-24-Bomber über Wien. (Foto: HGM)

Die Fliegerverbände der US-Air Force flogen ihre Missionen am Tag. So wurde gewährleistet, dass sie sowohl die Ziele als auch die Jagdflieger erkennen und bekämpfen konnten. Die Briten, die vor allem in Deutschland operierten, hatten eine andere Strategie: sie flogen ihre Angriffe in der Nacht. Das ist einer der Gründe, warum sich die Berichte über die Bombardements in beiden Ländern deutlich unterscheiden. Die amerikanischen Bomberflotten versuchten vor allem kriegswichtige Anlagen zu bekämpfen. Diese wurden jedoch hartnäckig verteidigt, was die Tagangriffe gefährlich machte.

Um dieser Gefahr zu begegnen, sollten ab dem Jahr 1943 Bomberverbände mit über tausend Maschinen gleichzeitig in der Luft sein. Die Flugzeuge der Alliierten waren fliegende Festungen und auch als solche bezeichnet. Mit ihren sechs überschweren Browning-Maschinengewehren vom Kaliber 12,7 mm setzten sie, im Verbund mit den anderen Maschinen ihrer Kampfeinheit, den angreifenden Jägern eine undurchdringliche Feuerwand entgegen. Darüber hinaus wurden die Bomberflotten bei den Tagangriffen von Jagdflugzeugen begleitet, um sie vor deutschen Jägern zu schützen.

Es war aber auch ein Ziel der alliierten Bombenstrategie, die Moral der Bevölkerung „in einem solchen Maße zu untergraben, das seine Fähigkeit zum Widerstand entscheidend geschwächt wird“. Die Luftangriffe führten tatsächlich zu einem Autoritätsverlust des NS-Staates, da das Regime nicht in der Lage war die Bevölkerung zu schützen. Offensichtlich wurde das ab dem 2. November 1944. Ab diesen Tag nahm die 15th U.S. Air Force von Italien aus ihre Tätigkeit auf. Nun konnte jedes Ziel im Dritten Reich getroffen werden. Der Bombenkrieg brach weniger die Verteidigungsmoral, sondern eher das Gefüge zwischen Partei und Bevölkerung. Dessen war sich auch die Führung bewusst: Bombenopfer erhielten 24 Stunden Schimpffreiheit zugesprochen. Einen Tag lang durften sie über alles und jeden schimpfen; sogar die Gestapo hatte wegzuhören. Nach dem Ablauf der Frist wurde das Schimpfen jedoch wieder zu einem todeswürdigen Verbrechen.

Zerstörte Häuser in Amstetten. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Alltagsszene im Frühjahr 1945. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Nach einem Bombenangriff wird versucht die größten Schäden so bald wie möglich zu beheben. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
(Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Ein Mann steht vor dem Bombenkrater in seinem Garten. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)

455th Bomb Group

Der zweite große Bombenangriff auf Amstetten, am 16. März 1945 gibt einen Einblick in den Ablauf einer alliierten Bombermission. Diese begann mit dem Einsatzbefehl, bei dem den Geschwadern das Primärziel und den Staffeln ihre Zielgruppen zugewiesen wurden. Die Zeiten für die Funküberprüfung oder die Abflugzeiten waren dabei genau so geregelt, wie die Flugordnung der Geschwader innerhalb der Bomberflotte. Am Ende des Befehls standen die Alternativziele aufgelistet.

Für die 455th Bomb Group, aber auch für andere Geschwader der Bomberflotte, war an diesem Tag der Rangierbahnhof von Amstetten als Alternativziel festgelegt. Und dieses Mal wurde es auch angeflogen, da die Wetterverhältnisse eine Bombardierung mancher Hauptziele nicht zuließen. Um etwa 1300 Uhr öffneten die Maschinen der 455th Bomb Group ihre Schächte über der Stadt. 37 Flugzeuge vom Typ B-24 warfen etwa 380 Stück 500-Pfund-Bomben (227 kg) auf die Bahnanlagen im Osten der Stadt.

