• Veröffentlichungsdatum: 12.03.2018
  • – Letztes Update: 13.03.2018

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Berater auf Augenhöhe

Rudolf Pfalzer

(Foto: Bundesheer/Rudolf Pfalzer, Ungarische Armee/gemeinfrei; Montage: Keusch)
(Foto: Bundesheer/Rudolf Pfalzer, Ungarische Armee/gemeinfrei; Montage: Keusch)

Vom 13. bis 18. November 2017 fand die internationale Woche des „Command Senior Enlisted Leader - Course“, des Lehrganges für Kommandounteroffiziere der ungarischen Streitkräfte, statt. Mit dabei war auch der Kommandounteroffizier der Heeresunteroffiziersakademie, Vizeleutnant Pfalzer Rudolf.

Der Command Senior Enlisted Leader - Course gilt als höchste Ausbildung in der Karriere eines Unteroffiziers der ungarischen Streitkräfte. Der Kurs wurde im Jahr 2013 etabliert und von der ungarischen Unteroffiziersakademie in Szentendre bei Budapest veranstaltet. Das Ziel des Lehrganges ist die professionelle Bildung und Entwicklung ausgewählter ungarischer Spitzenunteroffiziere, um diese für ihre Aufgaben in Kommanden aller Ebenen zu befähigen.

Entstehung des Kurses

Der Kommandounteroffizier für Entwicklung und höhere Bildung an der ungarischen Unteroffiziersakademie erkannte die Anforderungen der ungarischen Unteroffiziere in der Zukunft. Vor allem die Spitzenunteroffiziere müssen sich stetig der steigenden Verantwortung und Herausforderung moderner Führung anpassen. Ausgangspunkt der aktuellen Entwicklung ist die „NATO NCO Strategy“ aus dem Jahr 2010. Den empfohlenen Richtlinien folgend, wurde diese Ausbildung, in Abstimmung mit den Anforderungen der ungarischen Streitkräfte, initiiert.

Im Jahr 2013 konnte der erste Lehrgang an der ungarischen Unteroffiziersakademie, unterstützt durch die ungarischen Kommandounteroffiziere und die gesamte militärische Führung, veranstaltet werden. Einem jährlichen Rhythmus folgend, wurde bereits der fünfte Lehrgang durchgeführt. Seither wurden 52 Kommandounteroffiziere für die ungarischen Streitkräfte ausgebildet. Am laufenden Lehrgang nehmen zwölf Personen, darunter erstmals eine Frau, teil.

Ausbildungsmodule

Wachablöse vor dem Palast des ungarischen Präsidentenpalast. (Foto: Bundesheer/Rudolf Pfalzer)
Wachablöse vor dem Palast des ungarischen Präsidenten. (Foto: Bundesheer/Rudolf Pfalzer)

Der Lehrgang unterteilt sich in vier Module und eine internationalen Woche, die mit der ungarischen Unteroffiziersgala ihren Abschluss findet: 

  • Das Modul 1 vermittelt Grundlagen der Kommunikation, speziell im militärischen Bereich. Zusätzlich werden Inhalte wie Präsentationstechnik, Rhetorik und Recherche angeboten. Praktische Übungen für vorbereitete und spontane Reden sowie das Festigen des militärischen Schriftverkehrs komplettieren dieses Modul.
  • Das Modul 2 vermittelt höheres militärisches Allgemeinwissen. Die Grundlagen der Militärpsychologie, der Umgang mit Ressourcen und die Festigung der sozialen Kompetenz werden dabei thematisiert. Vermittelt werden aber auch nationale und internationale Sicherheitsaspekte, Informationen über die Organisationen der Dienststellen sowie Militärgeschichte. In diesem Ausbildungsabschnitt lehren hochkarätige Vortragende, und die Lehrgangsteilnehmer erarbeiten Präsentationen oder nehmen an Exkursionen zu verschiedenen Kommanden teil.
  • Das Modul 3 vermittelt den Lehrgangsteilnehmern jene Führungsfähigkeit, die als Kommandounteroffizier in allen Ebenen erforderlich ist. Den Anforderungen an ein modernes Führungsverhalten wird ebenso Rechnung getragen, wie der Umsetzung einer zeitgemäßen Kommandantenrolle.
  • Das Modul 4 vermittelt Basiswissen und Methoden des militärischen Planungswesens, wobei die Grundlagen des Stabsdienstes und die Aufgaben in militärischen Stäben im Mittelpunkt stehen. Hier wird vor allem in Kleingruppen geübt und Erfahrung in Stäben gesammelt.
  • Die internationale Woche hat vor allem den Erfahrungsgewinn im internationalen Umfeld als Ziel. Neben allgemeinen Informationen der Kommandounteroffiziere aus zahlreichen NATO- und PfP-Staaten, finden Präsentationen von NATO-Dienststellen statt. Führende Unteroffiziere aus diesen Bereichen bilden eine Basis für weiterführende Kontakte und den Aufbau eines Informationsnetzes. Ein wesentlicher Zweck der Woche ist, die englische Sprache in Wort und Schrift zu festigen und Hemmschwellen der Konversation zu überwinden.

Den Abschluss der höchsten Ausbildung für ungarische Unteroffiziere bilden eine Prüfung und eine Fachbereichsarbeit, die nach einer thematischer Vorgabe erstellt und präsentiert wird. Die Absolventen dieses Lehrganges zählen in ihren Verantwortungsbereichen als „Primus inter Pares“ (Erster unter Gleichen). Die erworbenen Kompetenzen finden in den ungarischen Streitkräften auch dementsprechende Wertschätzung. Die weitere Entwicklung des Lehrgangs umfasst eine Neubeurteilung bei der Häufigkeit seiner Durchführung und die Einbindung eines Führungsverhaltenskurses. Dieser geplante Kurs in der Dauer von zwei Wochen soll im Rotationsprinzip in den Visegrad-Ländern Tschechien, Polen, Slowakei und Ungarn stattfinden. Auch die internationale Woche wird evaluiert und die Inhalte den aktuellen Umfeldbedingungen angepasst.

Der Palast des ungarischen Präsidenten in Budapest. (Foto: Bundesheer/Rudolf Pfalzer)
Der Palast des ungarischen Präsidenten in Budapest. (Foto: Bundesheer/Rudolf Pfalzer)

Internationale Woche

Die internationale Woche des fünften Kommandounteroffizierskurses war der Höhepunkt dieses Lehrganges, zu dem Spitzenunteroffiziere aus vierzehn Nationen angereist waren. Die Vertreter aus den USA, Deutschland, Tschechien, Polen, der Slowakei, Rumänien und Kroatien nahmen bereits an früheren internationalen Wochen als Gäste teil. Die Unteroffiziere aus Litauen, Estland, den Niederlanden, Bulgarien, der Ukraine, Slowenien und Österreich waren das erste Mal vor Ort.

Hochrangige Teilnehmer

Unter den Teilnehmern waren auch Spitzenunteroffiziere von NATO-Kommanden, allen voran Command Chief Jack Johnson Jr. (USA) vom Allied Command Transformation in Norfolk. Andere honorige Gäste waren Davor Petek (CRO, Allied Command Operation), Jürgen Stark (GER, Allied Joint Force Command Neapel) oder Miroslav Dulaj (SVK, NATO-Schule in Oberammergau in Bayern). Darüber hinaus befanden sich Unteroffiziere vom Büro des US-Verteidigungsattachés, der US-Nationalgarde in Ohio sowie ein Vertreter des Heavy Airlift Wing der Airbase Papá (HUN), unter den internationalen Gästen.

Der Kommandant der ungarischen Unteroffiziersakademie, Brigadegeneral Tibor Bozó, eröffnete die internationale Woche und zählte dabei die Ziele auf: Erfahrungen und Informationen teilen, die gemeinsame Zukunft gestalten und ein freundschaftliches Netzwerk schaffen. Die militärisch Höchstanwesenden waren General Curtis Scaparrotti, Commander des NATO Supreme Allied Command Europe (SACEUR), und der Generalstabschef der ungarischen Streitkräfte, General Tibor Benkö.