Amerikanische Flugzeuge werfen Bomben über Österreich ab. (Foto: HGM)
Amerikanische Flugzeuge werfen Bomben über Österreich ab. (Foto: HGM)

In der Auswertung der Mission, von der als Blue Force bezeichneten Kampfeinheit, (die Hälfte des Geschwaders) geht folgendes hervor: Für den Angriff auf den Rangierbahnhof von Amstetten waren drei Zielpunkte definiert. Der erste lag 300 m, der zweite 1 500 m und der dritte 2 000 m vom Bahnhof entfernt. 19 Bomber der Blue Force warfen 180 Stück 500-Pfund-Bomben auf die Bahnanlagen von Amstetten. Die Treffergenauigkeit bei diesem Angriff, bei dem die Flugzeuge in einer Höhe zwischen 7 000 und 7 250 Metern flogen, betrug innerhalb von 1 000 Fuß (300 m) 43 Prozent und innerhalb von 2 000 Fuß (600 m) 81 Prozent. Bei der Auswertung wurden 136 Bomben berücksichtigt, das sind 75 Prozent der abgeworfenen Last. Der Rest wurde nicht entdeckt oder es waren Blindgänger, wie etwa fünf bis zehn Prozent aller abgeworfenen Bomben im Zweiten Weltkrieg.

Die Auswertung der Blue Force zeigt, dass die Wohngebiete der Stadt für sie kein Ziel waren. Es war auch nicht beabsichtigt, das Bahnhofsgebäude selbst zu treffen, sondern den Rangierbahnhof. Die Ablage der Bomben zeigt jedoch, dass es damals unvermeidbar war, ausschließlich militärisch relevante Ziele zu treffen. Ein Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg im verbauten Gebiet war unweigerlich mit zivilen Opfern und Kollateralschäden verbunden. Gegnerische Flugzeuge gab es für die Crews der 455th Bomb Group am 16. März nicht zu sehen. Zu diesem Zeitpunkt des Krieges war kaum noch mit Gegenwehr zu rechnen, weshalb die Crews nur mehr geringe Verluste erlitten.

Bei einer Flugmission wurden mehrere Bombergruppen, die je nach Klarstand, aus etwa 40 Flugzeugen bestanden, zu einem Bomberverband zusammengefasst. Die 455th Bomb Group war ein Teil der Bomberflotte, die an diesem Tag Amstetten angriff. Sie startete ihre Einsätze von ihrem Stützpunkt in San Giovanni (Provinz Foggia in Apulien) in Italien. Während des Zweiten Weltkrieges flog dieses Geschwader 252 Einsätze und warf dabei eine Bombenlast ab, die dem Leergewicht von 765 Stück ihrer B-24 Bomber (13 000 Tonnen) entspricht. Die 455th Bomb Group existiert noch heute. Seit April 2002 ist sie am Bagram Airfield in Afghanistan stationiert. 

Nebelschwaden und Rauchsäulen von Bränden und Explosionen nachdem die Bomben eingeschlagen sind - hier in Wiener Neustadt. (Foto: HGM)
Nebelschwaden und Rauchsäulen von Bränden und Explosionen nachdem die Bomben eingeschlagen sind - hier in Wiener Neustadt. (Foto: HGM)
Eine Stadt während eines Bombenangriffes aus der Sicht eines Flugzeuges - hier Wiener Neustadt. (Foto: HGM)
Eine Stadt während eines Bombenangriffes aus der Sicht eines Flugzeuges - hier Wiener Neustadt. (Foto: HGM)

Fliegerangst

„Seit dem die erste Bombe auf die Stadt fiel war ich ‚bombengestört’. Beim Voralarm konnte mich nichts mehr halten, ich lief zum Stollen.“ Die Stollen in Amstetten haben vielen Menschen das Leben gerettet. Es gab zwei Systeme unter zwei größeren Hügeln der Stadt, die bis zu 11 000 Menschen Schutz boten. Neben den beiden großen Stollenanlagen, gab es noch zwei kleinere, die jedoch nicht fertiggestellt wurden. Diese Einrichtungen wurden von Fremdarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen gebaut. Diese durften sich dort erst in Sicherheit bringen, wenn die Flieger schon fast über der Stadt waren; den KZ-Häftlingen war das Betreten der Stollen jedoch genernell verboten.

„Unvergesslich bleibt die Erinnerung an die Bombenangriffe im Stollen. Man hörte die Detonationen - man spürte das Zittern der Leute - man nahm sich an der Hand - leises Weinen - dann verlosch auch das Licht - beten - Kindergeschrei und das Beben dumpf und unendlich lang.“ Vom Säugling bis zum Greis mussten die Stadtbewohner stundenlang in überfüllten Räumen, in feuchter stickiger Luft und Ungewissheit ausharren. Der längste Aufenthalt dauerte fünfeinhalb Stunden. Das war am 20. März 1945, als der schwerste Bombenangriff auf Amstetten stattfand. Dieser Tag blieb nicht nur jenen Menschen in Erinnerung, die nach dem Verlassen des Stollens in den Rauchwolken, anstatt ihres Heimes nur noch Schutt und Trümmer fanden.

Eingang zu einem Stollen in Amstetten. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Eingang zu einem Stollen in Amstetten. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Das Material aus den Stollen wurde mit Bahnen aus dem Berg gebracht und im Bereich des Ausganges aufgeschüttet. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Das Material aus den Stollen wurde mit Bahnen aus dem Berg gebracht und im Bereich des Ausganges aufgeschüttet. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Der Stollen bei der Stadtpfarrkirche während dem Bau. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Der Stollen bei der Stadtpfarrkirche während dem Bau. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Blick aus dem Stollen bei der Stadtpfarrkirche während dem Bau. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Blick aus dem Stollen bei der Stadtpfarrkirche während dem Bau. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)

Am 20. März 1945 heulten um 1100 Uhr die Sirenen. Bald darauf kreisten bereits die ersten Jagdflieger über der Stadt. Um etwa 1300 Uhr tauchte das erste Bombergeschwader am Himmel auf. Kurz darauf fielen die ersten Bomben. „Die Eisenbahnschienen nahmen die Gestalt von großen Schlangen an, die sich hoch über die Erde winden und seltsame Tänze aufführen. Wagons flogen in die Luft wie Kinderspielzeug.“

13 Bombergeschwader entluden ihre Bombenlast über der Stadt, den Bahnanlagen und den angrenzenden Dörfern. Im Abstand von etwa zehn Minuten folgte Welle auf Welle. Dazwischen griffen Tiefflieger an, die ebenfalls Bomben warfen und ihre Bordkanonen einsetzten. „Ununterbrochen waren die (…) Bomben über das Stadtgebiet niedergerauscht, deutlich hörbar und mit ihrem Schwirren die Luft erfüllend. Die Reihe der Einschläge wollte nicht abreißen, immer und immer wieder grollte und bebte die Erde“. Als die Bomberflotte den Himmel verlassen hatte, war die Gefahr noch immer nicht gebannt, denn „als das Bombardement der Alliierten aufhörte, begannen Jagdflieger mit Tiefflügen über das Gelände [zu fliegen], wobei sie aus den Bordwaffen feuerten. Die Baumwipfel waren wie mit dem Rasiermesser abgeschnitten.“ 

Nach einem Bombenangriff strömen die Bewohner aus den Stollen und sammeln sich in der Stadt. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)

Außergewöhnliche Umstände

Ein Zeitzeuge beschreibt seine Eindrücke wie folgt: „Als wir aus dem Stollen herausgingen, war ganz Amstetten eine Rauchwolke. Unser Haus in der Bahnhofstraße (…) war nur mehr eine Ruine. (…) Im Hemd sind wir am Hauptplatz gestanden.“ Viele die ausgebombt waren gingen zum Hauptplatz. Dort sammelten sich die Ausgebombten und warteten. Sie waren nicht die einzigen die sich dort befanden. „Am 20. März 1945 nach einem Bombenangriff habe ich Amerikaner gesehen, da ein Flugzeug landen musste. Da wurde die Mannschaft am Hauptplatz dem Volk vorgeführt.“ Der Bevölkerung wurde von der NS-Führung, die sich auf dem Platz befand mitgeteilt, dass es die Piloten wären, die in den Mittagsstunden die Stadt angegriffen hätten.