Wappen der Ungarischen Streitkräfte. (Grafik: Ungarische Armee/gemeinfrei)
Wappen der Ungarischen Streitkräfte. (Grafik: Ungarische Armee/gemeinfrei)

Vorträge und Referate

General Benkö betonte in seiner Ansprache, dass der Erfolg bei internationalen Missionen nur durch eine gute Ausbildung junger Unteroffiziere, den sogenannten „Strategic Corporals“, gewährleistet sei. Er verwies dabei auf die immer größer werdende Verantwortung der „Squad Leader“ in robusten Einsatzräumen inmitten der ansässigen Zivilbevölkerung. General Scaparrotti wies in seinem Initialvortrag auf den in Europa einzigartigen Lehrgang für die Kommandounteroffiziere der ungarischen Streitkräfte hin. Er meinte, dass die wichtigste Auswahl in jeder Armee jene der Unteroffiziere sei, was auch die Herausforderungen der Zukunft bestätigen würden. Die professionelle Zusammenarbeit der Kommandanten mit ihren Kommandounteroffizieren ist von einem konstruktiven Arbeitsklima, dem korrekten Umgang miteinander und der Devise „fordern und fördern“ unmittelbar abhängig.

In einem weiteren Referat ging Command Chief Jack Johnson Jr. auf die Entwicklung des Unteroffizierskorps der NATO ein. Er hob vor allem die Rolle der Kommandounteroffiziere als „Schlüssel“ des Kommandanten zu seinen Unteroffizieren hervor. Johnson erwähnte, dass Spitzenunteroffiziere zur Erfüllung ihrer Aufgaben ein hohes Bildungsniveau bis zum Universitätsabschluss benötigen würden. Er betonte, dass den Offizieren zwar nicht die militärische Führung aus der Hand genommen werden dürfe, aber der Kommandounteroffizier als Berater mit umfassendem Wissen ein Mitarbeiter auf Augenhöhe sein soll.

Command Sergeant Major Petek informierte die Teilnehmer über die aktuellen Einsätze der NATO, wobei die weltumspannende Bedeutung dieser Allianz deutlich zum Ausdruck kam. Petek sprach dabei die Anstrengungen der Mitgliedsstaaten für eine stabile und sichere Weltordnung für den gesamten Globus an. Der Spitzenunteroffizier wies darüber hinaus auf die aggressive Expansionspolitik und die daraus resultierende Bedrohung durch das immer stärker werdende Russland hin. Als Beispiele dafür erwähnte er die Lage in der Ukraine und am Baltikum.

In weiteren Informationsvorträgen konnten sich die Teilnehmer der internationalen Woche über die Strukturen der Unteroffizierskorps verschiedener Länder sowie deren Ausbildungsmodelle ein Bild machen. Die Vertreter der Ukraine, Tschechiens, Litauens, Estlands, der Niederlande und Ungarns präsentierten dabei ihre Unteroffizierssysteme. Hier wurde deutlich, wie sehr diese Systeme vom Stützapparat einer Kommandounteroffiziersstruktur getragen werden. Dass in NATO-Mitgliedsstaaten sowie in einigen PfP-Staaten die Modellstruktur der US-Streitkräfte angewandt wird, liegt auf der Hand. In der Umsetzung wurden aber die Unterschiede sichtbar. Der Bogen spannt sich von einem nahezu perfekten System wie etwa in den Niederlanden bis hin zu eingeschränkten Adaptionen, beispielsweise in Bulgarien. In Österreich stellt sich die Situation im Vergleich zu den gängigen NATO-Strukturen so dar, dass der Wille einer vollständigen Implementierung des Kommandounteroffiziers nur gering ausgeprägt ist.

Die zahlreichen Referate und Vorträge waren nur ein Ziel der internationalen Woche. Ein weiteres war das Knüpfen eines Netzwerkes, wozu das Erholungs- und Konferenzzentrum Balatonakarattya am Plattensee eine geeignete Bühne bot. In den Gesprächen zwischen den internationalen Unteroffizieren und den ungarischen Kursteilnehmern konnten Meinungen und Standpunkte ausgetauscht werden. Dabei wurden unterschiedliche Sichtweisen der vergangenen und der gegenwärtigen Geschichte erörtert, viele Gemeinsamkeiten entdeckt aber auch Missverständnisse ausgeräumt.

Vortrag während der Internationalen Woche des „Command Senior Enlisted Leader - Course“ der ungarischen Streitkräfte. (Foto: Bundesheer/Rudolf Pfalzer)
Vortrag während der Internationalen Woche des „Command Senior Enlisted Leader - Course“ der ungarischen Streitkräfte. (Foto: Bundesheer/Rudolf Pfalzer)
Zwei Teilnehmer der Internationalen Woche des „Command Senior Enlisted Leader - Course“ bereiten eine Präsentation vor. (Foto: Bundesheer/Rudolf Pfalzer)
Zwei Teilnehmer der Internationalen Woche des „Command Senior Enlisted Leader - Course“ bereiten eine Präsentation vor. (Foto: Bundesheer/Rudolf Pfalzer)

Gala der Unteroffiziere

Die internationale Woche wird traditionell mit der Gala der Unteroffiziere im Stefania-Palast in Budapest abgeschlossen. Die Teilnahme an dieser Veranstaltung, zu der nur geladene Gäste Zutritt haben, ist eine große Ehre für ungarische Unteroffiziere. An der Spitze der Ehrengäste standen General Tibor Benkö und Brigadegeneral Tibor Bozó. Des Weiteren waren die Kommandounteroffiziere der ungarischen Streitkräfte sowie die Spitzenunteroffiziere geladen, die an der internationalen Woche teilnahmen. Zusätzlich waren verdiente Unteroffiziere und die Teilnehmer des 5. CSEL-Kurses, insgesamt etwa 200 Besucher, vor Ort.

Das Organisationskomiteé unter Leitung des Kommandounteroffiziers der ungarischen Streitkräfte, Command Sergeant Major István Kriston, sorgte für ein besonderes Fest. Im ersten Teil der Veranstaltung versammelten sich die Gäste im Theater des Stefania-Palastes, wo eine folkloristische Darbietung mit Tanz und Gesang erfolgte. Das Thema war die wechselvolle ungarische Geschichte zwischen dem Revolutionsjahr 1848 und dem Fall des Eisernen Vorhangs 1990. Danach wechselten die Gäste in das ehemalige Offizierskasino der Ungarischen Volksarmee, das nur etwa hundert Meter vom Theater entfernt ist, zum Galadiner.

Erkenntnisse und Fazit

Die Teilnahme an der internationalen Woche mit der abschließenden Gala war von einem offenen Gesprächsklima in einer freundschaftlichen Atmosphäre geprägt. Die Teilnehmer informierten sich über die aktuelle Lage der Unteroffizierskorps der verschiedenen Nationen, wobei die Systeme der NATO-Mitglieder im Fokus standen. Eine wesentliche Botschaft war, dass die Bedeutung eines hohen Bildungsniveaus für Unteroffiziere stetig zunimmt. Das zeigte sich auch im formalen Bildungsgrad der Spitzenunteroffiziere, die an der internationalen Woche teilnahmen. Dieser reichte von der Matura über ein Bachelor-Studium bis zum Universitätsabschluss als Master. In diesem Bereich hat das österreichische Unteroffizierskorps im internationalen Vergleich einen Nachholbedarf.

Die Ausbildung von Spitzenunteroffizieren in den ungarischen Streitkräften ist ein positives Beispiel und eine nachahmenswerte Errungenschaft zum Wohle des Unteroffizierskorps. Zur Vertiefung internationaler Kontakte sollten österreichische Unteroffiziere auch in Zukunft an der internationalen Woche teilnehmen.

Vizeleutnant Rudolf Pfalzer ist Kommandounteroffizier der Heeresunteroffiziersakademie.

 

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