Die Flugzeuge der Crews, die den Stadtbewohnern vorgeführt wurden, waren jedoch nicht kurz davor abgestürzt, sondern bereits einige Tage zuvor in Ungarn. Da einige der alliierten Soldaten sogar ihre Fallschirme bei sich hatten, wurde jedoch dieser Eindruck erweckt. Die Piloten befanden sich bereits seit einigen Tagen in Österreich und wurden schon in Wien der Bevölkerung gezeigt. Diese bekamen dadurch die Möglichkeit, sie zu beschimpfen oder in einer anderen Form zu erniedrigen.

„Anfangs war es (…) ein Ohrfeigen und Anspucken. Als jedoch aus Richtung Osten Wagen mit Leichen vorbeifuhren, wurden die Gefangenen zusammengeschlagen. Diese Fremdarbeiter waren beim Aufräumen des Vorbahnhofes eingesetzt. Sie flohen beim Fliegeralarm in den Wald bei Preinsbach.“ Die hier als Fremdarbeiter bezeichneten Menschen waren KZ-Häftlinge aus Mauthausen. Sie wurden nach dem schweren Bombenangriff vom 16. März nach Amstetten kommandiert, um dort die Gleisanlagen zu reparieren. Das war aufgrund der zahlreichen Blindgänger besonders gefährlich und ein Grund warum diese Häftlinge dort eingesetzt wurden.

Eine Szene aus dem Alltag am Ende des Zweiten Weltkrieges zwischen Bombenruinen. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
(Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Das brennende Amstetten nach einem Bombenangriff, der den Bahnanlagen galt. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Das brennende Amstetten nach einem Bombenangriff, der den Bahnanlagen galt. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Menschen in Amstetten nach dem Bombenangriff vom 16. März 1945. Die Rauchsäule entstand während des Brandes einer Fabrik im Osten der Stadt aufgrund von Bombentreffern. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Menschen in Amstetten nach dem Bombenangriff vom 16. März 1945. Die Rauchsäule entstand während des Brandes einer Fabrik im Osten der Stadt aufgrund von Bombentreffern. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)

Mauthausen und seine Außenlager waren als Konzentrationslager der Kategorie III „Tod durch Arbeit“ eingestuft. Unter ihnen auch Frauen. Diese waren NN-Häftlinge und trugen diese beiden Buchstaben auch auf ihrer Häftlingskleidung. NN stand für „Nacht und Nebel“; sie sollten spurlos (bei Nacht und Nebel) verschwinden. In der Stadt befanden sich bereits davor KZ-Häftlinge, im letzten gegründeten Außenlager von Mauthausen. Da ihre Zahl jedoch zu gering war, um die Bahnanlagen zu reparieren, wurden täglich KZ-Häftlinge von Mauthausen nach Amstetten transportiert, die am Abend wieder zurückgebracht wurden. Diese Frauen gehörten zu ihnen.

Während des Bombenangriffes am 20. März 1945 wurden sie von ihren Aufsehern in einen Wald bei den Gleisanlagen getrieben, um dort den Angriff zu überstehen. „Auf einmal ist ein Teil [der Bomben] bei uns eingeschlagen. Dann hingen die Leute in den Bäumen“. Eine Welle des Bombenangriffes traf ein Waldstück, das etwa 500 m von den Gleisen entfernt ist. Die Ablage der Bomben vom eigentlichen Ziel lässt sich nicht durch eine gewöhnliche Ablage erklären. Sie entstand vermutlich aufgrund der Sichtbeeinträchtigung durch die Rauchschwaden der vorangegangenen Angriffe. Die Amerikaner hatten zwar Radargeräte mit denen sie durch Nebel und Rauch sowie in der Nacht „sehen“ konnten. Diese Instrumente verbesserte die Zielgenauigkeit jedoch nur unwesentlich.

„Viele Häftlinge hatten es nicht geschafft sich in Sicherheit zu bringen. Ihre zerrissenen Körper lagen überall zerstreut. Sie blieben für immer in Amstetten.“ Nach dem Ende des Alarms kamen die Bewohner von Eisenreichdornach aus dem dortigen Stollen und den Kellern. Sie versuchten die verletzten KZ-Häftlinge zu retten und halfen mit, die Leichen zu bergen. Tote Körper und Leichenteile hingen in den Bäumen des Waldes, die teilweise erst umgeschnitten werden mussten um sie zu bergen. 14 Leiterwägen transportierten die Opfer zu verschiedenen Orten in der Stadt. Jene sieben Wägen, die die Toten zum Neuen Friedhof fuhren, mussten am Hauptplatz vorbei. Auf dem waren kurz zuvor die amerikanischen Piloten angekommen, die nun vor den Wägen standen und um ihr Leben bangten. Erst das energische Einschreiten des NS-Ortsgruppenleiters, der dabei von Soldaten der Wehrmacht unterstützt wurde, konnte sie retten. Dieser behauptete, dass er die Piloten benötigen würde, um sie zur Räumung von Blindgängern einzusetzen.

Die zerstörte Herz-Jesu-Kirche von Amstetten. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Die zerstörte Herz-Jesu-Kirche von Amstetten. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Die zerstörte Kirche aus der Nähe. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Die zerstörte Kirche aus der Nähe. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Die Reste der Totenglocke aus dem zerstörten Turm der Herz-Jesu-Kirche wurden Jahre später gefunden und wieder zusammengefügt. Sie befinden sich heute in dem Teil der Kirche, der damals von einer Bombe zerstört wurde. (Foto: Keusch)
Die Reste der Totenglocke aus dem zerstörten Turm der Herz-Jesu-Kirche wurden Jahre später gefunden und wieder zusammengefügt. Sie befinden sich heute in dem Teil der Kirche, der damals von einer Bombe zerstört wurde. (Foto: Keusch)

Nicht alle Amstettner suchten an diesem Tag Schutz in den Stollen. „Ich wollte nicht in die Luftschutzstollen, weil ich darin einmal ein traumatisches Erlebnis hatte. Als eine Bombe detonierte, gab das Erdreich zwischen zwei Stehern im Stollen nach. Ich hatte mehr Angst davor, verschüttet zu werden, als von einer Bombe getötet zu werden, die das Haus trifft. Ab diesem Erlebnis blieb ich daheim im Luftschutzkeller“.

Es gab aber auch Menschen die gar keinen Schutz suchten, sondern auf „höhere Hilfe“ vertrauten. Ein Pater der Herz-Jesu-Kirche, stand an diesem Tag auf einem der beiden Kirchtürme und sah zu, wie die Bomben auf die Stadt fielen. Als die letzten Flieger den Himmel über der Stadt verließen, schlugen die letzten Bomben ein. Eine davon traf auch den Mitteltrakt der Kirche neben den Türmen. Der Pater blieb heil. Die Kirche und mit ihr die Totenglocke waren jedoch zerstört. An dem Tag, als die meisten Menschen in Amstetten starben und man sie am meisten benötigte, war sie verstummt.

Die Bomben, die an diesem Tag auf Amstetten fielen hätten ursprünglich das Nibelungenwerk in St. Valentin und andere Prioritätsziele vernichten sollen. Der Himmel über dem Primärziel war jedoch so stark bewölkt, dass das Sekundärziel Amstetten angeflogen wurde. Drei Tage später, am 23. März 1945, erfolgte schließlich der entscheidende Angriff auf das Nibelungenwerk, der eine weitere Produktion in der Anlage unmöglich machte. 157 amerikanische B-24 Bomber trafen sieben von neun Werkshallen, den Werksbahnhof aber auch das Konzentrationslager.

Die Bomben fielen zwischen Rems und Neu Thurnsdorf und trafen die Stadt sowie die Flakstellungen neben dem Werk. Bei der Auswertung des Angriffes zeichnete ein deutscher Offizier 609 Krater von Sprengbomben auf einer Karte ein. Insgesamt 16 Menschen, darunter zwei Häftlinge des KZ-Außenlagers von Mauthausen, starben bei dem Angriff. Die Leiche eines vermissten Ingenieurs wurde in den Dachstuhl einer Halle geschleudert und erst bei den Aufräumarbeiten im August 1945 gefunden.

Bombenkrieg in St. Valentin

(Stadtarchiv St. Valentin)
(Stadtarchiv St. Valentin)
Der Eingang zum Werksstollen des Nibelungenwerkes in St. Valentin. (Stadtarchiv St. Valentin)
Zum Schutz vor Bombenangriffen wird ein Haus in der Werkssiedlung mit Tarnfarbe gestrichen. (Stadtarchiv St. Valentin)
Ein Haus mit Tarnbemalung. (Stadtarchiv St. Valentin)
Bombenschäden auf dem Gelände des Nibelungenwerkes. (Stadtarchiv St. Valentin)
Knapp 10 Prozent aller abgeworfenen Bomben waren Blindgänger. (Stadtarchiv St. Valentin)
Bombenschäden auf dem Gelände des Nibelungenwerkes. (Stadtarchiv St. Valentin)

Tiefflieger

In den letzten Kriegsmonaten konnte die Bevölkerung aufgrund der häufigen Alarme keiner geordneten Beschäftigung mehr nachgehen. Fast täglich gab es Fliegeralarm, was für die Schüler oft das frühzeitige Unterrichtsende bedeutete. „Ich ersuche (…) alle Klassenleiter, die Schüler (…) zu ermahnen bei Luftwarnung oder Luftalarm nicht in ein Freudengeheul auszubrechen (…)“, lautete die Anweisung eines Schuldirektors aus Waidhofen/Ybbs. Schließlich wurden die Schulen im Frühjahr 1945 geschlossen.

„Eine besondere Art der Warnung erfolgte am 4. Mai 1945 nachmittags - ein sehr langes Auf und Ab - man sagte ‚Panzeralarm’, denn da gab es keine Entwarnung mehr.“ Bevor der letzte Alarm gegeben wurde, gab es insgesamt elf Bombenangriffe auf Amstetten. Es waren aber nicht immer Angriffe von Bomberverbänden. Am 16. April 1945 flog gegen 2100 Uhr ein russischer Jagdbomber über die Stadt, der drei Bomben abwarf. Diese trafen den Haupttrakt des Klosters, die Klosterkirche und den südlichen Trakt der Stadtpfarrkirche.

Das Kloster nach dem Bombenangriff durch einen sowjetischen Tiefflieger. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Das Kloster nach dem Bombenangriff durch einen sowjetischen Tiefflieger. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Die Schäden im Kloster nach dem Einschlag der Bombe. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)
Die Schäden im Kloster nach dem Einschlag der Bombe. (Foto: Stadtarchiv Amstetten)

Die Treffer auf die Einrichtungen der römisch-katholischen Kirche geschahen nicht in der Absicht religiöse Symbole treffen zu wollen. Das ergab die spätere Auswertung des Angriffsberichtes. Unumstritten ist jedoch, dass einzelne Flieger sich auch an Kirchen orientierten, die sich häufig in den Zentren von Städten befanden. Bei dem letzten Angriff, am 8. Mai 1945, der so wie der erste Angriff nicht planmäßig erfolgte, fielen die letzten Bomben des Zweiten Weltkrieges auf österreichischem Boden.

Der letzte schwere Bombenangriff auf Österreich fand am 25. April 1945 statt. Das Ziel waren unter anderem die Industrieanlagen von Linz. Als die Flugzeuge entlang der Donau Richtung Westen weiterflogen, um dort Ziele zu bekämpfen „verlor“ ein Flugzeug eine Bombe über der Ortschaft Kollmitzberg. Eine Zeitzeugin erinnert sich: „Am Schulweg gab es eine liebe, nette Bäuerin. (…) Wir hatten die Bäuerin in unser Herz geschlossen und mussten ihren Tod ansehen. Ein Bombenabwurf am 25. April 1945 traf ihr Haus und sie war tot. Wir waren die ersten, die zum Haus gelaufen sind.“ Niemand, auch nicht die Menschen am Land, waren vor den Angriffen der alliierten Flugzeuge sicher.

Neben den Flächenbombardements hatte die Region im Alpenvorland auch unter den Tieffliegern zu leiden. Ein Zeitzeuge schildert seine Erlebnisse von damals: „Bei einem Angriff war ich auf der Straße. Wir rannten von Hauseingang zu Hauseingang während das Flugzeug über uns flog. Das war nicht gescheit, da der Pilot vor allem bewegliche Ziele leicht erkennen konnte. Stehende Ziele jedoch nur schwer.“ Am 19. Februar 1945 griffen Tiefflieger den Bahnhof von Amstetten an. In knapp zwei Stunden zerschossen sie die etwa 1.000 Wagons, die sich auf dem Rangierbahnhof befanden. Diese Zahl zeigt, wie groß und wichtig diese Anlage damals war. Sie erstreckte sich vom Bahnhof etwa zwei Kilometer Richtung Osten bis nach Hart. Ebenfalls am 19. Februar 1945 kam es zu einem Angriff von US-Tieffliegern auf einen Transportkonvoi der SS mit slowakischen KZ-Häftlingen. Dabei kamen mindestens 20 Personen ums Leben.

Spuren des Bombenkrieges in Amstetten

Häuser, die nach einem Bombentreffer wieder aufgebaut wurden, erkennt man auch an diesem Schild. Es zeigt auch, dass beinahe 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges noch nicht alle Spuren des Bombenkrieges beseitigt waren. (Foto: Keusch)
Häuser, die nach einem Bombentreffer wieder aufgebaut wurden, erkennt man auch an diesem Schild. Es zeigt auch, dass beinahe 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges noch nicht alle Spuren des Bombenkrieges beseitigt waren. (Foto: Keusch)
Der Rest eines gemauerten Stolleneinganges in Amstetten. Dahinter kann man den gesprengten Eingang an dem Graben erkennen. (Foto: Keusch)
Der Rest eines gemauerten Stolleneinganges in Amstetten. Dahinter kann man den gesprengten Eingang an dem Graben erkennen. (Foto: Keusch)
Der Eingang zum Hauptstollen hinter dem Bezirksgericht in Amstetten. (Foto: Keusch)
Der Eingang zum Hauptstollen hinter dem Bezirksgericht in Amstetten. (Foto: Keusch)
Ein Betonsockel zeugt von einem ehemaligen Stolleneingang. Er wurde für die Brücke der Materialbahn verwendet, um das Aushubmaterial auf die andere Seite des Baches zu befördern. (Foto: Keusch)
Ein Betonsockel zeugt von einem ehemaligen Stolleneingang. Er wurde für die Brücke der Materialbahn verwendet, um das Aushubmaterial auf die andere Seite des Baches zu befördern. (Foto: Keusch)
In diesen Gebäuden neben der ehemaligen B1 befand sich der Eingang zu einem Stollen in Amstetten. (Foto: Keusch)
In diesen Gebäuden neben der ehemaligen B1 befand sich der Eingang zu einem Stollen in Amstetten. (Foto: Keusch)
Der Eingang zum Kirchenstollen befand sich dort, wo die Tafel einen Sammelplatz markiert. Die Grube über dem Schild ist auf die Sprengung des Einganges zurückzuführen. (Foto: Keusch)
Der Eingang zum Kirchenstollen befand sich dort, wo die Tafel einen Sammelplatz markiert. Die Grube über dem Schild ist auf die Sprengung des Einganges zurückzuführen. (Foto: Keusch)
Der Graben hinter den Schildern war der Eingang zum Stollen bei der ehemaligen Hauptschule. (Foto: Keusch)
Der Graben hinter den Schildern war der Eingang zum Stollen bei der ehemaligen Hauptschule. (Foto: Keusch)
Dieses Gitter ist ein Relikt des Luftschutzkellers, der sich in der ehemaligen Hauptschule befand und genutzt wurde, solange die Stollen noch nicht fertig waren. (Foto: Keusch)
Dieses Gitter ist ein Relikt des Luftschutzkellers, der sich in der ehemaligen Hauptschule befand und genutzt wurde, solange die Stollen noch nicht fertig waren. (Foto: Keusch)
An dem Platz wo sich heute die Montessori-Schule befindet, stand früher das Haus des Wassermeisters von Amstetten. Es war das erste Haus in der Stadt, das von einer Bombe getroffen wurde und in dem das erste Bombenopfer starb. (Foto: Keusch)
An dem Platz wo sich heute die Montessori-Schule befindet, stand früher das Haus des Wassermeisters von Amstetten. Es war das erste Haus in der Stadt, das von einer Bombe getroffen wurde und in dem das erste Bombenopfer starb. (Foto: Keusch)
Bombenkrater im Wald nördlich des Amstettner Krankenhauses im Jahr 2017 - über 70 Jahre nach dem Ende des Krieges. (Foto: Keusch)
Bombenkrater im Wald nördlich des Amstettner Krankenhauses im Jahr 2017 - über 70 Jahre nach dem Ende des Krieges. (Foto: Keusch)


Die Tiefflieger waren vor allem am Stadtrand und am Land eine große Bedrohung. „Sie tauchten plötzlich auf und flogen ganz tief, so tief wie es eben ging. Sie haben auf alles gefeuert, was sich bewegt hat. Sie haben aber auch stehende Ziele und Häuser angegriffen. Das Haus einer Verwandten wurde von einem Tiefflieger getroffen und brannte total aus.“ Die Tiefflieger wurden in den letzten Kriegsmonaten eingesetzt, um Bodenziele direkt mit Bordkanonen und Bomben zu bekämpfen.

Neben festgelegten Zielen hatten sie den Auftrag auch selbstständig ausgewählte Ziele zu bekämpfen. Da die Truppenbewegungen oder andere lohnende Objekte immer weniger wurden, bekämpften sie schließlich alles was ihnen vor die Rohre kam. In Neumarkt/Ybbs wurde beispielsweise im Februar 1945 ein Personenzug aus der Luft beschossen, wobei 34 Menschen starben. Drei Tage später wurden die Opfer in einem NSDAP-Parteibegräbnis beigesetzt. Eine Stunde nachdem dieses vorbei war kam es zur kirchlichen Einsegnung durch fünf Priester.

Fazit

Mehrere tausend Spreng- und Splitterbomber unterschiedlicher Bauart forderten hunderte Tote und Verwundete in der Region. Sie verursachten Brände und schwere Zerstörungen an den Gebäuden von Amstetten, Waidhofen/Ybbs und St. Valentin, die noch Jahre später das Bild dieser Städte prägten. Die Luftangriffe haben fast ausschließlich dem Verkehrsknotenpunkt Amstetten mit seinem großen Rangierbahnhof und Industrieanlagen bzw. dem Nibelungenwerk gegolten. Sie brachten den Krieg in das Alpenvorland, noch bevor sich im Mai 1945 die Fronten dort auflösten.

Link zur Serie

Offiziersstellvertreter Gerold Keusch ist Redakteur bei TRUPPENDIENST

(Foto: Stadtarchiv Amstetten)
(Foto: Stadtarchiv Amstetten)
 

Ihre Meinung

Meinungen (1)

  • Sebastian // 21.07.2017, 21:04 Uhr Toller Artikel!! Bin fasziniert! Gibt es mehr Stollenfotos von Amstetten?